"Neuer Kennedy" in Berlin

Barack Obama fühlen

Landung in Tegel, Gespräche mit Kanzlerin und Außenminister, vor der Siegessäule sammeln sich Menschenmassen, alle wollen ihn hören: Barack Obama.

Verzichtet auf Bad in der Menge: Barack Obama. Bild: reuters

"Ob ich den kleenen Obama druffkriege?" Mit zweifelndem Blick schaut Harald George auf das gerade anfliegende Flugzeug. Der Berliner Rentner fotografiert als Hobbyflieger von der Besucherterrasse des Flughafens Berlin-Tegel aus, an manchen Tagen sind es bis zu 700 Stück. Doch die aus Jerusalem kommende Boeing 757 des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama an diesem Donnerstagmorgen zu knipsen, das wäre schon etwas Besonderes, meint er, "sonst wäre ich um die Zeit noch nicht hier". Denn Obama, der gefalle ihm, der sei so "jung und dynamisch". Und George W. Bush habe ja trotz einer sehr knappen Mehrheit "einen Krieg vom Zaun gebrochen".

Dann landet um 9.51 Uhr die weiße Maschine des US-Präsidenten in spe - und sieben Kamerateams filmen jede Sekunde des langsamen Anflugs, des langsamen Ausrollens, des langsamen Wendens … Zu sehen ist Obama nicht, auch nicht mit den monströsesten Objektiven. Er steigt im militärischen Terminal des Flughafens aus. Immerhin, die Maschine mit Obamas Logo und dem Spruch "Change we can believe in" ist hübsch anzusehen.

Die deutsche Hauptstadt im Obama-Fieber? Das wäre stark übertrieben - denn der von vielen als charismatisch beschriebene Politiker hielt sich mit öffentlichen Auftritten bis zu seiner mit Spannung erwarteten Rede unter der Siegessäule im Tiergarten sehr zurück. Kein Bad in der Menge, nur ein sachtes Winken aus dem Auto, vor den Kamerateams, die dafür stundenlang Schmiere standen. Wie anders bei diesem anderen Besuch eines amerikanischen Spitzenpolitikers 1963, als Präsident John F. Kennedy 64 Kilometer im offenen Wagen durch Westberlin fuhr, umjubelt von über einer Million Menschen am Straßenrand. Zumindest bis zum Abend wurde der "neue Kennedy" diesem Vorbild nicht gerecht.

Dafür läuft alles wie am Schnürchen: Punkt 11 Uhr fährt der Wagentross vor dem Kanzleramt vor, auch hier ein paar Dutzend Schaulustige. Die Frau vorm Kanzleramt im stark gemusterten Kostüm sagt: "Sie stehen nicht auf meiner Liste." Auf der Liste jedoch sollte stehen, wer zuschauen will, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer "Skylobby" Obama die Hand schüttelt. Es stellt sich heraus, dass ein paar Journalisten dabei sein dürfen. Von denen heißt es später, dass ihre Spannung in helle Empörung umgeschlagen sei, als Obama das Händeschütteln auf zehn Sekunden begrenzen wollte. So haben Merkel und Obama das Händeschütteln dann vor dem Fenster fortgesetzt, und Merkel soll in angeblich einwandfreiem Englisch gesagt haben, "it looks better here". Später winken beide vom Balkon.

Drei Stunden später steigt Obama im Hof des Außenministeriums aus dem weißen, dicken Chevrolet der US-Botschaft. Außenminister Frank-Walter Steinmeier begrüßt ihn am Fuß der Treppe, die Obama mit dem aus dem Fernsehen vertrauten Groove heraufsteigt. Oben sagt er mit in der Realität sogar noch breiterem, weißem Lächeln: "Hallo!" In der ersten Reihe des Medienpulks dürfen die US-Journalisten stehen. Steinmeier sieht neben Obama sehr knubbelig aus. Eine dreiviertel Stunde später, als er Obama winkend wieder verabschiedet hat, sagt er noch, dass sie beide für "Kooperation statt Konfrontation" seien.

Vor dem Seiteneingang des Auswärtigen Amtes steht Rosi aus Tempelhof mit ihrer Freundin Christa. Die siebzigjährige Rosi ("Ich bin ja ein Kriegskind.") hat Kennedy mit 25 Jahren damals in Berlin erlebt - und schwärmt noch heute von dem "großen Erlebnis". Dass sie nun Obama nur wenige Sekunden durch die Fensterscheibe seines weißen, gepanzerten Chevrolets bewundern konnte, macht ihr nichts aus. "Das hat mir was gegeben", betont sie, "drei, vier Meter - direkter geht es nicht."

Auf dem Weg zur Siegessäule ist die Potsdamerin Kathrin Warweg mit ihrem Sohn Noah. Die Gemeindepädagogin hat sich ein Plakat mit einem Rad fahrenden Obama gebastelt, das sie an einem Besenstiel befestigt hat. Sie findet Obama gut, und dieses Foto besonders, weil es ihn "als Freizeitmenschen" zeigt, der ihrem achtjährigen Noah so ähnele. Aber keinerlei Transparente sind bei der Kundgebung im Tiergarten erlaubt. Obama will an diesem Tag schöne Bilder aus Berlin. Aber die, die er will.

Mittlerweile haben sich Zehntausende an der Siegessäule eingefunden, um Obama zu sehen und sprechen zu hören. Die SAV, eine kleine sozialistische Splittergruppe, fordert vor der Absperrung den Abzug aller westlicher Truppen aus Afghanistan. An der Absperrung kontrolliert der Brite Haroon Ali, 17 Jahre alt. Der junge Mann ist mit seinem Vater und seinen beiden Schwestern eigens an diesem Tag aus Wales nach Berlin gekommen, um den Obama-Leuten zu helfen. "Das ist eine Chance, die es nur einmal im Leben gibt", schwärmt er und fügt hinzu: "Obama wird die Welt verändern."

Mittlerweile ist schon hundert Meter vor der Absperrung kein Durchkommen mehr. Die Stimmung erinnert an ein Rockkonzert. Wie viele hierherströmen, lässt sich nur schwer abschätzen. Auf bis zu eine Million Besucher hat sich die Berliner Polizei eingestellt.

Dann läuft der Mann im blauen Anzug zum Pult. Er winkt, lächelt. Die Menschen lassen ihn nicht sprechen, jubeln. Senator Obama sagt: "Thank you" und wieder "Thank you". Die Leute erwidern im tausendstimmigen Chor: "Yes, we can!" Dann kann Barack Obama seine Rede beginnen. Nur ein einziger Hubschrauber steht in der Luft. Er spreche nicht als Kandidat, sagt er. Er sei gekommen, um als Bürger zu sprechen. Er erzählt von seinem Vater, der Ziegen in Kenia gehütet habe, dem es aber immer um die Freiheit gegangen sei.

Deswegen, sagt er, sei er hier: "Diese Stadt kennt den Traum der Freiheit." Barack Obama wird von Jubel übertönt. Er blickt ernst, fast nachdenklich. Luftbalons steigen nach oben. Im 21. Jahrhundert, in unsere Zeit, seien wir stärker voneinander abhängig als jemals in der Geschichte. Er spricht vom weltweiten Terrorismus. Dass von Hamburg aus die Pläne geschmiedet wurden, die die Twin Towers zum Einsturz brachten. "Niemand kann diese Herausforderung allein meistern." Und "Europa und Amerika werden in diesem Jahrhundert mehr tun müssen und nicht weniger". Nun sei es an der Zeit, die Arsenale zu reduzieren. "Frieden in der Welt entsteht ohne Nuklearwaffen", sagt Obama. "Das ist der Zeitpunkt, um zusammenzustehen". Und dann gibt es das, worauf die Leute gewartet haben: Barack Obama geht zum ersten Mal in die Menge und schüttelt den Menschen die Hände.

 

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