Tanzoper unterm Sternenhimmel

Der magische Moment

Der Kritik war sie erst zu aggressiv, dann zu seicht. Pina Bausch hat sich nie beirren lassen. Jetzt tanzt das Ballett der Pariser Oper ihr Ballett "Orpheus und Eurydike" mit viel Erfolg.

Immer sehenswert: Pina Bausch und ihr Werk Bild: dpa

Wäre sie Japanerin, sie hätte den Status eines Living National Treasure. Bei uns gibts so was nicht, bei uns gibt es das Bundesverdienstkreuz - das hat Pina Bausch natürlich längst, dazu drei Dutzend weiterer Auszeichnungen aus aller Welt, sogar den Praemium Imperial, vulgo Nobelpreis der Künstler. Nun ist ihr in Griechenland, auf dem Hellenic Festival, eine Ehrung zuteil geworden, herzerwärmender als jeder Preis: Als Pina Bausch sich im Antiken Theater von Epidauros verbeugt, springen 10.000 Menschen spontan von ihren Plätzen auf und feiern sie mit den größten Standing Ovations, die selbst sie je gehabt haben wird.

Das Hellenic Festival, seit Yorgos Loukos es 2006 übernommen hat, ist auf dem Weg zu einem der wichtigsten Europas zu werden. Mit den antiken Theatern von Epidauros und Athen, mit vielen neu eröffneten Spielstätten in verlassenen Fabrikhallen verteilt sich ein riesiges Programm über Monate. Baryshnikov und Trisha Brown, die Wooster Group und Ostermeiers "Hamlet"-Premiere, Fiona Shaw und Maria Farantouri: Das Programm ist nicht nur groß, bunt und anspruchsvoll, sondern schafft auch neue Rezeptionsräume für die Klassiker der Moderne.

Unbeirrbar insistieren

Pina Bausch gehört zu den mythischen Künstlern dieser Welt, geliebt und verehrt als Ikone der wilden Tänze und der zarten Vergeblichkeiten. Was für ein Weg, den sie gegangen ist: von der bekämpften Tabubrecherin, die Gewalt und Unterdrückung bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus thematisierte, dann unser aller Leben in szenische Mosaikstücke zersplitterte, die jeder sich anders zusammensetzen konnte, bis schließlich zu weltumspannenden Koproduktionen, die den großen Fragen der Menschheit mit wissendem Kinder-Altersblick begegnen. Und immer wurde an ihr herumgemäkelt, vor allem in Deutschland: Erst war sie zu aggressiv, später zu seicht - immer wussten ihre Kritiker, wie es besser wäre, statt erst einmal zu sehen, wie es war. Es kostet viel Kraft und viel Geduld, sich dadurch nicht beirren zu lassen und der inneren Stimme zu vertrauen statt den äußeren Ratschlägen.

Wenn man die 1975 entstandene Tanzoper "Orpheus und Eurydike" 33 Jahre später sieht, in der Einstudierung mit dem Ballett der Pariser Oper, dann kann man nicht umhin, den ebenso weiten wie folgerichtigen Weg der Choreografin zu bewundern. Ihre Herkunft vom deutschen Ausdruckstanz ist deutlich zu spüren, und es gibt auch schon die berühmten Bausch-Bewegungen, die noch Jahrzehnte später immer wieder aufblitzen: das weit ausholende, wie weggeschleuderte Kreisen der Arme, die über den Kopf erhobenen Hände, die gekrümmten Körper, die sich jäh aufbäumen. Auch im Bühnenbild von Rolf Borzik scheinen schon viele seiner späteren Ausstattungen vorweggenommen: die Verbindung von toter und lebender Materie, der Einbruch der Natur in eine fest gefügte Konstruktion, die leeren Räume, die größtmögliche Intensität bedingen.

Orpheus zu Hause

Christoph Willibald Glucks Oper, auf Deutsch gesungen, ist hier in vier Bilder gegliedert, die Trauer, Gewalt, Friede und Tod heißen. Borzik schuf dafür vier schwarz-weiße Räume, in denen mal ein entwurzelter Baum liegt, mal meterhohe Holzstühle auf dünnen Beinen emporragen. Riesige Stoffbahnen, als Brautschleier oder Leichentuch erkennbar, sind die einzigen Requisiten. Orpheus ist nackt bis auf einen Lendenschurz, Eurydike im weißen, im letzten Bild blutroten Kleid, die drei Zerberusse mit schweren Schürzen wie archaische Schmiede, die Sängerdoubles, Corps und Chor in neutralem Schwarz. Den drei Hauptfiguren Orpheus, Eurydike, Amor sind drei Sängerinnen beigegeben, die unabhängig oder mit ihnen gemeinsam agieren. Oft zieht sich die Doppelung diagonal über die weite Bühne, sie betrachten einander, nähern sich an und stehen oder knien schließlich Körper an Körper.

Die Choreografin abstrahiert die Geschichte, verwandelt sie in fließende, flehende Bewegung oder erstarrt verharrenden Schmerz. Der mit großer Intensität und geballter Kraft tanzende Yann Bridard ist als Orpheus zu Beginn wie gelähmt vor Trauer über den jähen Tod seiner Frau Eurydike (Marie-Agnes Gillot). Wenn die Götter ihm gestatten, sie aus der hier ganz hellen und lichten Unterwelt zurückzuholen, er mit Furien und Höllenhunden kämpft, werden seine wie deren Bewegungen zunehmend eckig und fahrig. Wenn er sie schließlich hinausführt, tritt eine Ruhe ein, die voller Unruhe ist, so als wüsste er schon, dass der verbotene Blick geschehen und alles zunichte machen wird.

Das aufwühlende Schlussbild mit seinen groß ausgestellten Leidensbewegungen ist ein magischer Moment. Die Orpheus-Sängerin Maria Riccarda Wesseling legt den Körper der Tanz-Eurydike quer über den des Stimmdoubles, während Orpheus wie zu Beginn in Schmerz erstarrt. Zusammengekauert hockt er an der Rückwand, später wird er über die Bühne geschleift. In der kaum noch zu ertragenden Intensität des Leidens klingt selbst die Wunschkonzertarie "Ach, ich habe sie verloren" plötzlich zart und neu. Überhaupt steht die musikalische Seite der Aufführung durch das Balthasar-Neumann-Ensemble und Chor unter Leitung von Thomas Hengelbrock der Choreografie in nichts nach. Die viel gerühmte Akustik des Antiken Theaters von Epidauros lässt Glucks Musik so himmlisch rein klingen, dass weder Grillen unten noch Flugzeuge oben ihr etwas anhaben können. Gluck und Zikaden, Bausch und Garnier - es ist ein grandioser Abend, an dem Orpheus in seine Heimat zurückkehrt. Schon jetzt wird spekuliert, ob Bauschs "Orpheus und Eurydike" im nächsten Jahr wieder zum Hellenic Festival kommen wird.

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