Gegner fordern Stopp von Bahnhofsumbau

Stuttgart 21 laut Studie doppelt so teuer

Der Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs wird 6,9 Milliarden Euro kosten, rechnen Gegner des Projekts vor. Die Bahn nennt die Berechnungen "haltlos".

So soll der Stuttgarter Hauptbahnhof nach Wünschen der Bahn aussehen. Bild: dpa

BERLIN taz Der unterirdische Bahnhof Stuttgart 21 wird mindestens 6,9 Milliarden Euro kosten - und damit zweieinhalbmal so viel, wie die Deutsche Bahn offiziell veranschlagt hat. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die das Münchner Planungsbüro Vieregg-Rössler gestern in der baden-württembergischen Hauptstadt vorstellte.

Die Verkehrswissenschaftler hatten bereits in diesem Frühjahr bei der Beerdigung des Transrapid in München Furore gemacht. Sie hatten frühzeitig realistische Prognosen auf den Tisch gelegt, und schließlich mussten auch die Befürworter einräumen, dass sie sich jahrelang verrechnet hatten. Auf eine ähnliche Entwicklung in Stuttgart hoffen der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Bündnis 90/Die Grünen, die das gestern veröffentlichte Gutachten in Auftrag gegeben hatten. Sie schlagen eine wesentlich billigere Modernisierung des Bahnhofs vor.

Für ihre Berechnung haben die beiden Experten aus München zunächst die Tunnelvolumen kalkuliert. Als Kostenmaßstab legten sie die Durchschnittspreise bei vergleichbaren Bauwerken zugrunde. Weil die unterirdisch geführte Strecke inzwischen auf 33 Kilometer angewachsen und damit deutlich länger als in den Ursprungsplänen geworden ist, steigt auch der Finanzbedarf. Zu den Baukosten addierten Vieregg-Rössler noch den Aufwand für Planung, Lärmschutzwände, die Verlegung von U-Bahn-Stationen und andere städtebauliche Umbauten. Summa summarum kommen sie auf 5,6 Milliarden, gerechnet auf einer Preisbasis aus dem Jahr 2006. Bis das ganze Projekt in zwölf Jahren fertig ist, kostet es 6,9 Milliarden - vorsichtig geschätzt. Denn während die Baukosten zurzeit jährlich um 12 Prozent steigen, gehen die beiden lediglich von einem Preisanstieg von 2 Prozent im Jahr aus. Der ehemalige Präsident der Bundesarchitektenkammer und heutige Hochschullehrer Roland Ostertag war vor ein paar Wochen auf Gesamtkosten bis zum Jahr 2019 von 7,5 Milliarden gekommen.

Stuttgart 21 sei sofort zu stoppen, forderte die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender. Sollte das Projekt durchgedrückt werden, sei eine Ausdünnung des Nahverkehrs im Ländle absehbar, weil künftig das Geld dafür fehlen werde, prognostizierte sie.

Die Bahn bezeichnete die Kostenberechnungen der Gutachter als "haltlos". Stuttgart 21 sei eines der "am besten und umfassendsten geplanten Projekte" des Unternehmens. Der Kostenrahmen werde eingehalten.

Nach bisherigem Zeitplan sollen Bahnchef Hartmut Mehdorn, Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee und Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger den Finanzierungsvertrag am 11. September unterzeichnen. Bereits letzten Sommer hatten sie die avisierten Kosten von 2,8 Milliarden Euro aufgeteilt. "Eventuelle Kostensteigerungen" von bis zu 1,3 Milliarden trägt demnach vor allem das Land. Wer bei noch höherem Kosten einspringen soll, ist ungeklärt.

"Die im letzten Jahr erzielte Übereinkunft ist nach dem heutigen Gutachten hinfällig geworden," meinte Grünenfraktionschef Werner Wölfle gestern und forderte Oettinger auf, zu den Mehrkosten konkret Stellung zu nehmen. Die Mitglieder des vor zwei Jahren von Oettinger gegründeten Unterstützerkreises würden zum Teil unmittelbar vom Zustandekommen der Riesenbaustelle profitieren. Dazu gehört zum Beispiel Martin Herrenknecht, Chef von Europas führender Firma für Tunnelbohrmaschinen. Der Aufsichtsratsvorsitzende bei Herrenknecht ist Exministerpräsident Lothar Späth. Auch mehrere mit der Politik verbandelte Bauunternehmen und Banken sind dort vertreten.

 

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