Mythos Sex im Flugzeug

Die Heiße-Luft-Nummer

Von Hefner bis Led Zeppelin: Der Mile High Club ist ein exklusiver Club. Dabei sein darf, wer in einem Flugzeug Sex hatte. Das zu bewerkstelligen, ist nicht so einfach.

Klarer Fall von Sex im Flieger? Der Mile-High-Looping. Bild: photocase

Lawrence Sperry hatte beim Fliegen gerne die Hände frei. Die Gründe dafür sorgten 1916 für reichlich Gesprächsstoff in New York. Denn an einem Novembertag jenes Jahres war der junge Fluglehrer und Erfinder des Autopiloten Sperry mit seiner Schülerin Mrs. Waldo Polk samt Flugboot aus den Wolken in die Great South Bay vor Long Island gestürzt. Das Paar wurde lebend aus dem Wrack geborgen, erstaunlicherweise fehlte den beiden nichts - außer ihrer Kleidung. Auf dem Weg zum Krankenhaus erklärte Sperry deren Verlust mit der Wucht des Flugzeugaufpralls.

Die Darwin Awards werden "jedes Jahr an jene (Reste von) Individuen" verliehen, "die alles gegeben haben, unseren Genpool zu verbessern" - nämlich ihr Leben. Im Jahr 1994 nominiert war der beischlafbedingte Crash eines Kleinflugzeugs in Florida. Die halbnackten Leichen der beiden Insassen wurden auf dem zum Bett umfunktionierten Sitz des Kopiloten gefunden. "Gewonnen" hat 1994 ein Mann, der von einem Getränkeautomaten erschlagen wurde, als er "offensichtlich unter Anwendung ungeschickter und unangebrachter Gewalt" versuchte, ein Getränk aus der Maschine zu klauen.

Während sich das Publikum am Boden über die Erklärung amüsierte, erhoben die Fliegerkollegen den jungen Helden der Lüfte und der Frauen, der sieben Jahre später im Alter von nur 31 Jahren im Ärmelkanal tödlich verunglückte, zum Gründer des Mile High Club. In dem sind seither all diejenigen Mitglied, die über den Wolken Sex hatten. Zunächst zählte angeblich nur die Luftnummer, die im Cockpit und in einer Höhe von wenigstens einer Meile über dem Meeresspiegel stattfand. Mittlerweile rechnen sich auch Flugpassagiere zu den Klubmitgliedern, die an Bord zum sexuellen Höhepunkt kamen. Wie hoch deren Zahl ist, weiß man nicht, denn der exklusive Verein ist ein virtueller. Es gibt keinen Vorstand und keine Mitgliedsausweise.

Kürzlich befeuerte Ryanair-Boss Michael OLeary den Mythos auf einer Pressekonferenz mit der Ankündigung, es gebe bald Langstreckenflüge in die USA und eine Business Class für bis zu 5.000 Euro - "Bed and Blowjob inclusive". Transatlantikflüge mit offiziellem Sexangebot? Da gab es hinterher dann doch einiges zu dementieren. Die Redewendung aus der englischen Gossensprache, klärte man auf, bedeute schlicht luxuriöser Komfort und Topservice.

Auch eine offizielle Anfrage bei der Lufthansa erbringt keine konkreten Zahlen, sondern ein Dementi. Pressesprecher Thomas Jachnow ist "nicht ein Fall bekannt", in dem es zu körperlichen Annäherungen eines Paares über den Wolken gekommen ist. "Es gibt in Internetforen gefälschte Flugberichte, in denen über sexuelle Handlungen berichtetet wird, aber wenn Sie dem Einzelfall nachgehen, kann sich keiner erinnern. Die kolportierten Fälle haben sich immer als Ente herausgestellt, sobald wir auch nur eine Anfangsrecherche gestartet haben." Der Mile High Club gehört für ihn eindeutig ins Reich der Legenden. Ein Sexverbot gebe es in Passagiermaschinen allerdings genauso wenig wie auf einer Polizeistation: "Es besteht eine allgemeine Rechtslage, was den Verstoß gegen Sitten und Ordnung betrifft, und die gilt am Boden genauso wie an Bord eines Flugzeuges. Das ist ja auch im Interesse der Passagiere."

Das Interesse der Passagiere scheint jedoch unterschiedlich zu sein. Jedenfalls beschwerte sich ein Fluggast von Singapore Airlines vor kurzem gegenüber der britischen Times: "Sie verkaufen dir ein Doppelbett, geben dir Privatsphäre und Champagner ohne Ende - und dann verbieten sie dir das, was sich ganz selbstverständlich ergibt?" Der Mann gehörte zu den Passagieren des Jungfernflugs des Riesenjets A 380, in dem die renommierte Airline teure Privatkabinen mit Doppelbetten anbietet. Zugleich hatte sie ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die nicht für den Beischlaf gedacht seien und in ihren Maschinen weiterhin ein absolutes Sexverbot gelte.

Bei der Billigfluggesellschaft EasyJet ist das Kabinenpersonal laut Sprecher Oliver Aust angewiesen, "jeweils nur eine Person im WC zuzulassen. Es gibt also kein explizites Sexverbot, jedoch ein indirektes." Und wenn sich jemand nicht daran hält und libidinös über die Stränge schlägt? "Falls es doch einmal vorkäme, so würden wir die Konsequenzen im Einzelfall abwägen, allerdings wäre ein Flugverbot eine relativ drastische Maßnahme."

Scheint so, dass der Mythos vom Sex über den Wolken spannender ist als die Realität. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Von einer langjährigen Lufthansa-Flugbegleiterin ist zu erfahren, dass nicht nur die Bordtoilette ein beliebter Ort für sexuelle Abenteuer ist. Bei Nachtflügen, in denen die Flugzeuge nicht so voll sind, wurde schon mal in den Sitzreihen "ordentlich gefummelt", hat die Stewardess zu ihrer eigenen Überraschung beobachtet.

Wer nicht nur halb zur Sache kommen will, der muss vorsorgen und zum Beispiel bei Virgin Atlantic Airways buchen. Die britische Gesellschaft bietet wie Singapore Airlines Doppelbetten, die allerdings ausdrücklich mit Blick auf die spezielle Kundenbefriedigung eingebaut wurden - Folge eines Jugenderlebnisses des Airline-Gründers Richard Branson. Der britische Unternehmer und Milliardär war als 19-Jähriger auf einem Langstreckenflug ein spontanes sexuelles Abenteuer mit einer Sitznachbarin eingegangen. Stilecht in einer Flugzeugtoilette - der "Traum eines jeden Mannes", wie er in einem Interview erzählte. Allerdings war die Realität nicht ganz so himmlisch, wie man es sich in der Fantasie ausmalt. Das Problem war, dass "man diese Akrobatik nicht lange durchhalten kann und obendrein die anderen Fluggäste an die Tür trommeln". Als er etliche Jahre später seine eigene, vor allem auf Kundenfreundlichkeit getrimmte Fluggesellschaft gründete, war ihm die Erinnerung an das komplizierte Treiben in der Bedürfniszelle noch so präsent, dass er für potenzielle Nachahmer Doppelbetten einbauen ließ.

Als guter Bekannter der englischen Rockstarelite weiß der Exchef der Plattenfirma Virgin Records natürlich, dass es allemal noch bequemer geht. Legendenumwoben sind die Vergnügungen, mit denen sich die Musikercrew von Led Zeppelin in ihrer eigenen Boeing "Starship" auf ihren Konzertreisen in Stimmung hielt. Oft nahmen die Heavy Rocker Groupies mit an Bord, um die Mitgliederzahlen im Mile High Club stetig nach oben zu treiben. Eine Ehrensache für die Schöpfer von "Stairway to Heaven".

Das berühmteste Sexspiel-Flugzeug war jedoch standesgemäß die DC-9 von "Playboy"-Herausgeber Hugh Hefner. Seine "Big Bunny" verfügte unter anderem über eine Disco sowie Schlafstätten für 16 Gäste und wurde auch von Elvis Presley für seine Tournee 1974 gechartert. Andere Musiker treten sogar regelmäßig im Klub auf. Genauer gesagt in Elis Mile High Club im kalifornischen Oakland, der als "Home of the West Coast Blues" gilt. Adam Ant wiederum besang den "Mile High Club" 1981 auf seinem Album "Prince Charming", während der Texaner Richard "Kinky" Friedmann ihn 2000 literarisch würdigte ("The Mile High Club", in Deutschland "Der glückliche Flieger"). Auch in Hollywood wird das Andenken an den luftigen Verein hochgehalten. In "So was wie Liebe" (2005) macht eine hübsche Punkrockerin (Amanda Peet) einen jungen Kerl (Ashton Kutcher) eine halbe Stunde nach Abflug zum Klubmitglied. Zum glücklichen Flieger zu werden, versprechen derweil auch mehrere Kleinunternehmen gegen Geld. Ein New Yorker Veranstalter offeriert für 599 Dollar das Package "The Quickie" mit einstündigem Flug, Souvenirbettwäsche und Zertifikat.

Während Sex über den Wolken für jeden möglich ist, ist das nächst Höhere noch unerreicht: Sex im Weltall. Auch darum hat sich längst ein Mythos aufgebaut. Im Internet wird reichlich spekuliert, ob der Geschlechtsakt über dem Himmel bereits vollzogen wurde. Aktueller Diskussionsstand: Eher nein! Trotz anders lautender Behauptungen, beispielsweise des englischen Daily Star. Der kürte die Russin Swetlana Sawitzkaja, die 1982 mit vier männlichen Kollegen einen Monat an Bord der Station Saljut 7 um die Erde kreiste, zur galaktischen Sexpionierin. Doch das erwies sich ebenso als Ente wie die Enthüllung des französischen Wissenschaftsautors Pierre Kohler, der in seinem Buch "Die letzte Mission" behauptete, dass es 1996 bei der Nasa geheime Experimente mit diversen Stellungshilfen in den Space Shuttles gegeben hätte. Der Kosmonaut Talgat Musabajew berichtete 2001 in einem Interview, die russische Raumstation MIR sei schon aus Platzgründen und wegen der permanenten Kameraüberwachung ein Ort der sexuellen Enthaltsamkeit gewesen. Er räumte jedoch ein, dass sich im Hinblick auf kosmische Langzeitexpeditionen "schon viele Kommissionen" mit der Problematik befasst hätten.

Noch also scheint der Klub für außerirdischen Sex nicht gegründet, aber die Zeiten sind möglicherweise nicht fern, denn die Ära der privaten Raumflüge rückt näher. Ganz vorn dabei ist Richard Branson, der mit dem Unternehmen Virgin Galactic Weltalltouristen befördern will. Ob es an Bord seiner VSS Enterprise auch Doppelbetten geben wird, hat Branson nicht gesagt. Wundern würde man sich nicht.

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