Besuch bei der Ex-Grünen Halo Saibold

Glückliche Kassandra

Teures Benzin, weniger Flugreisen - mit diese Schlagworten kann man heute jede Klimakonferenz bestehen. Vor zehn Jahren haben sie die Grünen-Abgeordnete Halo Saibold die Karriere gekostet.

Halo Saibold (r) könne "auch mal die Klappe halten", fand Joschka Fischer damals. Bild: dpa

ALDERSBACH taz Seltsam sind Bonsai-Züchter: Einerseits verkrüppeln sie Großes, um es klein zu halten. Andererseits erschaffen sie im Kleinen das Große. Sie öffnen die Augen für die Schönheit des Großen im Kleinen. Halo Saibold ist eine leidenschaftliche Bonsai-Züchterin.

1. Oktober 1943: Hannelore ("Halo") Saibold wird im oberschlesischen Bankau geboren und wächst nach der Flucht der Familie im niederbayerischen Aldersbach auf, wo sie heute wieder wohnt. Seit Ende der 70er Jahre engagiert sich Saibold für die aufkommende Ökobewegung und gründet die Grünen in Bayern mit.

22. März 1998: Die Bild am Sonntag zitiert ein paar Sätze der grünen Bundestagsabgeordnete Saibold. Der Kernsatz: "Es reicht vollkommen aus, wenn die Deutschen nicht jedes Jahr, sondern nur alle fünf Jahre eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug machen." Große Teile der Öffentlichkeit, aber auch viele Parteifreunde sind entsetzt.

27. September 1998: Saibold verpasst den Wiedereinzug in den Bundestag. Ihre politische Karriere ist beendet. GES

Halo Saibold, ist das nicht die Grünen-Politikerin, die den Deutschen Flugreisen verbieten wollte? Hatte sie nicht einen Benzinpreis von fünf Mark pro Liter gefordert? Und votierte sie im Bundestag nicht gegen die NATO-Osterweitung und trat aus Protest gegen den Kosovo-Krieg aus ihrer Partei aus?

Vieles von dem stimmt nur so halb, wie manches, was über Halo Saibold zu hören ist. Dabei lag sie bei vielem richtig: Der Benzinpreis liegt schon jetzt bei mehr als 1,50 Euro - und wird sicherlich noch weiter steigen. Erste Airlines stellen ihre Flüge ein, da der Ölpreis zu hoch liegt. Die Diskussion um klimafreundliche Ferienreisen ist voll entbrannt, gerade gestern gab es neue Vorschläge dafür. Überhaupt: Energie wird immer knapper und teurer, der Klimawandel ist da. War Saibold also die Prophetin im eigenen Land, der niemand glaubt? Gleicht sie der trojanischen Königstochter Kassandra, deren Gabe der Vorsehung mit dem Fluch bedeckt war, dass niemand ihr glauben würde?

Man muss sich Kassandra als einen unglücklichen Menschen vorstellen - Halo Saibold ist es, zumindest auf dem ersten Blick, nicht. Mit ihrem 59-jährigen Lebensgefährten Heinz Menzel muss sie einen vom Bahnhof Osterhofen in Niederbayern abholen. Die Kleidung sommerlich leicht, die Haare weiß, die Sprachfärbung bayerisch: Saibold ginge gut als ökologisch angehauchte Dorf-Oma durch. Ihr Auto ist ein Diesel schluckender Familienwagen, den ihr Sohn ausgemustert hat.

Saibold wohnt am Rande des nahen Dorfes Aldersbach, am Käserberg. Es ist das Dorf, in dem sie aufwuchs. Niederbayern ist hier meist flach, wenig aufregend. Aber natürlich ist für sie die Heimat voller Geschichte, was sich auf der Fahrt zu ihrem Haus zeigt: Menzel weist am Horizont Richtung Pleinting, wo die beiden damals gegen ein geplantes Atomkraftwerk gekämpft haben.

"Zu Besuch bei Körner-Fressern", wirft Menzel selbstironisch ein - und tatsächlich, ihr Zuhause ist eine umgebaute Scheune, in der Küche steht die kleine, aber laute Getreidemühle für die Produktion des eigenen Brotes. Im Wintergarten treibt Sonnenenergie ein kleines Windrad-Spielzeug an. Am Ende des Grundstücks steht eine Klimastation, die Menzel mit der Ernsthaftigkeit eines Hobby-Meteorologen betreibt. Saibold führt im Hof des Anbaus Dutzende Bonsaibäume vor. Gerade hat sie sich noch einen Granatapfel gekauft - "dabei habe ich doch schon drei", sagt sie, Kopf schüttelnd, und lacht.

Vor allem aber ist da dieser unglaubliche, 3.300 Quadratmeter große Garten, groß wie ein Tagwerk, wie man früher sagte. Es ist ein kleines Paradies mit ein paar Rasenflächen, vielen Bäumen, exotischen Pflanzen, prächtigen Blumen, mehreren Sitzecken, einem kleinen Hühnerstall und einem großen Teich, in dem Saibold von März bis November morgens eintaucht - eintauchte, denn seit neuestem hat eine arge Algenvermehrung den Badefreuden ein Ende gesetzt, die Selbstreinigung des Tümpels hat versagt. "Das hat bisher ausgezeichnet hingehauen", sagt Saibold, "heuer ist es etwas problematisch."

Problematisch, um es vorsichtig zu sagen, war auch Saibolds größter publizistischer Coup vor zehn Jahren. Im Wendejahr zu Rot-Grün war es, am 22. März - Saibold weiß es fast auf den Tag genau. Denn er markierte auch ihren Absturz als Politikerin: An diesem Tag titelte die Bild am Sonntag auf Seite 1: "Grüne: Urlaubs-Flüge müssen teurer werden!" Darunter plädierte Saibold, klar nach Parteilinie, dass "der Flugtourismus eingeschränkt wird": "Welchen Sinn macht es", wurde Saibold korrekt zitiert, "zum Beispiel, für ein verlängertes Wochenende nach Mallorca ... zu düsen. Besser wäre es, wenn die Urlauber nach dem Motto handelten: ,Wir verreisen seltener, bleiben aber dafür länger am Urlaubsort.' Es reicht vollkommen aus, wenn die Deutschen nicht jedes Jahr, sondern nur alle fünf Jahre eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug machen."

Solche Thesen verbreiten heute Chefredakteure in erfolgreichen Büchern - was damals folgte, war ein Sturm der Entrüstung. Denn raffiniert spitzte der Springer-Verlag die Aussage Saibolds zu, in: Die Grünen wollen uns unseren verdienten Urlaub in den Süden verbieten! Und das Ganze vor der Folie des "Fünf-Mark-pro-Liter-Benzin"-Beschlusses der grünen Partei in Magdeburg und der grünen "Tempo-100"-Forderung. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte damals ätzend: "Wenn der Öko-Partei demnächst noch was zum Fussball einfällt, dann hat sie endgültig alle Chancen im Herbst verspielt."

Dass in dieser Endzeit des ewigen Kanzlers Helmut Kohl (CDU) nicht nur die Konservativen auf Saibold schießen würden, war klar. Dass sich aber in der eigenen Partei viele auf ihre Kosten profilierten, schockte sie: Der grüne Übervater Joschka Fischer höhnte im Spiegel: "Also wirklich, Mallorca auf Bezugsschein finden Sie nun in keinem Parteiprogramm. Die Kollegin Halo Saibold - und sie trägt schwer daran - ist der individuellen Überzeugung, es wäre sinnvoll, Flugreisen seltener zu unternehmen. Aber das ist jedermanns persönliche Entscheidung." Joschka wurde mit dem Satz zitiert: "Bundestagsabgeordnete bekommen auch deshalb 18.000 Mark, damit sie mal die Klappe halten."

Der spätere Umweltminister Jürgen Trittin nannte Saibolds Anregung einen "großen Schwachsinn": "Ich mach' schon kein Wochenende. Da will ich wenigstens zweimal im Jahr in Urlaub." Ihre Fraktionssprecherin Kerstin Müller beschimpfte Saibolds Ideen: "Furchtbar. Ein solcher ökodiktatorischer Ton ist sehr kontraproduktiv." Der Spiegel gab Saibold kurz und fies den publizistisch-politischen Gnadenschuss: "Als Vorsitzende des Bonner Tourismus-Ausschusses kann sich die fromme Halo leider nicht selbst an ihre Gebote fürs Volk halten. In dieser Legislaturperiode jettete sie unter anderem auf die Malediven, nach Japan, London, Brasilien, Prag und Lanzarote - vermutlich im festen Willen, das Ozonloch endgültig zu schließen."

Saibold sitzt in ihrem Garten unter einem Trompetenbaum - und erinnert sich mit Schaudern an diese Zeit, ab und zu stinkt es vom Teich rüber: Sie bat Joschka Fischer um eine Richtigstellung - "Joschka, ,Mallorca auf Bezugsschein', weißt du, was du da gesagt hast?" Er habe ihr zugesichert, das richtig zu stellen. Passiert ist "natürlich", wie sie sagt, nichts. Saibold faxte verzweifelt seitenlang Erläuterungen ihres Zitats an Redaktionen - es half alles nichts. Man kann sagen: Saibold wurde geopfert auf dem Altar der Regierungsfähigkeit der Grünen. Der "Mallorca-auf-Bezugsschein"-Dreck hing fortan an ihren Schuhen, wohin sie auch ging. Noch heute findet sich etwa bei Wikipedia, sie habe angeregt, "Langstreckenflüge für Urlaubsreisende zu kontingentieren". Bei der Wahl im Herbst 1998 verpasste Saibold knapp den Wiedereinzug in den Bundestag. Ein Jahr später trat sie wegen des Kosovokriegs aus den Grünen aus. Ihre politischen Karriere war beendet.

Das jähe Ende ihrer politische Biographie schmerzt sie auch heute noch. Dafür hat sie zuviele Jahre in dieses Engagement für die Grünen und in die Ökologie gesteckt, Saibold zählt zum Urgestein der Partei. Sie gründete den bayerischen Landesverband der Grünen mit, war anfangs im Bundesvorstand, kam als spätere Rotiererin, so war es zumindest geplant, 1983 nach Bonn - die Bilder von damals mit Topfpflanzen auf den Abgeordnetenbänken sind heute Geschichte. Im Aldersbacher Haus, geheizt durch Sonnenenergie, nächtigte Petra Kelly, Joschka Fischer lümmelte sich auf dem Sofa im Wohnzimmer, Herbert Gruhl fragte vorsichtig an, ob das kalte Wasser aus der Dusche in ihrem Haus Prinzip sei oder einfach der Boiler streike. Alte Namen, alte Stichworte fallen im Gespräch, vieles ist vergangen. Aber, verdammt!, hatte sie nicht oft recht: Mit ihren Plädoyers für einen sanften Tourismus, für eine Ernährung nach Bio-Gesichtspunkten, für mehr Verbraucherschutz, für eine maßvolle Lebensweise auch in der Ersten Welt und für eine Öko-Landwirtschaft? Sie habe, sagt Saibold, als erste in der Bundestagskantine schon 1983 Bio-Menus eingefordert - sie sagt es ohne Ironie, ganz ernst.

Wer heute im Garten Saibolds sitzt, spricht mit keiner Gescheiterten, eher einer Radikalen im lateinischen Sinne, einer Frau, die sich noch heute von den Wurzeln der grünen Partei der 80er Jahre nährt: "Ich wäre nie in die Fischer-Partei eingetreten, für mich war Petra Kelly ausschlaggebend." Solche Sätze sagt sie, die aus dem alten Jahrtausend stammen. Aber auch: "Für mich ist Fliegen etwas ganz Kostbares", betont Saibold, "ich will, dass unsere Kinder auch fliegen können." Damals, 1998, drängte ihre Partei Saibold, den Flugreisen-Satz zurück zu ziehen. Das hat sie nie getan.

Nach ihrer politischen Karriere arbeitete Saibold ein paar Jahre im Vilshofener Öko-Laden, den Menzel aufgebaut hatte. Sie stieg aus, als der Bio-Boom ihr ökologisch zu zweifelhaft wurde. Bald wird Saibold Pension bekommen. In der griechischen Mythologie verliert sich die Spur der Kassandra ins Nichts.

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