Die Memel - ein Fluss mit vielen Namen

Still, langsam, schweigend

Hinter dem Eisernen Vorhang war die Memel für lange Zeit in Vergessenheit geraten. Ihren Namen verband man mit deutscher Großmannssucht.

Ein Fischerdorf im Memeldelta in Litauen. Bild: dpa

So sieht sie also aus: schmutzig braun und viel zu schmal für einen Strom. Ich habe mir die Memel größer vorgestellt, breiter, mächtiger, auch sauberer, wo es doch immer weniger Industrie gibt in Osteuropa. Vydas lächelt. Er wirft den kleinen Außenbordmotor an und streift die Kapitänsmütze über. Sie wirkt auf seinem Intellektuellenschädel so deplatziert wie der schwimmende Ponton auf dem Fluss, der in Litauen Nemunas heißt. "Was willst du wissen?", fragt er und macht die Leinen los am Steg der kleinen Kurstadt Druskinikai. "Was das für ein Fluss ist", antworte ich, "wo er herkommt, wo er hinwill, ob er eine Zukunft hat."

Der schwimmende Ponton braust los. Er ist neben dem Fahrgastschiff "Druskininkai" das einzige Boot, das die Touristen im Kurort auf die Memel bringt. Wir haben die Tour "Nemunas in einer Stunde" gebucht. Die Zwei- und Dreistundentouren hat Vydas aus dem Programm genommen. Es ist Anfang September, die Saison ist vorbei, wir sind die einzigen Gäste auf dem Fluss. "Früher", zieht uns Vydas ins Vertrauen, "war hier mehr los. Sogar von Grodno sind die Ausflugsschiffe gekommen. Bis nach Kaunas und weiter zum Kurischen Haff sind sie gefahren. Da war der Nemunas noch ein richtiger Fluss." - "Und was ist er heute?", will ich wissen. "Dreckig", antwortet er. "In Weißrussland haben neue Fabriken geöffnet, eine Zellulosefabrik und eine chemische Fabrik. Die leiten ihr Abwasser einfach nach Litauen weiter. Früher hätte es so was nicht gegeben."

Von den Kurgästen, die die Kleinstadt jeden Sommer bevölkern, kommt ein Großteil aus dem Nachbarland. Was sie lockt: die wunderbare Lage des Ortes an Seen und Wäldern. Das südlichste Spaßbad Litauens. Das Kurhotel Pusynas, das nicht nur heißt wie ein Kiefernwald, sondern der Architektur eines Kiefernzapfens gleicht. Und natürlich die Memel. Jener Fluss, der in jeder Sprache seinen eigenen Namen hat: Nemunas auf Litauisch, Njemen auf Russisch, Njoman auf Weißrussich, Niemen auf Polnisch.

Memel. Allein schon der Name macht in Deutschland verdächtig. Wer die Schönheit der Kurischen Nehrung preist, in deren Haff das nicht minder verwunschene Memeldelta mündet, ist ein hoffnungsloser Nostalgiker - oder ein Ewiggestriger. Schließlich reicht Deutschland nicht mehr, wie einst in der Nationalhymne behauptet, "von der Maas bis an die Memel", sondern nur noch vom Rhein bis an die Oder. Warum also an die Memel fahren, wenn nicht aus zwielichtigen, mindestens aber sentimentalen Gründen?

Dabei war es nur ein kleiner Teil, der Unterlauf des Flusses, der einmal zu Ostpreußen gehört hat. Am Mittellauf der Memel und an ihrem Oberlauf hat man von jeher litauisch gesprochen, polnisch und weißrussisch. Für Litauer und Polen ist die ganze Memel ein Mythos, für die Deutschen ist es nur ein kleiner Abschnitt. Nicht der deutsche Blick bringt uns an Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Memel an Europa heran, sondern eine Reise durch Zeit und Raum dieses Stroms, der mit seinen 937 Flusskilometern Länge die Nummer 1 in Litauen ist und die Nummer 14 in Europa.

Vydas, unser Memelschiffer, kennt den Steckbrief seines Flusses aus dem Effeff. "Der Nemunas entspringt im Tiefland von Minsk", zählt er auf. "Er fließt 462 Kilometer durch Weißrussland und bildet auf 18 Kilometern die weißrussisch-litauische Grenze. Schon in Grodno hält er Kurs nach Norden und durchbricht auf dem Weg nach Kaunas den Baltischen Landrücken. Nun folgen die zauberhaften Memelschleifen, bis er in Kaunas die Neris aufnimmt und schließlich nach Westen fließt - bis ins Kurische Haff." - "Wie lange brauchen wir dorthin?", scherzen wir. "Wollen wirs versuchen?", scherzt Vydas zurück. Wieder lächelt er, eine Antwort erwartet er nicht.

Vor uns liegt die Insel der Liebe. Warum die so heißt, hatte uns Vydas schon nach der Abfahrt erzählt. "Es gibt zwei Versionen", hat er verraten, "eine offizielle und eine inoffizielle." Die offizielle lautet: Die Insel hat die Form eines Herzens. Die inoffizielle: Im Sommer rudern die Liebespaare dorthin. Das alte Spiel, die gleiche Sehnsucht, das Augenzwinkern, das keiner Sprache bedarf. Ich freue mich für den Nemunas, dass es auf seinem Rücken eine Insel der Liebe gibt.

Worüber wir uns nicht freuen: Die weißrussische Memel bleibt uns versperrt. "Ein Visum? So kurzfristig? Unmöglich!", hatte die Dame in der Tourismusinformation in Druskininkai beschieden. Ein Blick auf die Karte zeigt, wie nah und fern Distanzen in Europa noch immer sein können. Vom litauischen Druskininkai bis ins weißrussische Grodno sind es keine fünfzig Kilometer. Doch die letzte Diktatur in Europa versteht es, sich fernzuhalten vom Rest des Kontinents. Man geht auf Abstand, so wie früher, als der ganze Ostblock und der Westen zueinander auf Distanz gegangen waren. Dazwischen waren ganze Regionen, Kulturlandschaften, Flusstäler ins Nichts gefallen. Was für Vydas, den Memelschiffer, eine Selbstverständlichkeit ist - die geografische und kulturelle Kenntnis einer Flusslandschaft -, ist im Kalten Krieges in Vergessenheit geraten. Zwischen Weißrussland und Litauen, aber auch zwischen Weißrussland und Polen existiert der Kalte Krieg bis heute. Grodno blieb für uns eine geschlossene Stadt.

Schon einmal war ich an Grodno gescheitert. Das war vor ein paar Jahren. Die Studienreise nach Weißrussland, für die ich mich angemeldet hatte, sollte auch ins weißrussisch-polnische Grenzgebiet an der Memel führen. Kurz vor Beginn aber hatte der Veranstalter das Programm geändert. Statt in den Westen Weißrusslands fuhren wir in den tiefen Osten - nach Gomel. Der Rest der Gruppe war begeistert: Wann bekam man schon den Sarkophag von Tschernobyl zu Gesicht. Ich war enttäuscht. Wegen Grodno hatte ich die Reise gebucht - und wegen dieses Teils der Memel. Als Trost blieben mir die Kolumnen eines Freundes. "Vom Ufer der Memel" nannte er die kleinen Feuilletons, die er während seines Promotionsaufenthalts in Grodno ins Internet stellte.

So erfuhr ich, dass nicht unweit von Hrodna, wie die Stadt auf Weißrussisch heißt, das Dorf Stare Wasiliszki liegt. Für die Weißrussen hat das keine Bedeutung, für die Polen umso mehr. In Stare Wasiliszki wurde am 16. Februar 1939 Czeslaw Wydrzycki geboren, und von dort ist er ausgezogen, um in Polen eine Jazzlegende zu werden. Seine Herkunft hat er nie vergessen. Als er aus der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik geflohen war, hat er dem Fluss, an dem er aufwuchs, die größte Ehre erwiesen, die ihm möglich war: Aus Czeslaw Wydrzycki war Czeslaw Niemen geworden. In Polen hat man mit solcher Sentimentalität keine Probleme. Überhaupt ist der Niemen in Polen allgegenwärtig, wenn auch nur in der Erinnerung. Zur Zeit der polnisch-litauischen Adelsrepublik, der Rzeczpospolita, war der Fluss ein polnischer Mythos und sein Flusstal das "Land der Burgen". Am Zusammenfluss zwischen dem Niemen und der Miranka befand sich auch das Schloss "Mir", eine riesige Festungsanlage mit Türmen im gotischen Stil aus dem frühen 16. Jahrhundert. Hier sollte das Großfürstentum Litauen gegen den Deutschen Ritterorden verteidigt werden.

Kurz darauf, das Großfürstentum und die polnische Krone hatten sich in Lublin gerade zum polnisch-litauischen Doppelreich zusammengeschlossen, übernahmen die Radziwills das Schloss. Legende ist der dreißig Kilometer lange unterirdische Tunnel, den die polnische Adelsfamilie zum Neschwitz-Palast, ihrem Stammsitz, errichten ließ. All das war untergegangen mit den Teilungen Polens im 18. Jahrhundert. Mit Ausnahme des Memellandes an der Mündung des Flusses kam das gesamte Memelgebiet unter die Herrschaft des russischen Zarenreichs.

Zum polnischen Mythos des Niemen, hatte uns Vydas wissen lassen, gehört auch die Zwischenkriegszeit. Nach 123 Jahren der Teilung war Polen nach dem Ersten Weltkrieg wieder auf der Europäischen Landkarte aufgetaucht - allerdings ohne die für die polnische Geschichte und Literatur so wichtigen Städte wie Wilna und Lemberg. Beide Städte eroberte Polen Anfang der Zwanzigerjahre von der Sowjetunion und dem ebenfalls unabhängig gewordenen Litauen. Mit der polnisch-litauischen Verbundenheit war es vorbei. Dafür gehörten Grodno und die Memel wieder zu Polen. Zahlreiche Postkarten mit Memelmotiven aus der Zwischenkriegszeit sollten diesen Anspruch bekräftigen. Sie erschienen in einer Reihe mit dem schlichten Titel "Polnische Flüsse".

Gehört der polnische Niemen wie auch die Erinnerung an die deutsche Memel der Vergangenheit an, kann der litauische Mythos des Nemunas wieder zurückgreifen auf die Zeit des Großfürstentums, als Litauen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte. Seit der neuerlichen Unabhängigkeit 1991 ist der Nemunas wieder der litauische "Vater der Flüsse". Zahlreiche Firmen und Organisationen führen den Nemunas in ihrem Namen, darunter auch ein Folklore-Ensemble und ein Wochenmagazin für Kunst und Kultur. Eines der bekanntesten Gedichte des litauischen Dichters Maironis beginnt mit der Strophe: "Wo die Sesupe fließt und der Nemunas, dort ist unser Heimatland, das schöne Litauen." Fast jedes Schulkind in Litauen kennt die Verse, sie sind die heimliche Nationalhymne des Landes. Die Memelschleifen zwischen Druskininkai und Kaunas sind noch heute ein nationales Symbol - aufgedruckt auf die 500-Litas-Banknote der Litauischen Nationalbank.

Auf dem Weg zurück zum Steg erzählt uns Vydas noch, dass auch er nicht nur ans Gestern, sondern auch an die Zukunft glaubt. "Bald schon", ist er überzeugt, "werden zwischen Druskininkai und Grodno wieder die Ausflugsschiffe fahren." - "Und was ist mit den Visa?", frage ich. Er zuckt mit den Schultern und zieht seine Kapitänsmütze zurecht.

Das Hotel Metropolis in Kaunas hat schon bessere Tage gesehen, so viel ist sicher. Solche aus dem 19. Jahrhundert, in dem es als erstes Haus am Ort seinem Namen alle Ehre machte. Und wohl auch zu Sowjetzeiten, als dem klassizistischen Bau ein riesiger Neubauklotz zur Seite gestellt wurde. Kaunas war schließlich nicht irgendeine Stadt in der Sowjetunion. In Kaunas verlief seit 1982 die erste Fußgängerzone des Riesenreichs, und das Metropolis war der beste Ort, sie zu entdecken.

Für uns ist Kaunas die Stadt, in der die beiden wichtigsten Flüsse Litauens ineinanderfließen - der Nemunas und die Neris. Gleich nachdem wir die Koffer aufs Hotelbett fallen gelassen haben, machen wir uns auf den Weg. Wir wollen jene Stelle sehen, an der Johannes Paul II. predigte, als er 1993 Litauen besuchte: die Landspitze zwischen dem Nemunas und der Neris. Auf der steht auch die Burgruine, die Wiege der zweitgrößten Stadt Litauens.

Über die Freiheitsallee, die ehemalige sowjetische Fußgängerzone, die den Sprung in den Kapitalismus ohne Mühe geschafft hat, schlendern wir durch die Altstadt und über den Rathausplatz zum Santakos-Park. Dort findet die schmucke Altstadt ihr plötzliches Ende. Dass die Stadt nicht an den Zusammenfluss von Nemunas und Neris heranreicht, hat mit der Macht der beiden Ströme zu tun. Zwar ist das Einzugsgebiet der Memel mit 98.200 Quadratkilometern kleiner als das der Oder, deren Stromgebiet das Zweieinhalbfache beträgt. Mit einem Durchfluss von 678 Kubikmetern pro Sekunde führt die Memel dafür weit mehr Wasser mit sich als der Grenzstrom zwischen Deutschland und Polen. Und dann ist da noch die Neris, die von Vilnius, der Hauptstadt im Osten des Landes, kommt. Die Burg, die hier bereits im 13. Jahrhundert gegründet wurde, wurde nicht nur von den Kreuzrittern immer wieder zerstört, sondern auch vom Hochwasser. So ist das von Bäumen, Wiesen und Parkbänken gesäumte Herz der Stadt nicht nur ein Hinweis auf die Macht der Geschichte, sondern auch auf die Kraft der Natur. Von der erzählen auch die mächtigen Ufermauern, zwischen die man die beiden Flüsse gezwängt hat.

Von der äußersten Spitze der Landzunge kann man es am besten sehen: Es ist nicht Harmonie, die die Stadt und ihre beiden Flüsse verbindet, sondern ein Kampf, der Kampf des Menschen mit der Gewalt der Flüsse. Ein Kampf, den der Mensch immer wieder verliert und dennoch von Neuem beginnt, wie die Schornsteine der riesigen Industrieanlagen flussabwärts verraten. Vydas, unser Memelbootfahrer, hatte nur die halbe Wahrheit gesagt. Nicht nur die Weißrussen nutzen die Memel als Kloake, auch die Litauer tun es.

Fast wehmütig denke ich zurück an die Busfahrt. Drei Stunden brauchte der Bus, um von Druskininkai nach Kaunas zu schaukeln, doch diese Zeit war ein Geschenk der Flussgötter. Immer wieder öffneten sich herrliche Blicke auf die Memel, die zwischen Alytus und Birstonas in weiten Schleifen dahinmäandert. Zumindest diesen Abschnitt hat die litauische Regierung als Regionalpark unter Schutz gestellt. Nicht nur Druskininkai kann deshalb wieder an seine Vergangenheit als Kur- und Bäderstadt anknüpfen, sondern auch Birstonas. Und zwischendrin immer wieder: Auenwälder, Wiesen, kleine Dörfer mit bunten Holzhäusern.

Zwischen Druskininkai und Kaunas ist die Memel die vergessene Flusslandschaft, die wir gesucht haben. In Kaunas war sie der Fluss, den wir flohen. Nicht nur am Zusammenfluss von Memel und Neris hat sich die Stadt von ihren Wassern zurückgezogen. Auch in der Neustadt konzentrieren sich die Kaunasser lieber auf ihre Fußgängerzone als auf die Memelpromenade. Symbol dieser Abneigung geworden ist die ausladende Shopping-Mall "Akropolis". Obwohl an der Memel-Schnellstraße aus dem Boden gestampft, sucht man in den dreihundert Geschäften vergeblich den Blick auf den Fluss. Den hat man dagegen vom Parkhaus aus, das die Uferstraße überbrückt und der Memel den Rücken zeigt. Oder weiter flussaufwärts, wo die Memel wegen der Hochwassergefahr zum "Kaunas-Meer" aufgestaut wurde. Immerhin haben sie dem Stausee den Namen Memel erspart. Angekommen am Busbahnhof, lösen wir ein Ticket nach Silute. Schnell weg hier, lautet die Devise, auf ins Memelland. "Die Strecke ist ein Traum", versichert die Verkäuferin, "bis Jurbarkas fahren Sie immer am Ufer des Flusses entlang. Es ist die alte Poststraße von Vilnius über Kaunas nach Klaipeda."

Pünktlich um 13 Uhr verlässt der Bus den Autobusu Stotis. Die Memel erreichen wir erst nach dem Zusammenfluss mit der Neris wieder, die Industrieanlagen aus der Stalinzeit sind da schon hinter uns.

In der Tourismusinformation hatte man uns nicht zu viel versprochen. Vor uns liegt eine atemberaubende Flusslandschaft. Braun und träge schiebt sich der Nemunas mit seinen Wassern nach Westen, davor Wiesen, Auwälder, manchmal Ackerflächen. Nur ab und zu stören ein paar Stromleitungen oder EU-geförderte Rastplätze die Kulisse. Was für ein Glück.

Eigentlich waren wir wild entschlossen, die zweihundert Kilometer lange Strecke zwischen Kaunas und dem Kurischen Haff nicht an, sondern auf der Memel zurückzulegen. Wo sonst könnte man mit einem Tragflächenboot sowjetischer Bauart auf einem Fluss dahinjagen als auf diesem Abschnitt der Memel? Außerdem war die "Raketa", die die Strecke von Kaunas bis zur Kurischen Nehrung in nur vier Stunden schaffte, eine Legende. Viele Russlandreisende haben uns von ihr erzählt, sie waren mit achtzig Stundenkilometern auf der Wolga dahingebraust oder von Suchumi nach Sotschi am Schwarzen Meer.

Nur eines gestattete die "Raketa" nicht: den beschaulichen Blick auf die Landschaft. "Festhalten müsst ihr euch", hatte einer gewarnt, "am besten nicht rausschauen, sonst wird euch schlecht." Ein anderer meinte: "Mit der Raketa zu fahren ist wie in einem russischen Bus ins Weltall geschossen zu werden." Abhalten konnten uns solche Warnungen nicht. Raum und Zeit des Memellandes mit einer russischen Rakete zu durchmessen, das sollte unser besonderes Erlebnis auf diesem Fluss werden.

Doch "Raketa" war einmal. "Fährt nicht mehr, seit zwei Jahren schon", versicherte uns die Rezeptionistin im Hotel Metropolis. Die gleiche Auskunft auch in der Tourismusinformation. Dort hatte man uns schließlich den Tipp gegeben, mit dem Bus entlang der Memellandstraße zu fahren.

Wahrscheinlich hätten wir auf der "Raketa" nicht nur die wunderbare Flusslandschaft verpasst, sondern auch das Schulgebäude aus Backstein mit seinen vertrauten Fensterkreuzen, über den Fenstern kleine Portale, Neoklassizismus. "Preußen", fährt es mir durch den Kopf, "wir sind in Preußen." Der Blick auf die Landkarte wie ein Blick in die Geschichte. Smalininkai, wo das preußische Schulhaus steht, befindet sich kurz hinter Jurbarkas.

Bis 1945 hieß Smalininkai Schmalleningken. Hier, an dieser Stelle, verlief die Grenze zwischen Ostpreußen und Litauen, eine der ältesten Grenzen Europas, die schon seit 1422 Bestand hatte, damals zwischen dem Deutschen Ordensstaat und dem litauischen Großfürstentum. Eine andere Grenze befindet sich noch heute in der Nähe. Auf der anderen Seite der Memel liegt nun Russland. Das ehemalige Ostpreußen wurde1945 geteilt, und die Memel bildete die Grenze. Das einstige Memelland nördlich des Flusses kam zu Litauen, der größte Teil Ostpreußens zum Kaliningrader Gebiet und damit zur Sowjetunion. Die folgenreichste Grenze freilich war eine imaginäre. Der deutsche Mythos der Memel gründete nie auf dem gesamten Fluss, er begnügte sich mit dem kleinen Abschnitt zwischen Schmalleningken und der Stadt Memel - dem historischen und immer wieder zwischen Litauen und Deutschland umkämpften Memelland. Flussaufwärts war die Memel ein für die Deutsche Geschichte und Literatur fremder Fluss. Davon zeugt auch der Name.

Im deutschen Sprachgebrauch ist die Memel in Schmalleningken zu Ende. Dahinter begann auch im Deutschen der Njemen. Der Verdacht, der auf der Beschäftigung mit der Memel liegt, ist ein Missverständnis, geht es mir durch den Kopf. Gleichzeitig ist die Beschränkung des deutschen Blicks auf den Fluss auch ein Hinweis auf die Beschränktheit nationalen Denkens.

Nun geht es landeinwärts in Richtung Silute, des ehemaligen Heydekrug, das schon Hermann Sudermann in seiner "Reise nach Tilsit" (1817) beschrieben hatte. Tilsit, die Stadt, die heute Sowjetsk heißt, und Tilsit, die berühmte Brücke, bleiben unseren Augen verschlossen. Mit der "Raketa" wäre das anders gewesen. Das Tragflächenboot durfte, wenn es auf der litauischen Seite des Nemunas blieb, auf dem Grenzfluss dahinbrettern. Vielleicht deshalb, weil die "Raketa" sowjetischer Bauart war? Heute Abend werden wir in Rusne Station machen, dem Hauptort des Nemunasdeltas.

Ein Delta ist seit je ein besonderer Ort. Nirgendwo wird die Macht des Stromes deutlicher als in der dem modernen Leben abgewandten Landschaft zwischen den Flussarmen. Und nirgendwo ist es zugleich Ausdruck seines nahen Endes. Weil das Gefälle wie auch die Fließgeschwindigkeit nachgelassen haben, lässt der Fluss das Geschiebe, das er von weit her mitgebracht hat, einfach liegen. Dort staut es sich auf und bildet kleine Flussinseln, die größer werden und größer und den Lauf des Flusses schließlich teilen, einmal, zweimal, viele Male. Wenn man so will, ist ein Flussdelta das letzte Aufbäumen, ein Kampf um Leben oder Ableben, bevor der Fluss im Meer verschwindet und in der Ewigkeit von Raum und Zeit.

Das Delta der Memel umfasst ganze 45 Quadratkilometer. Schon bei Sowjetsk/Tilsit teilt sich die Memel in die beiden Hauptarme Rusne und Gilija, auf Deutsch Ruß und Gilge. Letztere ist ein Kanal, den Friedrich Wilhelm I., der preußische Große Kurfürst, im 17. Jahrhundert graben ließ, um die Schiffbarkeit der Memel bis zum Haff zu gewährleisten. Das eigentliche Delta des Nemunas bildet die Rusne, weswegen es im Litauischen auch Rusne-Insel genannt wird. Im gleichnamigen Ort teilt sich der Rusnefluss auf in die Mündungsflüsse Atmata und Skirvyte, die die Insel umschließen. Beide teilen sich im Innern noch einmal in die Pakalne und die Skatune. Letztere sind nicht mehr als zwanzig Meter breit.

Das letzte Aufbäumen des Nemunas ist also eher ein Innehalten. Die Angst vor dem Ende, die die Donau und die anderen großen Ströme verspüren, weicht an der Memel einem Augenblick, in dem sich der Strom noch einmal seiner ganzen Würde und Schönheit versichern kann. Was tut es da zur Sache, dass das Memeldelta nur ein Trick der Kartografen ist. Sein eigentlicher Abfluss ins Baltische Meer liegt bei Klaipeda, dem ehemaligen Memel. Doch das wäre ein anderes Ende als auf der Insel Rusne, kein liebliches, umsäumt von Gräben, Kanälen und Feuchtwiesen, sondern ein jähes, ein Ende mit Schrecken, an dessen Rändern die Greifarme der Hafenkräne stehen.

Kaunas scheint uns plötzlich weit entfernt, das Bild der Memel weichgezeichnet angesichts der Schönheit, mit der uns das Delta in Rusne empfängt. Selbst der Mensch hat sich hier zurückgezogen in angemessenem Abstand zum Fluss. So gehört das Delta ganz den Vögeln und den Paradiesvögeln.

Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen. Mit dem Rad sind wir die Pakalne entlanggefahren bis zum Aussichtsturm, von dem aus man das Delta überblicken kann. Links von uns mündet die Atmata ins Haff, hinter ihr liegt Russland. Im Norden schiebt sich das Horn von Vente vor, ein Paradies für brütende Vögel und Zugvögel auf der Wanderung nach Süden. Dahinter befindet sich Minja, ein kleiner Ort, aber groß genug, um das "Venedig des Nordens" genannt zu werden. Auf der anderen Seite des Haffs können wir mit dem Fernglas die Dünen von Nida sehen, die "Sahara" der Kurischen Nehrung, die schon Thomas Mann begeistert hatte, der sich dann ein Sommerhaus in Nidden bauen ließ.

Wie von einer inneren Unruhe befallen zwinge ich mich, unsere Stationen an der Memel noch einmal Revue passieren zu lassen: Druskininkai und Vydas, die Fahrt nach Kaunas und die Memelschleifen, die Abneigung der Kaunasser gegen ihre Flüsse, die wunderbare Flusslandschaft auf der Fahrt nach Jurbarkas, der Einbruch Preußens in die Memellandschaft. Was bleibt dem Fluss im Gedächtnis, bevor er vor uns im Haff sein Ende findet?

Die alten Memelländer kommen wieder, und ihre Kinder und Kindeskinder bringen sie mit. Es gibt inzwischen eine Euroregion Nemunas, zu der neben Litauen auch Polen und Weißrussland gehört. Bald soll sogar wieder der Schiffsverkehr zwischen Litauen und Grodno aufgenommen werden. Vydas unser Memelschiffer, hat mit seiner Hoffnung also doch recht behalten. "Die Verbindung zwischen Druskininkai und Grodno", hat er gesagt, "ist der Lackmustest für die Rückkehr des Nemunas nach Europa."

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