Ingrid Betancourt ist frei

Sechs Jahre Dschungelhaft zuende

Die bekannteste Geisel der Welt, Ingrid Betancourt, ist frei. Nach sechs Jahren in der Gewalt der Farc wurde sie mit 14 weiteren Geiseln befreit.

In erstaunlich guter Verfassung: Ingrid Betancourt mit ihren Kindern.  Bild: dpa

PORTO ALEGRE taz Als der Hubschrauber abgehoben hatte und Ingrid Betancourt zusammen mit 14 weiteren Geiseln aus der Gewalt der kolumbianischen Farc befreit war, wurde es noch einmal brenzlig: "Der Hubschrauber wäre fast abgestürzt", erinnerte sich die frühere Präsidentschaftskandidatin an ihre Befreiung nach sechs Jahren im Dschungel. Die Freudensprünge der Befreiten hatten den Hubschrauber ins Schlingern gebracht.

Ingrid Betancourt Pulecio wurde im 1961 in Bogotá geboren und wuchs als Diplomatentochter in Paris auf. Dort studierte sie Politikwissenschaft, ehe sie Ende der Achtzigerjahre nach Kolumbien ging. 1994 wurde sie Abgeordnete; 2002 wollte sie als Kandidatin grünen Partei bei den Präsidentschaftswahlen antreten. Am 23. Februar 2002 wurde sie von der Farc, mit der sie sich mehrfach zu Friedensgesprächen getroffen hatte, entführt.

"Die Aktion war absolut makellos", strahlte Betancourt am Mittwochnachmittag auf dem Militärflughafen von Bogotá. Dann nahm sie die Mütze in olivgrünen Tarnfarben ab, ihr langes Haar war adrett um den Kopf geflochten. Kurz zuvor hatten Spezialeinheiten der kolumbianischen Armee sie aus den Fängen der Farc-Guerilla geholt, ohne dabei einen einzigen Schuss abzugeben.

"Es war wie in einem Hollywoodfilm", meinte Verteidigungsminister Juan Manuel Santos zufrieden. Nach Angaben des Militärs waren die Planungen bereits vor gut einem Jahr angelaufen, nachdem einer Geisel die Flucht gelungen war. Als die Farc Anfang des Jahres weitere Geiseln freiließ, darunter Betancourts frühere Wahlkampfleiterin Clara Royas, gewann die Armee weitere Erkenntnisse über den Aufenthaltsort der Geiseln in der Urwaldprovinz Guaviare.

Wenn man der Schilderung von Heereschef Mario Montoya folgt, verlief die Befreiungsaktion in der Tat spektakulär. Agenten der Armee, die sich in das Kommunikationssystem der Guerilla eingeschleust hatten, bewirkten einen gefälschten Befehl von Farc-Chef Alfonso Cano, die Geiseln zusammenzuführen. Dann flogen sie mit einem Hubschrauber in das Lager, wo sie vorgaben, die Geiseln zu Cano zu bringen. Der Vorwand: Die Geiseln sollten einer internationalen Kommission gezeigt werden. Das war die kritische Phase der "Operation Schachmatt", 22 Minuten und 13 Sekunden soll sie gedauert haben.

Als "absolut surrealistische Typen" mit Che-Guevara-T-Shirts schilderte später Betancourt die Agenten. Zwei Farc-Leute seien ebenfalls zugestiegen, in der Luft seien sie von der Besatzung des Hubschraubers überwältigt worden. Deren Anführer habe gerufen: "Wir sind vom nationalen Heer. Sie sind frei!'

Auf dem Flughafen dankte sie Präsident Álvaro Uribe, dass er das Risiko einer militärischen Befreiungsaktion eingegangen sei: "Lieber sterben, wenn man die Freiheit, und sei es auch nur für eine Sekunde, mit den Händen greifen kann, als durch ein Hinrichtungskommando der Guerilla".

Betancourt, die auch die französische Staatsangehörigkeit hat, zeigte sich in erstaunlich guter Verfassung. Ihre Mutter Yolanda Pulecio hielt sie fest umschlungen, den Ehemann Juan Carlos Lecompte empfing sie hingegen betont kühl. Zwischendurch telefonierte sie mit ihren Kindern in Paris und bedankte sich bei Präsident Nicolas Sarkozy und dessen Vorgänger Jacques Chirac.

Es war ein scharfer Kontrast zu jenem Ende November veröffentlichten Video, auf dem sie abgemagert und tieftraurig ausgesehen hatte. Gerüchte, wonach sie schwer an mehreren Tropenkrankheiten erkrankt sei, stellten sich nun als lancierte Falschmeldungen heraus.

Auf den Straßen der Hauptstadt feierten Tausende spontan die Befreiung. Staatschef Uribe sagte auf einem Empfang für die Geiseln, auf die zurückgebliebenen Guerilleros sei nicht geschossen worden, weil man "an der Freiheit der Entführten und nicht an Blutvergießen" interessiert gewesen sei. Außerdem habe man den Farc die Botschaft übermitteln wollen, die verbliebenen Geiseln gut zu behandeln und freizulassen. In der Gewalt der Farc sind noch um die 700 Entführte.

Betancourt war im Februar 2002 mitten im Wahlkampf von den Farc verschleppt worden. Die drei US-Söldner Marc Gonsalves, Thomas Howes und Keith Stansell, die im Auftrag Washingtons am Antidrogenkrieg in Kolumbien beteiligt waren, befanden sich seit 2003 in der Gewalt der Guerilla. Auf dem Militärflughafen spielten sie eine ähnliche Statistenrolle wie die befreiten vier Polizisten und sieben Soldaten, die teilweise fast zehn Jahre lang im Dschungelknast ausharren mussten.

US-Botschafter William Bownfield sagte in einem CNN-Interview: "Es war eine kolumbianische Aktion, ein kolumbianischer Plan und ein kolumbianisches Konzept, das von den kolumbianischen Streitkräften umgesetzt wurde." Allerdings hätten die USA "etwa zwei Wochen lang" eng mit den Kolumbianern zusammengearbeitet und sie in "einigen technischen Aspekten" unterstützt, sagte er kryptisch.

Dass Ingrid Betancourt bereits wieder politische Ambitionen hegt, konnte sie bei allem Lob für den "sehr guten Präsidenten" Uribe nicht verheimlichen. "Nur Gott weiß das", antwortete sie auf eine Frage nach einer erneuten Kandidatur für das höchste Staatsamt. Und: "Ich bin nicht mit allem einverstanden, was der Präsident getan hat."

 

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