Komm wieder, mich begraben

PROVINZIALISMUS Der Kunstverein Recklinghausen stellt den russischen Fotografen Andrej Krementschouk aus

„Nach Moskau!“ wünscht sich auf den Fotografien von Andrej Krementschouk wohl niemand. Nur selten lassen die abgebildeten Menschen einen Hauch von Lebensfreude erahnen. Das Leben in der russischen Provinz ist ihr Schicksal. Anders als Tschechows „Drei Schwestern“ haben die Bewohner ihre Hoffnungen längst begraben. Und dennoch zeichnen sich Krementschouks Bilder durch Unmittelbarkeit, Schönheit und eine große Empathie für ihre Protagonisten aus. Zu sehen sind sie im Kunstverein Recklinghausen, der seit Jahren regelmäßig neue Positionen künstlerischer Fotografie vorstellt; nun also das Werk von Andrej Krementschouk, in das die aktuelle Ausstellung hervorragend einführt.

Entstanden sind die Bilder im Umland von Nischni Nowgorod (ehemals Gorki), wo der Künstler 1973 geboren wurde. Hier leben seine Verwandten, was die Ortskenntnis und das ihm von den Porträtierten entgegengebrachte Vertrauen erklärt.

Im Wechsel der Jahreszeiten dokumentierte der Künstler anrührende kleine Szenen aus einem von materiellen Entbehrungen und tiefer Religiosität geprägten Leben: ein provisorisches Frauenbad hinter einem orthodoxen Kloster, eine Beerdigungsprozession, karge Schneelandschaften, Reihen geduckter Holzhäuser, Sonnenstrahlen, die in karg möblierte Zimmer fallen, und sommerliche Kutschfahrten. Das klingt beschaulicher als es ist. Mit den bürgerlichen Luxusproblemen des 19. Jahrhunderts haben die hier abgebildeten Menschen nichts gemein. Ihre Behausungen sind so schäbig wie ihre Kleidung. Not wird nicht ausgestellt, ist aber unübersehbar. Auf den Bildern sind fast nur Alte, Kinder und Jugendliche zu sehen, was darauf schließen lässt, dass die anderen eben doch „nach Moskau!“ gezogen sind. Andrej Krementschouk selbst hat seine Heimat erst vor zehn Jahren verlassen.

Dass Andrej Krementschouks erste Einzelausstellung nun in unmittelbarer Nähe zum bedeutendsten Museum ostkirchlicher Kunst außerhalb des orthodoxen Raums, dem Ikonen-Museum Recklinghausen, eröffnet, ist ein absurder Zufall. Denn Krementschouk ist ausgebildeter Ikonenrestaurator. Weil aber auch im postsowjetischen Russland, trotz erstarktem Einfluss der Kirche, mit christlicher Kunst kein Auskommen zu finden ist, entschied sich Krementschouk zu einer Dirigentenausbildung an der Fakultät für musikalische Ethnographie in Wladimir. Seine an kuriosen Etappen reiche Vita listet des Weiteren eine selbstständige Tätigkeit als Juwelier auf.

Als Andrej Krementschouk schließlich nach Hamburg zog, wo er an der Hochschule für Angewandte Kunst bei Ute Mahler Fotografie studierte, hatte er sein Metier gefunden. Mit der Diplomarbeit „An Deinem Haus“ gewann er 2007 den Wettbewerb „gute aussichten – junge deutsche fotografie“. Die Bilder sind inzwischen unter dem Titel „No Direction Home“ als preisgekröntes Buch veröffentlicht. Im Vorwort fordert der Fotograf Boris Mikhailov, dass Krementschouk mehr wagen und auch „das wahrlich Entsetzliche des russischen Wesens“ zeigen solle.

Dieser tat nun aber gut daran, dem Vorschlag des Älteren nicht uneingeschränkt zu folgen. Das lässt sich sehr gut an der in Recklinghausen gezeigten Reihe „Come bury me“ belegen. Auf einer Reise in seine alte Heimat hat Krementschouk die Bewohner einer abbruchreifen Holzhütte kennen gelernt. Allesamt waren sie Entwurzelte, Männer und Frauen, Junge und Alte, die sich hier in einer Wohngemeinschaft verbündet hatten. Krementschouks Bilder geben Augenblicke von Sympathie, Zärtlichkeit und Poesie wider, die den Menschen in der Gesellschaft versagt bleiben. Bei der Verabschiedung versprach Krementschouk wiederzukommen, worauf ihm eine der Frauen entgegnete: „Come bury me (Komm mich begraben)“. Ein Jahr später stand die Hütte nicht mehr. Sie war mit ihren Bewohner einem Brandanschlag zum Opfer gefallen. Nur eine Frau überlebte. Dem Entsetzlichen des russischen Wesens kommen Andrej Krementschouks eindringliche Bilder eher auf die Spur als Boris Mikhailovs schonungslose Entblößung des Homo sovieticus als obdachloser, armer Säufer.