die wahrheit

Der Stumpfkopf

Rudi Dutschke - ein dringend notwendiger endgültiger Abschlussbericht des Falls.

Sternstunden des Kalenderjournalismus. "Club 2" 1978: Nenning, Dutschke, Cohn-Bendit. Bild: ORF

So hilfreich die kalendarische Ordnung der Zeit in manchen Fragen der Lebensführung ist, so sehr möchte man sie dafür verfluchen, dass sie ständig Jubiläen mit sich bringt. Allein die Flut der über uns hinweggebrandeten Erinnerungsinszenierungen und -spektakel in Sachen RAF und Deutscher Herbst und nicht zuletzt 68 und Achtundsechziger lässt es dringlich geboten erscheinen, den mittlerweile alpenkammhoch aufgetürmten kulturbetrieblichen Schrott ein für alle Mal zu entsorgen. Oder wenigstens einige der in degoutanter Impertinenz belobhudelten Zentralgestalten der sogenannten antiautoritären Revolte als das zu bezeichnen, was sie waren: Stumpf- und Krawallköpfe, die einzig und allein in eigener Sache durch die Gegend krabölkten und krähten. Eitelkeit ist offensichtlich die stärkste Kraft menschlichen Strebens.

Ich hatte mir vorgenommen, alles, was rund um die Achtundsechziger veranstaltet wird, zu ignorieren, all die von grünen Postenschiebern und ihren Kulturämtern aus der Taufe gehobenen Ausstellungen und Symposien, all die Bücher und Fernsehrunden, all das Geschwätz der längst zur Plage gewordenen Ex-Protagonisten und heutigen Politgauner. Doch irgendwann im April knipste ich nach Mitternacht unvorsichtig den Fernseher an und landete auf 3sat.

Wiedergezeigt wurde da die vom ORF vor 30 Jahren, am 13. Juni 1978, live ausgestrahlte Talkshow "Club 2". Moderator Günther Nenning hatte auf der einen Seite den Springer-Hetzer Matthias Walden und den Politologen Kurt Sontheimer, auf der anderen Seite Daniel Cohn-Bendit und Rudi Dutschke zu Gast. Thema war "1968 - Das Jahr des Aufstandes". Ich wollte sofort umschalten, aber dann schaute ich eine Weile zu. Zum Glück.

Dass Walden ein Widerling eigenen Kalibers war - geschenkt. Indes, Dutschke und Cohn-Bendit boten als schwerkumpelhaft aufeinander abgestimmtes Kasperlduo eine derart schamlos-beschämende Aufführung stramm selbstverliebter, durch kein Argument zu bremsender Plapperei, dass einem bald die Sinne schwanden. Was einmal mit Spontaneität, Frechheit, Witz in Verbindung gebracht worden war - die Frühphase der studentischen Revolte -, hatte sich in alberne, autistische Dicktuerei und rasende Mopsigkeit verwandelt. Dass Cohn-Bendit in seinem Selbstdarstellungsdrang und seiner Karrieresucht zu keinem Zeitpunkt einen halbwegs brauchbaren Satz von sich gegeben hat, ist ja nichts Neues; doch wie abgrunddumm ihm Dutschke durch die nimmermüde Wiederholung der abgegriffensten Phrasen assistierte, dabei vor stierer Arroganz und der schieren Freude an seiner Präsenz im TV fast zergehend, das war für mich, den schmählich Nachgeborenen, durchaus ein Novum.

"ne Generation ist ne Tendenz. Ich meine damit nicht ne gesamte Quantität, sondern ne historische Qualität", qualmte irgendein Küchenhegelianismus aus des APO-Führers a. D. Schädel, und so schallte es in einem fort, bis nach allerlei Erörterungen zur Revolution und zu dit und dat auch die im Entstehen begriffene Grünen-Partei auf dem Tableau landete. Zu der holte Dutschke in bewährter geschichtsphilosophischer Schaumschlägermanier aus: "Die sechziger Jahre, ein Fundament, gewachsen, was ne Basis bildet, auf der auch Wahlen bestritten werden können, nicht mehr nur Agitation und Propaganda, sondern auch ne reale politische Kraft." Der besonnene Sontheimer guckte ein wenig scheel, und Dutschke dozierte weiter: "Wird eine Sozialdemokratie fähig sein, eine solche geschichtlich gewordene Tendenz, die durchaus über fünf Prozent springen kann, wird jemals eine Sozialdemokratie fähig sein, diese Tendenz zu schlucken? Gerade da würd ich sagen: Das ist historisch nicht mehr drin!"

Wer sich ein bisschen auf Youtube umschaut, findet etliche Belege für Dutschkes ab ovo ekelhaftes Kathedergelärme, für seine unausgesetzt immergleiche, besinnungslose Brotbeutelagitation, die, mit Adorno zu reden, nichts anderes war als "Spruchbanddenkerei" - Engagement als Geblöke und Gebelfer ("In diesem Kampf habt ihr eure Bedürfnisse zu entfalten!"), Dokumente einer Geistlosigkeit und Hybris, vergleichbar den Auftritten eines Bohlen oder Westerwelle.

Man ist dem Nischenfernsehen und dem Internet dankbar für eine derart eindrückliche Aufklärung. Endlich darf man diese Figuren gewissenhaft ignorieren, abhaken, vergessen, diesen Alptraum von 68. Das auf Youtube gepostete Gespräch, das Günter Gaus, einer der klügsten Menschen, die je unter die Journalisten fielen, am 3. Dezember 1967 mit Dutschke für die Reihe "zu protokoll" führte, liefert dann finales Anschauungsmaterial für die "Barbarei des Aktivismus", der unweigerlich "der Geruch des Banausischen" (Adorno) anhaftet.

"Wenn wir es schaffen, den Transformationsprozess, ein langwieriger Prozess, als Prozess der Bewusstwerdung der an der Bewegung Beteiligten zu strukturieren, werden die bewusstseinsmäßigen Voraussetzungen geschaffen, die es verunmöglichen, dass wir die Eliten manipulieren", nervensägte der bellende Protestant zum Beispiel vor sich hin. Und die neue Welt, die ihm vorschwebte, werde so beschaffen sein, "dass der Einzelne als Einzelner nie vereinzelt". Na ja, es kam dann ja irgendwie anders.

Nur Dutschkes Sehnsucht nach "geschichtlicher und nationaler Identität", nach der "Wiedervereinigung", nach einem Deutschland ohne "Fremdherrschaft", die ward schließlich erfüllt. Sollte darüber hinaus etwas bleiben von diesem aufgepeitschten, autoritären Nationalisten, dann das prototypische Bild einer Person, die "redet, als redete sie selber, während sie in Wahrheit bloß sich aufplustert, als wäre jeder einzelne ein Sprecher, sein eigener Ansager über UKW" (Adorno). JÜRGEN ROTH

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