Ökostrom-Anieter in der Kritik

Bio ist nicht öko

Ökostrom-Anieter Lichtblick verkauft auch Biogas aus Massentierhaltung. Dessen Produktion finden Umweltschützer bedenklich.

Pro Jahr sollen 35.000 Tonnen Mais und 24.500 Tonnen Schweinegülle in der Biogasanlage landen. Bild: dpa

BERLIN taz Der Ökostrom-Anbieter Lichtblick ist im Oktober letzten Jahres auch in den Gasmarkt eingestiegen. Mit Biogas, das von Bauern produziert wird. Diese stopfen Pflanzen oder kippen Gülle in Anlagen, die ähnlich funktionieren wie der Magen einer Kuh. Es entsteht Methan, das sich so veredeln lässt, dass es Gasqualität erreicht. Gas gilt als klimafreundlich, Biogas gar als klimaneutral.

Schon seit längerer Zeit produzieren Stadtwerke "grünes Gas". Doch diese haben es in ihren Blockheizkraftwerken in Strom und Wärme verwandelt. Als Lichtblick Biogas überregional für private Haushalte zum Heizen und Kochen anbot, war dies ein Novum. Zum ersten Mal stieß eine Ökofirma in das hart umkämpfte Gasgeschäft der etablierten Versorger vor. Die wenigen Alternativen, die es bis dato gab, waren wie in Hamburg oder Berlin lokal begrenzt. Das Angebot für Umweltbewusste ist durchaus konkurrenzfähig: Der Kunde zahlt einen Grundpreis von 9,90 Euro im Monat, die Kilowattstunde kostet 6,25 Cent. Bislang haben gut 13.700 Bürger das Angebot angenommen. Es sieht aus, als würde der Gasmarkt sauberer.

Das Gas ist allerdings nur grün veredelt. Der Biogasanteil beträgt im Lichtblick-Mix bislang nur 5 Prozent. Mit jedem neuen Kunden muss Lichtblick aber mehr Biogas erzeugen, also auch mehr Anlagen schaffen. Bisher ist Deutschland zu etwa 85 Prozent von Erdgasimporten abhängig. Der Bio-Deal verspricht Unabhängigkeit.

Doch Umweltschützern ist die Entwicklung unheimlich. Aus Sicht von Andreas Bauer, Experte im Münchener Umweltinstitut, passt der Begriff "öko" nicht unbedingt zum Biogas. "Es ist eine Frage der Standards." So baut Lichtblick eine Biogasanlage in Jüterbog. Neun Betonzylinder mit einem Durchmesser von 30 Metern laufen in einer der größten Anlagen Brandenburgs bereits im Testbetrieb. Sie wird von der Conergy-Tochter Epuron betrieben. Pro Jahr sollen 35.000 Tonnen Mais und 24.500 Tonnen Schweinegülle darin landen.

Andreas Bauer erklärt: "Das bedeutet, dass die Ernte von 2.000 Hektar Mais in die Anlage gekippt wird und die Gülle von zehntausenden Schweinen." Die Rohstoffe sollen eine Agrargenossenschaft und ein Schweinebetrieb von nebenan liefern. Der Stall eines niederländischen Investors muss noch genehmigt werden. Derzeit bezieht Lichtblick sein "grünes Gas" aus Bayern.

"Alles bio, aber eben nicht ökologisch einwandfrei", moniert auch Reinhild Benning, Agrarexpertin vom Bund für Natur und Umwelt. "Biogas darf die Massentierhaltung nicht fördern." Aber ist Biogas nicht das Beste, was Gülle passieren kann? "Die Biogasanlagen rechtfertigen erst die Megaställe", sagt Bennings Kollege Burkhard Rohloff, "Sie konservieren damit die nicht artgerechte Tierhaltung." Denn die Tiere müssen auf Spaltenböden aus Beton stehen. Dann treten sie ihren Harn vermischt mit Kot durch die Schlitze. Die Gülle wird im Kanal darunter aufgefangen. Stroh wäre angenehmer fürs Tier.

Niederländer und Dänen planen einer Reihe von Riesenställen in Ostdeutschland. Zuhause bei ihnen sind die Umweltauflagen strenger. Hierzulande können Mäster künftig unter Umständen einen Gülle-Bonus einstreichen: Nach der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sollen Biogas-Bauern einen Zuschuss bekommen.

Mittlerweile gibt es bundesweit 3.700 Biogasfabriken, die größten davon stehen in Ostdeutschland, wo die großflächigen Betriebe wie Konzerne geleitet werden. Umweltschützerin Benning fürchtet, dass der Trend auch die Gentechnik auf dem Acker fördern könnte, weil Agrarkonzerne den Bauern höhere Erträge durch sie versprächen. Biogas-Technik braucht Futter.

Fördern Gas-Pflanzen Gentechnik und Massentierhaltung, sind sie Konkurrenz zu Lebensmitteln? "Wir müssen die Diskussion führen", sagt Gero Lücking von Lichtblick. Sein Unternehmen erarbeite zusammen mit dem WWF und dem Öko-Institut in Freiburg derzeit Biogas-Standards. Konkurrent Greenpeace Energy will kein Biogas auf den Markt bringen, solange es keine Ökokriterien gibt.

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