Kieler SPD-Landeschef Ralf Stegner

Der den Stunk anzieht

Bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein wird der Erfolg von SPD-Landeschef Stegner getestet. Selbst Gegner können sich vorstellen, dass er bald Ministerpräsident wird.

Heide Simonis riet Ralf Stegner: "Du musst auch mal ein bisschen milder sein." Bild: dpa

1990: Ralf Stegner wird Pressereferent im Kieler Sozialministerium. In nur sechs Jahren steigt er zum Staatssekretär auf, später macht ihn Regierungschefin Heide Simonis zum Finanzminister.

2005: Stegners bisher schlimmste Krise. Nach der Wahl in Schleswig-Holstein will sich Simonis mit einer knapper Mehrheit wiederwählen lassen. Sie stürzt: Ein Unbekannter aus den eigenen Reihen verweigert ihr in der geheimen Wahl die Stimme. Stegner gerät unter Verdacht. Er wehrt sich heftig und erfolgreich: Zwei Jahre danach wählt ihn die SPD zum Landeschef, später rückt er ins Präsidium der Bundespartei auf.

2008: Der Parteilinke tritt zunehmend auf der Berliner Bühne auf. Kann er das in SPD-Stimmen umsetzen? Am Sonntag sind Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein: Kreistagsmandate, Räte und Bürgermeister von Reinbek bis Malente. Vor fünf Jahren holte die CDU landesweit 50,8 Prozent, die SPD katastrophale 29,3.

Das Scheinwerferlicht ist auf die Bühne gerichtet. Es brennt ihm auf die Stirn, und Ralf Stegner starrt schwitzend ins Publikum. Es ist 19.25 Uhr im renovierten Lagerschuppen am Lübecker Hafen. Scharf und kämpferisch war seine Rede, aber spätestens jetzt müsste er lächeln und sich feiern lassen. Nur kann sein Gesicht den Mund nicht halten. Er biegt sich nach unten und stiert die Leute an.

Er verhält sich unmöglich für einen Politiker. Doch er setzt sich durch. Stegner ist 48 Jahre alt. Von Maxdorf in der Pfalz hat er sich über das südbadische Emmendingen bis nach Harvard gearbeitet. In Kiel ist er an die Spitze der schleswig-holsteinischen SPD geklettert und von dort nach Berlin ins Präsidium seiner Partei. Es ist, als bekämpfe dieser Mann erfolgreich die Gesetzmäßigkeiten der Politik. Er wird nicht verehrt, man kommt eher zurecht mit ihm. Aber inzwischen können sich selbst seine Gegner in der Partei vorstellen, dass er in anderthalb Jahren Ministerpräsident wird - mit Hilfe der Linken.

7.40 Uhr. Ralf Stegner nimmt auf dem Rücksitz seines Dienstmercedes Platz. Es ist ein sonniger Morgen in Bordesholm, 25 Kilometer landeinwärts von Kiel. Er trägt eine Sonnenbrille, vom Dreiteiler nur Hose und Weste, unter der das helle Kurzarmhemd etwas merkwürdig aussieht. Der Wagen rollt über den Kiesweg vor seinem Haus. Hier in Bordesholm, keine 500 Meter von Stegners Einfahrt entfernt, hat sein Hauptgegner am Vorabend eine Veranstaltung abgehalten. Peter-Harry Carstensen, der braungebrannte Opa mit den weißen Haaren. Die Leute mögen ihn. Sein Seebärengrinsen beruhigt sie. Die CDU hat dieses Grinsen überall im Land plakatiert, obwohl der Ministerpräsident am Sonntag bei den Kommunalwahlen gar nicht auf dem Zettel stehen wird.

Der Seebär hat ihn im Herbst aus dem Kabinett von CDU und SPD gedrängt. Stegner musste vom Innenministerium auf den Posten des Fraktionschefs im Landtag ausweichen. Aber so leicht ist er nicht aufzuhalten. Er kann freier agieren ohne Kabinettsdisziplin, und die Journalisten brauchen für die Nachrichten am Wochenende einen SPD-Linken. Er mischt in der Debatte um den Bundespräsidenten mit, schlägt im Steuerstreit vor, Geringerverdiener zu entlasten, und springt den Bahn-Beschäftigten bei. Sie lästern schon im Parteipräsidium, der Ralf schlafe mit offenem Fenster, falls ihn jemand ruft. Aus seiner Sicht ist das ein gutes Zeichen.

Stegner ist einer, der den Stunk anzieht. Als er früher Fußballschiedsrichter war, hat er auch dann gepfiffen, wenn klar war, dass die Entscheidung in einem Handgemenge enden könnte. In seiner Zeit als Innenminister kritisierte der Datenschutzbeauftragte des Landes sein scharfes Polizeigesetz. Stegner höhnte, der Datenschützer lebe in einer verkehrten Welt. Ein andermal warf er seinem Berliner Kollegen Wolfgang Schäuble vor, sich schäbig zu verhalten: Er verlange viele Sicherheitsmaßnahmen nur, um die SPD nach einem Terroranschlag fertigmachen zu können. Anders als andere SPD-Politiker erklärt Stegner offen, dass er zur Not auch mit der Linken koalieren würde. "Die Union hat doch auch null Skrupel, mal mit dem Ganoven Schill und mal mit den Grünen zu regieren", sagt er. "Wir wären schön doof, wenn wir uns die Optionen von anderen diktieren ließen. Nie-Sätze gibt es nur für Nazis."

Es funktioniert. Die Plastikpolitiker in den Parteizentralen, die einen Streit nur schätzen, wenn er genau geplant und abgesichert ist, machen die Leute müde. Stegner ist schön bissig. Wenn er im Fernsehen aufgetreten ist, bekommt er hunderte Mails. "Kommunist", schnauzen die einen. "Super", loben die anderen. "Bei mir gibt es weniger Grau", sagt er. Nur bei Peter-Harry Carstensen hält er sich zurück. Gegen den netten Seebären hätte er auf die fiese Art keine Chance.

Der Wagen hält in Groß-Grönau in der Nähe von Lübeck. Mit dem örtlichen Landtagsabgeordneten besucht Stegner ein Autohaus. Die Chefin heißt Barbara Lau. Sie hat sich einmal einen Polo gekauft, und der Verkäufer wurde später ihr Mann. Er starb, und sie war mit den Kindern und dem Betrieb allein. Inzwischen hat sie 50 Mitarbeiter und wurde von VW ausgezeichnet. "Ist so", sagt sie kurz und lacht. Stegner mag sie. Sie hat sich durchgesetzt.

"Ich hab mich auch im Wettbewerb behaupten müssen", sagt er. Man merkt das, wenn er erzählt, wie sich die Kneipe seiner Eltern jahrelang gegen die Konkurrenz behauptete. Wenn er beschreibt, wie er das Harvard-Stipendium gegen die Diplomatenkinder ergatterte, die in Paris zur Schule gegangen waren. Wie die anderen Harvard-Abgänger lästerten, dass er in den öffentlichen Dienst ging statt in eine Unternehmensberatung. Und jetzt hat er von allen Stipendiaten den wichtigsten Job.

"Wenn wir bei Stegners im Keller Pingpong spielen, ist es nett", sagt sein Freund und früherer Büroleiter Heiner Volkers. "In dem Moment, wo wir auf Punkte spielen, verwandelt sich der Mensch."

Er wusste von vornherein, was er wollte. In Emmendingen hat er mit dem Geschichtslehrer die Welt zurechtgerückt, und in Freiburg an der Uni erfand er für sich eine Juso-Gruppe. Dann kam die Kennedy School of Government an der Havard-Universität. Die politische Kaderschmiede der USA. Für seinen ersten Job wählte er Norddeutschland. "Im Süden war die SPD nicht gerade eine Macht, das ist mir klar gewesen."

Er hat perfekt geplant und im richtigen Moment zugegriffen. Und trotzdem steht er oft so unnahbar in der Öffentlichkeit mit seinem sprechenden Gesicht. Er kann es nicht verbergen, wenn er jemanden nicht leiden kann. Langweilt er sich, kann es vorkommen, dass er mit dem Zeigefinger am Nasenloch rumreibt oder so lange schweigt, bis es peinlich wird. Heiner Volkers sagt: "Wenn er konzentriert zuhört, kann man das Gefühl bekommen: Jetzt frisst er mich gleich." "Er kann schneidend kalt sein, wenn es drauf ankommt", berichtet Heide Simonis, die frühere Ministerpräsidentin. "Ich habe ihm gesagt: Du musst auch mal ein bisschen milder sein."

Stegner kennt das Problem. Er versucht, weicher zu wirken. Auf den Stufen des Rathauses von Mölln flachst er mit den Gemeinderäten. Sie warten auf Kurt Beck, der im Wahlkampf helfen will. Mit der gebührenden Verspätung fährt der Wagen des SPD-Vorsitzenden vor. Die Tür fliegt auf, Beck hat noch nicht die Füße auf der Straße, da platzt er heraus: "In ganz Deutschland ist das Wetter schlecht. Wo ist es schön? In Schleswig-Holstein!" Er feixt, schüttelt Hände, duzt örtliche Genossen, als wäre er mit ihnen aufgewachsen. Stegner steht dabei.

Sie versuchen, ihm zu helfen, seine Frau, die Lehrerin, und Heiner Volkers, der ehemalige Schulrat. Vor Jahren schon kam der strenge Schnurrbart ab, inzwischen ist auch seine Frisur nicht mehr so stachelig. Die Fliege lässt er häufiger mal weg - sie fürchten, dass sie Distanz schaffen könnte. Gott sei dank hat er nie den südbadischen Dialekt gesprochen. Manchmal schickt Heiner Volkers ihn Händeschütteln. Aber er schafft es nicht, einen Raum zu füllen.

In Lübeck sitzt er in einem Seminarraum. Es ist das Haus der Willy-Brandt-Stiftung. Die Nachmittagssonne scheint herein, draußen bewegt der Wind langsam die Blätter der Bäume. Die SPD hat Leute aus Universitäten, Gewerkschaften und Stiftungen eingeladen, um eine Denkfabrik wieder aufleben zu lassen, die es schon mal zu Björn Engholms Zeit gab. Stegner hat diese Zeiten gelobt, und die Gäste haben gutwillig geschaut. Aber nun spricht Engholm. Er prangert die Enthemmungen in der Wirtschaft an, dass die Worte nachklingen. Armut müsse Armut genannt werden, und ein Gehalt von 20 Millionen sei nichts anderes als Gier. Er lässt auf Hoffnung Wut folgen und tröstet dann wieder mit Anekdoten. Er ist braungebrannt und sitzt aufrecht und trotzdem lässig da in seinem feinen dunklen Anzug mit der feinen dunklen Krawatte. Vermutlich würde er auch für zwanzig Millionen kein Kurzarmhemd mit Weste tragen.

Engholm verbreitet eine Aura, Stegner ist nur Stegner. Aber er gleicht seine Schwächen aus. Er ackert weiter, auch wenn er in Bedrängnis ist. Als Simonis vor drei Jahren verraten wurde bei der geheimen Wahl zur Regierungschefin, wurde gemutmaßt, Stegner sei der Heide-Mörder. Sie sagt, dass sie das nicht glaubt. Er habe doch gewusst, dass sie ihn später zum Ministerpräsidenten machen wollte. "Ich bin mir sicher, weil er nicht so blöd ist und nicht so unanständig." Er hat sich gewehrt gegen die Vorwürfe und sich in die Koalition mit dem Seebären gefügt.

Seine Kollegen sagen, dass er arbeite wie ein Tier. Man sieht wenig davon. Sein Schreibtisch ist meist aufgeräumt, die Arbeit ist gemacht. Er sei ein Pedant, zieht ihn seine Frau auf. In seinem Arbeitszimmer in Bordesholm hat er 700 DVDs gesammelt. "Tatort"-Folgen, er hat die meisten selbst aufgenommen. Er geht methodisch vor. Jeden Abend schreibt er Tagebuch.

Sein Freund Heiner Volkers glaubt, dass Stegner Angst davor hat, dass ihm seine Grundeigenschaften verloren gehen, wenn die Politik ihn zähmt. Was soll er denn nun sein? Bissig oder milde? Er selbst erklärt, dass ihn der Betrieb manchmal abstoße, wenn sich Kollegen vor die Kameras drängen. Aber er will nach oben. Er braucht die Kameras genauso. Im Fernsehen kann er seine Mimik immer zuverlässiger kontrollieren.

Stegner sitzt im Wagen und erzählt von zu Hause. Er ist das mittlere von fünf Geschwistern. Für die einen Dinge war er zu klein und für die anderen zu groß. Im "Goldenen Pflug" in Maxdorf haben seine Eltern fünfzehn Jahre ohne Ruhetag gekocht, bedient und abgerechnet. Am Ende haben sie es doch aufgegeben, und Stegners Vater wurde Geschäftsführer eines Lokals in Freiburg. Er sagt, dass ihm der Vater sehr nah war mit seinem Gerechtigkeitssinn. Er hat es gerade noch erlebt, dass Stegner sich den ersten Staatssekretärsposten eroberte.

Das ist der Unterschied. Die Stegners sind nicht braungebrannt wie Carstensen und Engholm, sie tun nicht jovial wie Kurt Beck. Sie sind frech. Sie kämpfen.

Gestern in Bordesholm bei Peter-Harry Carstensen, erzählt Stegner, hat sich ein Juso unter die CDU-Rentner gemischt. Er hat den Ministerpräsidenten gefragt, ob er die Rechten auch so bekämpfen wolle wie die Linken. Der Juso ist sein Sohn.

Die Mundwinkel wandern ein Stück hoch, und Ralf Stegner lächelt.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de