Das Leben ist niemals stabil

Die Natur verfährt nicht nachhaltig, und sie lässt sich auch nicht berechnen: In einer bemerkenswerten Studie setzt der Biologe Hansjörg Küster dazu an, die Ökologie von normativen Vorstellungen über Kreisläufe oder Gleichgewichte zu befreien

VON CORD RIECHELMANN

„In der Naturgeschichte des lebenden Menschen können Erkenntnistheorie und Ontologie nicht voneinander getrennt werden. Seine (gewöhnlich unbewussten) Überzeugungen, in was für einer Art Welt er lebt, bestimmen, wie er sie sieht und sich in ihr verhält, und seine Formen von der Wahrnehmung und des Verhaltens bestimmen seine Überzeugungen von ihrer Natur.“

Gregory Bateson:

„Ökologie des Geistes“

Der C. H. Beck Verlag leistet sich seit längerem eine Reihe von Büchern, die sich mit der Umgebung, in der sich nach einer Formulierung Martin Heideggers „alles Rätselhafte des Lebe-Wesens“ zusammendrängt, auseinander setzen. So hat Joachim Radkau, der gerade in einer monumentalen Max-Weber-Biografie dem Verhältnis von Ontologie und Erkenntnistheorie bis in die düstersten Metaphern und Kammern in Webers Werk und Leben nachgegangen ist, mit „Natur und Macht“ eine Weltgeschichte der Umwelt verfasst. Und Norbert Schindler hat mit „Wilderer im Zeitalter der Französischen Revolution“ nicht nur ein Kapitel alpiner Sozialgeschichte geschrieben, sondern auch eines der Wahrnehmungsgeschichte der Landschaft der Alpen in Abhängigkeit von der ausgeübten Tätigkeit.

Zu den sozialwissenschaftlich inspirierten Arbeiten Radkaus und Schindlers gibt es bei Beck aber auch die zoologisch beziehungsweise botanisch fundierten Studien Josef H. Reichholfs „Die Zukunft der Arten“ sowie Hansjörg Küsters „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“. Der Inhalt beider Bücher lässt sich auf den gemeinsamen Nenner bringen: Arten und Landschaften sind in einer dauernden Entwicklung begriffen, sie haben eine Geschichte, die sich zwar erzählen lässt, aber nur bedingt Vorhersagen erlaubt, wie es wird. Sicher ist nur, es bleibt nicht, wie es war. Damit vertreten beide eine radikal evolutionistische Position im Sinne Darwins, die jede Vorstellung von Stabilität in der Natur im Treibsand der Zeit versinken lässt. Dass sie so auch Begriffe wie den vom so genannten ökologischen Gleichgewicht und erklärte Ziele des politischen Naturschutzes, wie das Prinzip der „Nachhaltigkeit“, verabschieden, folgt mit Notwendigkeit. Dadurch irritieren Küster wie Reichholf nachhaltig kurrente Vorstellungen von dem, was Ökologie heißt.

Die Biologie kennt keine unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten

Aus diesem Dilemma will Hansjörg Küster jetzt mit seinem gerade erschienenen Buch „Das ist Ökologie“ herausführen. Küster, der immer wieder in der FAZ und der Süddeutschen Zeitung auch journalistisch zu ökologischen Themen Stellung nimmt, ist Professor für Pflanzenökologie in Hannover und hat mit seinen Natur- und Kulturgeschichten zur Ostsee, zum Wald und zur Landschaft unerwartet hohe Auflagen erzielt, die nicht aus einer populärwissenschaftlichen Verflachung der Gegenstände abgeleitet werden können.

„Das ist Ökologie“ beginnt mit einer wünschenswert klaren Position. „Das Leben beruht nicht allein auf der Annahme fester Gesetzmäßigkeiten, es lässt sich nicht vorhersagen“, schreibt Hansjörg Küster im ersten Satz. Im Sinne des in diesem Jahr verstorbenen Evolutionsbiologen Ernst Mayr unterscheidet sich die Biologie damit von anderen Naturwissenschaften wie Physik und Chemie. Es geht in der Biologie um das Leben und den Tod von Organismen, und beides lässt sich nicht berechnen. Im Unterschied zu den Unberechenbarkeiten der Physik, die dort unter anderem mit Begriffen wie „Fuzzylogic“ behandelt werden, verändert „die Evolution die Erscheinungsformen des Lebens; Physik und Chemie haben eine ähnlich rasche und irreversible Veränderung ihrer Forschungsgegenstände nicht zu befürchten“ (Küster).

Wenn sich das so einfach formulieren lässt, woher kommen dann die statischen Vorstellungen von einem Gleichgewicht der Natur? Sie stehen sozusagen in der Gründungsurkunde der Ökologie. Als Ernst Haeckel den Begriff Ökologie 1866 einführt, definiert er ihn als „die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt“ und fügt etwas später erläuternd hinzu, sie sei „die Lehre von der Oeconomie, von dem Haushalt der thierischen Organismen“.

Haeckel wurde auf dem Kontinent nach dem Erscheinen von Darwins „On the Origin of Species“ in deutscher Übersetzung (1860) zu einem der lautesten Fürsprecher der Entwicklungstheorie der Arten und entwickelte oder veränderte seine eigenen Weltanschauungen im Laufe seines Lebens kaum. Haeckels politische Ontologie, die ihn auch als Rassist, Sozialdarwinist und Nationalist aufscheinen lässt, passte zwar genauso wenig wie die Metapher vom Haushalt zu Darwins Theorie von der Veränderbarkeit der Arten, das machte aber nichts. Haeckel war ein Meister des Analogieschlusses und wurde, wenn auch umstritten, zu einem der einflussreichsten Biologen an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Und seine Vorstellung vom Haushalt der Natur, in dem alles geregelt ist, die Einnahmen nicht größer als die Ausgaben sein sollten und Störungen verhindert werden müssen, wirken bis heute in der Annahme eines bestehenden „ökologischen Gleichgewichts“ nach.

Hansjörg Küster zeichnet die nach Haeckel virulenten Definitionen des Begriffs Ökologie knapp nach und beschreibt die gesellschaftlichen Einflüsse auf die anfänglich unbedeutende Disziplin. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird das Interesse an der Ökologie in der Zurück-zur-Natur-Bewegung wach, die sich gegen die naturzerstörerischen Wirkungen von Industrialisierung und Technisierung wendet. Küsters kurzer Seitenblick auf das Interesse der Nationalsozialisten an der Ökologie ist dabei aufschlussreich. Die Nazis hofften, mathematisch darstellbare Gleichgewichte in der Natur so ausnützen zu können, dass Deutschland autark sein könne.

Küsters Ökologiebuch ist auch deshalb lehrreich, weil er immer wieder auf die gesellschaftlichen und politischen Einwirkungen auf sein Fach eingeht. Er will zwar eine naturwissenschaftliche Darstellung seines Fachs schreiben, die das Thema der Ökologie einschränkt, nämlich auf die Untersuchung der Interaktionen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt und der Häufigkeit und Verbreitung von Organismen. Er weiß aber, dass normative Vorstellungen vom Gleichgewicht oder des „richtigen Zustands“ der Natur die Öffentlichkeit, die Politik und auch die Geldgeber für Forschungsprogramme beherrschen – und die wollen Fragen beantwortet haben, die die biologisch argumentierende Ökologie nicht beantworten kann. Trotzdem wird natürlich dort, wo Geld gegeben wird, auch geforscht, und in den Ergebnissen solcher Studien sind Kompromisse zwischen wissenschaftlichen Argumenten und normativen Vorstellungen nicht selten. Gute Forschung könne das nicht sein, meint Küster.

Also versucht er zu klären, was Ökologie leisten kann und was nicht. Das tut er anhand der Begriffe Standort, Umwelt, Biosphäre, Konkurrenz, Stress, Selektion, Nachhaltigkeit und Ökosystem. Küster führt meist verständlich an einem Beispiel in den Gegenstand des Begriffs und das zugehörige Arbeitsgebiet ein. Das ist wunderbar zu lesen, wenn er es wie beim Standort tut. Er zeigt, wie Mineralstoffe verlagert werden, die Säuregrade des Bodens und die Zusammensetzung der Atmosphäre sich im Zusammenspiel von Erde und Leben ändern. Leben verändert die Natur und damit die Standorte und wirkt so der Stabilität, der Nachhaltigkeit am Standort entgegen.

„Die Wissenschaft sagt klar, dass Natur nicht nachhaltig ist“, schreibt Küster. Den Begriff der Nachhaltigkeit hält er, obwohl er keine naturwissenschaftliche Größe ist, trotzdem für brauchbar und wichtig. Was er damit meint, wird klar, als er auf die Überdüngung der Böden zu sprechen kommt. Er weist darauf hin, dass es sowohl bei der konventionellen als auch bei der ökologischen Landwirtschaft zur Überdüngung und der damit verbundenen Abgabe überschüssiger Mineralstoffe ins Grundwasser kommen kann, und plädiert für den Einsatz von reinem Mineraldünger. „Derzeit werden von Satelliten gesteuerte Düngeverfahren entwickelt, bei denen jeder Fleck Ackerboden genau die Mineralstoffmenge bekommt, die er wirklich benötigt – unter Einsparung enormer überflüssiger Düngergaben“, hofft Küster. Seine Ökologie ist also weder technikfeindlich, noch scheut sie sich vor praktischen Interventionen.

Das ist, wie im Fall seiner Kritik des Kiotoprotokolls, trotz der Diagnose angenehm zu lesen. Schwierig wird es nur, wenn er von Begriffen wie dem des Ökosystems nicht lassen will, aus welchen Gründen auch immer. Im Grunde nimmt er dem Begriff doch – vielleicht unbemerkt – den Gegenstand, sagt er doch deutlich, Ökosysteme seien nie stabil, erreichten nie einen dauernden Gleichgewichtszustand und hätten aus biologischer Sicht keine klaren Grenzen. Es ist hilfreich, wenn man ergänzend zu Küsters Ökologie mit seiner fast schon litaneihaften Erwähnung des Ökosystems die Erledigung des Begriffs von Josef H. Reichholf in der aktuellen Nummer der Zeitschrift Scheidewege mit dem Titel „Die systemisierte Natur“ liest. Reichholf schreibt darin, dass mit dem Begriff des Ökosystems und durch die mit ihm in die Ökologie eingezogenen Konzepte der Naturwissenschaft, die rein mechanisch von Stoff- und Energieflüssen handeln, der Blick für die Lebewesen verloren gegangen ist.

„Seither“, notiert Reichholf, müssen „ ‚die Systeme‘ erhalten werden, nicht mehr die Tiere und die Pflanzen selbst“. Und Ökosysteme, weiß Küster, lassen sich nicht konservieren.

Hansjörg Küster: „Das ist Ökologie. Die biologischen Grundlagen unserer Existenz“. Beck Verlag, München 2005, 208 Seiten, 17,90 €