Vor sechzig Jahren

Die Geburt des Staates Israel

Ist Israel eine Folge des Holocaust oder ein Produkt des Kalten Krieges? Für Deutschland haben diese Fragen Folgen für die Gegenwart.

Kämpfer der Hagana evakuieren nach einem Bombenangriff auf Tel Aviv einen Mann. Bild: ap

Der Geburtstag dieses Staates erregte weder besondere Freude noch besonderes Aufsehen. Sechzig Jahre nach der Deklaration der heute brandgefährlichen inoffiziellen Atommacht schien dieser Jahrestag der Weltöffentlichkeit ebenso wenig Aufmerksamkeit wert wie der eigenen Bevölkerung. Sechzig Jahre nach seiner Unabhängigkeit konnte die blutige Gründung eines auf religiösem Glauben beruhenden staatlichen Gemeinwesens noch nicht einmal Erstaunen erregen.

Zwei Monate, nachdem Pakistan im September 1947 als eigenständiger Staat in das britische Dominium aufgenommen wurde, beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 29. November des Jahres in ihrer Resolution 181, das von den Briten verwaltete Mandatsgebiet Palästina zu teilen. Nach dem Willen der Generalversammlung sollten dort bis spätestens zum Oktober 1948 ein unabhängiger arabischer, ein unabhängiger jüdischer Staat sowie ein internationales Sonderregime für Jerusalem entstehen.

Dieser Beschluss der Generalversammlung, der nicht ohne den Willen der Sowjetunion Stalins zustande gekommen wäre, wurde, trotz der anders lautenden Erklärungen des damaligen sowjetischen UN-Botschafters Andrei Gromyko, nicht aus Schuldbewusstsein gegenüber sechs Millionen ermordeten Juden und auch nicht aus Verantwortungsgefühl für die Überlebenden gefasst. Vielmehr ging es darum, einen internationalen Krisenherd still zu stellen. In Resolution 181 hieß es dazu : "Die Generalversammlung ist der Auffassung, dass die gegenwärtige Situation in Palästina geeignet ist, das Allgemeinwohl und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Nationen zu beeinträchtigen".

Will man den konkreten Akt der Staatsgründung mit anderen derartigen Ereignissen vergleichen, so wird man sich am ehesten an die kürzlich erfolgte Gründung des kosovarischen Staates erinnern - mit dem Unterschied, dass diese Staatsgründung im Unterschied zur israelischen keine völkerrechtlich legitime Grundlage hat.

Tatsächlich ging es am Vorabend des Kalten Krieges im New York von 1947 darum, eine halbwegs tragbare Lösung für ein Gebiet zu finden, dass seit Ende des Ersten Weltkriegs, spätestens aber seit 1936 durch starke ethnische Konflikte und einen mal kalten, mal heißen Bürgerkrieg zwischen Juden und Arabern sowie einem blutigen Widerstand jüdischer und arabischer Gruppen gegen die Mandatsmacht gekennzeichnet war; eine Zone, die während des Zweiten Weltkriegs, zumal nach dem Sieg der Briten in El Alamein zur friedlichen Etappe geworden war und deren Konflikte sich nach 1945 wieder in gesteigerter Heftigkeit fortsetzten.

Es war der britische Sieg über den Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel Ende Oktober/Anfang November 1942, der den weiteren Aufbau des zionistischen Gemeinwesens sicherte: Vor der Schlacht El Alamein war man sich auch unter den Juden Palästinas bewusst, dass ein Ausgreifen der Wehrmacht das Ende der jüdischen Existenz in Palästina bedeutet hätte. In Athen standen bereits die Gaswagenkommandos der SS bereit, um die Juden Palästinas zu ermorden - ein Unterfangen, dass von palästinensisch-arabischen Nationalisten unter der Führung des Muftis von Jerusalem ausdrücklich unterstützt wurde.

Eine jüdische Heimstätte in Palästina, im Land Israel hätte demnach den Holocaust nicht verhindern können, sogar dann nicht, wenn weitaus mehr Juden in den späten 1920er und 1930er Jahren dorthin ausgewandert wären, wofür es ökonomisch keine Grundlagen gab.

Im unmittelbaren Zeitraum vor der Staatsgründung wurden im ganzen Mandatsgebiet etwa zwei Millionen Menschen gezählt - unter ihnen 600.000 Juden. Auf dem von den UN für einen jüdischen Staat vorgesehenen, flickenteppichartig geformten Territorium lebten neben einer halben Million Juden 350.000 Araber. Die gesamte jüdische Bevölkerung Palästinas war von 1931 bis 1935, Jahre vor dem vor allem durch aus Polen stammende Einwanderer auf insgesamt 600.000 Menschen angewachsen. Hinzu kamen Menschen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und dem Anschluss Österreichs dem rassistischen Antisemitismus entkommen konnten zwischen 1933 und 1945 zumeist illegal nach Palästina einwanderten. Doch mehr als geschätzte 40.000 Juden waren dies nicht.

as relativ starke Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas bis 1945 ist also keine Folge des Nationalsozialismus. Das demographische Volumen, dessen der neugegründete Staat später bedurfte, gewann er durch mehr als 600.000 Juden aus arabischen Ländern, die von dort nach der Staatsgründung vertrieben oder von zionistischen Emissären zur Auswanderung bewogen wurden. Gleichwohl ist der heutige Staat Israel jener Staat, der wie kein anderer Staat der Region "von Europa" ist.

Der Staat Israel und die ihn tragende Weltanschauung, der staatsbildende Zionismus, haben zwei voneinander ebenso unabhängige wie miteinander verflochtene europäische Wurzeln: erstens den seit dem 18. Jahrhundert ausgebildeten rassistischen Judenhass, der sich in Westeuropa in demütigender gesellschaftlicher Diskriminierung und im Zarenreich in einem immer wieder aktualisierten Pogromantisemitismus äußerte; zweitens den von der deutschen Romantik geprägten ethnischen Nationalismus, der den Nationalstaat, anders als die revolutionär französische oder us-amerikanische Tradition, nicht als eine der Zukunft zugewandte Rechtsgemeinschaft, sondern als eine die Kultur der Herkunft schützende Lebensgemeinschaft ansah.

Ein Blick auf die in sich widersprüchliche Geschichte des Zionismus und seiner vielen Strömungen von ganz links bis nach ganz rechts zeigt, dass nicht wenige Zionisten dort gar keinen klassischen Nationalstaat, sondern ein kulturelles Zentrum für die Juden in aller Welt anstrebten. Auf jeden Fall wäre es ein Missverständnis, den Zionismus lediglich als Reaktion auf den Antisemitismus anzusehen. Jüdische Intellektuelle wurden ebenso zu Nationalisten wie Intellektuelle anderer ethnischer Minoritäten und Majoritäten. Dennoch: Als die zionistischen Vereinigungen jedoch unter dem Eindruck des Holocaust im Mai 1942 in New York eindeutig für die Gründung eines ethnischen Nationalstaats optierten, waren die Würfel gefallen.

Der seit Beginn der zionistischen Besiedlung Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts schwelende und spätestens im arabischen Aufstand von 1936 aufflammende Konflikt zwischen palästinensischen Arabern und jüdischen Siedlern über Land, Märkte und Beschäftigungsverhältnisse musste trotz verständigungsbereiter Politiker, die es auf beiden Seiten gab, nach dem Abzug der Briten erst in einen Bürgerkrieg, dann - nach Ausrufung der Unabhängigkeit, die die USA noch zu verhindern suchten - in einen Staatenkrieg münden. Dabei ging es auch um geschichtsmächtige Mentalitäten: Galten die zionistischen Juden insgesamt als Vertreter einer kulturellen, ökonomischen und politischen Modernisierung, so artikulierte sich im arabischen Widerstand oft genug ein in jeder Hinsicht traditionalistisches Selbstverständnis.

Doch hat der Staat Israel nicht nur diese beiden auf Judenhass und modernen jüdischen Nationalismus bezogenen europäischen Wurzeln. Es gibt noch eine dritte Wurzel: Es war Großbritannien, das gegen Ende des Ersten Weltkriegs unter General Edmund Allenby dem Osmanischen Reich den Todesstoß gab und mit seinem nahöstlichen Engagement überhaupt erst eine realistische Option für eine jüdische Staatsgründung ausstellte. Es war Großbritannien, das mit dem Sieg Feldmarschall Bernard Montgomerys im Zweiten Weltkrieg die deutsche Wehrmacht in Ägypten zum Stehen brachte. Und es war Großbritannien, das schließlich der Kriege, Aufstände und des zivilen Ungehorsams müde, nach dem Zweiten Weltkrieg seine indischen Kolonien wie sein nahöstliches Mandatsgebiet aufgab.

So lässt sich das Entstehen des Staates Israel auch als Ausdruck des letzten Ausgreifens Europas in einen anderen kulturellen, in diesem Fall: in den islamischen Raum verstehen; ein Ausgreifen, das in dieser Form nur in der Epoche der Weltkriege möglich war und zugleich - durch den UN-Beschluss sowie die wesentliche Mitwirkung der USA und der Sowjetunion - erster Ausdruck globaler, weltgesellschaftlicher Politik war.

Das hat Folgen für die Wahrnehmung Israels und des Zionismus in Deutschland, im - so die Historiker - "deutschen Narrativ". Wenn der Zionismus den Holocaust weder verhindern konnte noch Holocaustüberlebende zu einem wesentlichen demographischen Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas beigetragen haben, dann besteht zwar eine bleibende moralische Verantwortung Deutschlands für das jüdische Volk im Ganzen, aber nicht für die Politiken des Staates Israel. Wenn es eine deutsche Verantwortung für den Staat Israel gibt, dann deshalb, weil dort Juden leben und weil seine Existenz für Juden in aller Welt von vitaler Notwendigkeit ist, nicht aber, weil Deutschland durch den Holocaust wesentlich an der Entstehung des Staates beteiligt gewesen wäre. Daher besteht auch keine mittelbare deutsche Verantwortung für das Schicksal der Palästinenser.

m Rückblick wird vielmehr deutlich, dass es die spezifische Situation des beginnenden Kalten Krieges und einer über die UN neu formierten internationalen Gemeinschaft war, die die Gründung des Staates ermöglichten. Ohne die Zustimmung der Sowjetunion und ihrer Satelliten wäre es zu keinem Teilungsbeschluss gekommen, ohne die Lieferung von Waffen aus der inzwischen kommunistischen Tschechoslowakei hätte sich die an Kampfmoral und Ausbildung überlegene israelische Armee noch schwerer schwerer getan, den Staatenkrieg von 1948 zu einem halbwegs erfolgreichen Ende zu führen.

Im jüdischen Gedächtnis zumal jener, die den Holocaust überlebt hatten, nahm die Staatsgründung indes die Form eines theologischen Ereignisses an: eine Erzählung von Tod und Auferstehung. Der Schmerz über den Tod von Eltern, Kindern und Freunden schien sich durch den Stolz über eine siegreiche jüdische Armee und den Aufbau eines erfolgreichen Staatswesens überdecken zu lassen. Wie widersprüchlich diese Haltung ist, beweist der Umstand, dass der Staat Israel zwar den im Holocaust Ermordeten in der Gedenkstätte Yad Vashem ein anrührendes und würdiges Gedenken bewahrt, dass die den Holocaust überlebenden Individuen, die nach dem Krieg nach Israel einwanderten, dort aber über lange Jahre vermeintlicher Schwäche wegen verachtet wurden. Sie, die Überlebenden waren es jedenfalls nicht, die die Ursache für den Sieg im Krieg von 1948 waren.

Der Unabhängigkeitskrieg von 1948, gerne als Kampf des israelischen Davids gegen die Goliaths fünf arabischer Armeen dargestellt, war letztlich ein Krieg zwischen dem von der Sowjetunion eindeutig und den USA unwillig unterstützten israelischen Staat hier und dem von den Briten geförderten, ausgerüsteten und militärisch geführten Transjordanien dort. Im Feld Feinde, verhandelten Israel und Transjordanien hinter den Kulissen erfolgreich über die Teilung Palästinas. Der nach dem UN-Teilungsbeschluss eindeutig völkerrechtswidrige Angriff der arabischen Staaten bot Israel schließlich nicht nur die Chance, ein verteidigbares, zusammenhängendes Staatsgebiet zu erobern, sondern auch, 700.000 palästinensische Araber zu vertreiben und sich ihres zurückgelassenen Eigentums zu bemächtigen. Zumal die neuere israelische Forschung hat nachweisen können, dass diese Vertreibung zwar nicht zentral geplant, wohl aber dezentral gezielt exekutiert sowie schließlich - von Regierungsseite, zentral - mit einem Rückkehrverbot für Flüchtlinge besiegelt wurde.

Es ist unwahrscheinlich, dass ohne eine wenigstens symbolische Berücksichtigung dieses Unrechts der Friedensprozess auch nur eine Chance hat. So entscheidend die materielle Ökonomie ist, so sehr rächt sich die Vernachlässigung der moralischen Ökonomie. Sechzig Jahre nach seiner Gründung streitet die jüdische Bevölkerung des Staates Israel, im konventionellen Sinn militärisch mächtig, ökonomisch erfolgreich, wissenschaftlich exzellent, sozial und ethnisch gespalten und politisch zerrissen leidenschaftlich darüber, ob sie außer trügerischer Sicherheit auch Frieden und das heißt auch Gerechtigkeit anstreben soll.

 

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