Kommentar Dalai-Lama-Vergleich

Heiliger Zorn

Die Rede der Hamburger Linkspolitikerin Christiane Schneider war kein Skandal, sondern eine Ungeschicklichkeit. Die Empörung über den "Tibet-Eklat" sagt mehr über die Empörten aus.

Die Hamburger Linkspolitikerin Christiane Schneider hat den Dalai Lama mit dem Ajatollah Chomeini verglichen. Genau genommen hat sie nur darauf hingewiesen, dass die Welt mit religiösen politischen Führern keine guten Erfahrungen gemacht hat. Zudem hat sie auch China zur Einhaltung der Menschenrechte angemahnt. Doch das zählte nicht mehr. Denn ist die Erregungsgesellschaft erst mal in Fahrt geraten, kommt es auf Details nicht mehr an. Eine "schlimme Entgleisung", so tönt es seitdem aus Union und SPD.

Aber ist diese Rede wirklich ein Skandal - oder eher eine Ungeschicklichkeit? Wohl Letzteres. Es ist bestimmt nicht klug, den besonnenen Dalai Lama, der auf friedlichen Protest setzt, mit dem gewalttätigen Hassprediger Chomeini zu assoziieren. Aber eine kritische Haltung zum Dalai Lama ist noch kein Ausweis totalitärer Gesinnung. Und selbst wenn Schneider den Dalai Lama direkt mit Chomeini verglichen hätte - in der Zeitgeschichte finden sich mannigfach abstrusere Vergleiche. Helmut Kohl verglich vor 20 Jahren Gorbatschow mit Goebbels, der allseits gerühmte Hans Magnus Enzensberger erkannte in Saddam Hussein einen Wiedergänger Hitlers. Gemessen an solchen Irrtümern, nimmt sich der rhetorische Fehler der Linkspolitikerin bescheiden aus.

Aufschlussreicher als die Rede selbst ist das uniforme Echo, das sie ausgelöst hat: Es erinnert an Rudelverhalten. Offenbar gilt hierzulande das ungeschriebene Gesetz, dass der Dalai Lama sakrosankt ist - und wer sich daran nicht hält, wird symbolisch ausgeschlossen. Manche lassen dem Dalai Lama eine pseudoreligiöse Ehrfurcht angedeihen. Dabei mag die Sehnsucht nach einem Vorbild in vorbildarmen Zeiten eine Rolle spielen und dass sich Tibet für exotistische Wunschbilder eignet. Die maßlose Kritik an Schneider zeigt, wie viel Projektion beim Thema Tibet im Spiel sind.

Die Empörung über die Stasi-Verharmlosung der niedersächsischen DKP-Politikerin Christel Wegner war berechtigt. Die Empörung über die "Tibet-Affäre" sagt mehr über die Kritiker aus.

.

Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben