Das Verschwinden der Arten

Die Störrische Arnika

Sie tut gut, die Arnika. Weleda stellt aus ihr ein Öl her. Aber den geschäftlichen Ambitionen sind Grenzen gesetzt - sie lässt sich nicht kultivieren. Ein Besuch im Heilpflanzengarten.

Anmutig, nützlich - aber nicht zu bändigen: die Arnika in der Wildnis. Bild: weleda

SCHWÄBISCH-GMÜND taz Sie schafft es einfach nicht, gegen Konkurrenz kommt sie nicht an - die Arnika. Selbst hier, in der Fabrik von Weleda, der weltweit größten Brauküche für Hautöle, Hustensäfte und Arzneimittel, geht die knallgelbe Bergblume unter: Statt nach Arnikaöl riecht es nach der sonnig orangenfarbenen Calendula, auch nach Zitrusöl. Diese Schwäche könnte der Arnika zum Verhängnis werden.

Gerade wird in Schwäbisch-Gmünd das Massageöl abgefüllt, 150 grüne Flaschen gehen pro Minute vom Band. Seit auch Hollywood-Stars Lust auf Natur haben, verlangen weltweit immer mehr Verbraucher nach dem wohlduftenden Öl. Im Volksmund hat die Arnika viel versprechende Namen wie Wohlverleih, Engelkraut oder Kraftrose. Tatsächlich wärmt Arnika montana, sie hilft Entzündungen zu hemmen und Wunden zu heilen. Sportler massieren sich ihre müden Beine mit dem Öl. Und schon Goethe soll sich von einer Herzschwäche mit Hilfe von Arnikatee erholt haben.

Die Pflanze: Die Arnika (Arnica montana), auch Berg-Wohlverleih genannt, ist eine Pflanzenart in der Familie der Korbblütler. Sie steht in Deutschland auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Arnika bevorzugt saure und magere Wiesen und ist kalkmeidend. Sie ist von der Tallage bis in Höhenlagen von 2.800 Meter anzutreffen. Das Unternehmen: Die Weleda AG ist der weltweit größte Hersteller für Naturkosmetik. 2006 setzte die Firma 200 Millionen Euro um, sie verkauft ihre Produkte in über fünfzig Länder. Besonders gefragt ist das Krebstherapeutikum Iscador auf Mistelbasis, außerdem das Arnika-Massageöl. In Schwäbisch-Gmünd, der deutschen Niederlassung des Schweizer Unternehmens, arbeiten 860 Mitarbeiter.

Doch die Arnika kämpft um ihr Dasein. Nicht nur hier in der Fabrik im süddeutschen Schwäbisch-Gmünd, sondern schon draußen in der Natur, lange bevor ihre Blüten getrocknet, in großen Stahlkanistern in Öl eingelegt und dann portionsweise abgefüllt werden.

Da ist erstens die direkte Konkurrenz: Andere, potentere Pflanzen überwuchern sie. Wenn das passiert, hat sie kein Licht mehr und geht ein. Dabei ist sie eigentlich robust. Sie übersteht Kälte und Hagel und wächst auch dort noch, wo der Boden für andere Blumen zu mager ist, also zu wenige Nährstoffe bietet. Diese Standorte sind ihre Chance zum Überleben. Aber magere Böden sind in diesen Zeiten, in denen jeder Bauer seine Felder düngt, selten geworden.

Das zweite Übel, das ihr zu schaffen macht, sind die Kunden. Also diejenigen, die gut aussehen und dabei eigentlich die Welt retten wollen. Für sie werden immer mehr Pflanzen ausgerupft und in die Öle und Cremes gerührt. Sogar Selbstbräuner stehen mittlerweile im Naturkosmetikregal. Nicht in alle Produkte wird die schöne Arnika gerührt. Doch in Deutschland steht sie schon als "gefährdet" auf der Roten Liste. Und es wird für sie sehr schwierig, da wieder runterzukommen.

Im Weleda-Heilpflanzengarten, auf einer Anhöhe nahe der Fabrik, sitzt Michael Straub in seinem Büro. Hinter dem Leiter des Gartens stehen volle Aktenregale. Wer zu dem kräftigen Endvierziger will, muss vorher an einem großen Regal mit Gummistiefeln vorbei. Es sind die Arbeitsschuhe von ihm und seinem Team, an allen klebt der Lehm.

Straubs Job ist es, sicherzustellen, dass es für den Naturkosmetikhersteller ausreichend Arnika zum Verarbeiten gibt. Der Bedarf schwankt. Sind Werbekampagnen geplant, ist er zum Beispiel größer. Für dieses Jahr sind 1.300 Kilo getrocknete Blüten bestellt, frisch wiegt Arnika das Sechsfache. Straub hat Landwirtschaft studiert, er ist auf einem der ersten biodynamischen Höfe aufgewachsen, nun ist er schon seit zehn Jahren bei Weleda - und er hat gut zu tun.

Wie ein verschrobener Kräuterfreak wirkt er nicht. Aber man traut ihm sofort zu, jedes Gras zum Blühen zu bringen. Er lacht, die Augen blitzen, und er sagt Sätze wie: "Man verliebt sich in Pflanzen. Wenn man ihnen Aufmerksamkeit gibt, tun sich Dimensionen auf, mit denen man nicht gerechnet hat." Bei der Arnika waren diese "Dimensionen" für ihn allerdings weniger erfreulich.

Er zieht eine achtzigseitige wissenschaftliche Broschüre aus dem Regal. Titel: "Heilpflanzenforschung der Weleda". Zur Arnika steht da: "Der kommerziellen Nutzung sind Grenzen gesetzt." Das also ist sein Problem: Straub kann die Ringelblume massenhaft kultivieren, auch die Rose. Aber nicht die störrische Arnika. Ohne unglaublich aufwändige Pflege verkümmert sie auf seinem Feld. Die Arnika mag die Wildnis lieber, selbst wenn Gärtner Straub sein Bestes gibt.

An diesem regnerischen Frühlingstag haben die Beete noch nichts von einem idyllischen Ökogarten. Statt grün ist alles grau. Im Sommer aber muss es hier herrlich üppig sein. Straub und seine Kollegen hegen 250 Arten: So blühen ab Mai die Malven für Gesichtscremes rosa, das Johanniskraut für Antidepressiva leuchtend gelb. Und natürlich werden auch die Ringelblumen wie kleine Sonnen aussehen. Anders als der Arnika bekommt ihnen die biodynamische Pflege gut. Straub steht auf einem sternförmigen Pflasterkreis und demonstriert, wie bei Weleda "dynamisiert" wird. Im Frühherbst hat er Kuhmist in ein Kuhhorn gefüllt und es vergraben. Jetzt im Frühling holt er das Horn wieder aus der Erde und schabt den Dung heraus. Den verrührt er in einem Bottich auf dem Pflaster mit Wasser. Der Rührstab dazu - er ist größer als Straub selbst - hängt an einer Kette von einer galgenartigen Holzvorrichtung herab. Straub nimmt ihn in die Hand.

Erst dreht er nach rechts, dann nach links. Rechts, links, rechts, links, eine Stunde lang. Über die Monate soll die Wirkung des Dungs von den kosmischen Kräften gestärkt worden sein - nun soll sie sich auf das Wasser übertragen. Dem Weleda-Mann ist es ernst damit. Das Wasser, das er auf diese Weise bearbeitet, bringt er als feinen Sprühregen "in homöopathischen Dosen", so sagt er, auf die Beete aus. Es soll den Boden "vitalisieren".

Man mag davon halten, was man will. Arbeit macht es sicher. Das Prozedere jedenfalls passt zu einer Firma, bei der mit jeder Tube und jedem Tiegel eine Weltanschauung verkauft wird: 1921 benannte Rudolph Steiner, der Vater der Anthroposophie, die Firma nach der germanischen Seherin und Heilerin Velleda. Im Jahresbericht liest man neben den Geschäftszahlen noch heute Formulierungen wie "erweitern wir das Qualitätsverständnis um die spirituelle Ebene."

So ernten zum Beispiel die Mitarbeiter die Blüten für Cremes und Lotionen nur früh am Tag, damit sie "die Morgenkraft mitnehmen", erklärt Straub. Es sei schließlich auch ein Unterschied, ob man morgens oder abends spazieren geht. Dann wird es irdischer: Abwässer werden von einer Schilfkläranlage gereinigt, der Prototyp wurde einst für Öko-Prinz Charles entwickelt. Während Michael Straub mit wachsender Begeisterung erzählt, streunt hinten durch das Gartenhaus ein braun-schwarzer Hund. Er soll die Mäuse in Schach halten - Chemie ist hier tabu, alles ist bio. Der geschundenen Arnika kann auch er nicht helfen. Die mag es lieber wild statt gepflegt.

Zurück in Straubs Büro, bei seinen Akten erklärt er: "Wir haben hier den großen Garten, dazu noch einen in Neuseeland und einen in Argentinien". Weleda will verhindern, dass Wildpflanzen geplündert werden, deshalb kümmert sich das Unternehmen um den Nachschub. Weltweit gelten schon 15.000 Heilpflanzen als bedroht, deshalb versucht er, jedes Jahr eine weitere Pflanze an seinen Garten zu gewöhnen. Aber so einfach ist das leider nicht immer.

Er kramt Fotos heraus: blauer Himmel, Frauen, die mit weißen Plastiktüten durch eine Wiese in den rumänischen Karpaten streifen. Sie pflücken Arnika. Von dort bezieht Weleda das Gros seiner Blüten. Straub sagt: "Für die Arnika ist der beste Schutz eine schonende Nutzung". Pflücken als ökologische Entwicklungshilfe sozusagen. Umweltschützer geben ihm Recht. Der WWF unterstützt das Projekt, das Kalkül der Naturschutzorganisation: Nur wenn Bauern einen gerechten Lohn fürs Pflücken der Blüten bekommen, sorgen sie dafür, dass magere Lebensorte für die Arnika bleiben. Außerdem dürfen die Sammler nur jede dritte Blüte pflücken.

Auf der UN-Naturschutzkonferenz im Mai in Bonn wird Straub vor den Delegierten einen Vortrag über die Arnika halten. Nutzen und schützen, dieses Motto ist international noch selten. Dabei hört sich alles perfekt an - und so harmonisch. Im Sommer geht Straub mit seinen Kollegen auch schon mal selbst in den Wald und sammelt Wurmfarn für ein Verdauungspräparat. Oder Bingelkraut. "Da fahren wir mit 18 Leuten in zwei Fahrzeugen raus". Macht sein Unternehmen also mit Allgemeingut Gewinn? "Das kann man so sehen", meint Straub. Aber er zeige damit auch, welche unscheinbaren Schätze es im Wald gibt. Außerdem zahlt Weleda Geld an die Umweltbehörden.

Es scheint, als gebe es keine Konflikte, als seien alle gut zueinander. Auch Besucher werden bei Weleda überall freundlich gegrüßt. Zum Beispiel am Eingang der Fabrikgebäude im Ort, wo Wasser plätschert und Schildkröten sich einen Teich mit den Fischen teilen. Oder von ihren Schreibtischen aus, wo immer mal wieder eine Ökokiste rumsteht: Wer sich den Wochenendeinkauf sparen will, kann sich sein Brot und Gemüse auch in die Firma liefern lassen. Oder in der Kantine, wo die Öko-Suppe und Bio-Kartoffeln in Schüsseln auf den Tisch kommen und sich jeder soviel nimmt, wie er mag.

Etwas stört dann aber doch das entspannte Bild: Zwischen den bauökologisch optimierten Gebäuden steht eine große Halle, einem Container ähnlich. "Wir mussten sie leider aufstellen, weil das Unternehmen in der letzten Zeit so gewachsen ist", sagt PR-Frau Susi Lotz. Deshalb musste der Parkplatz verkleinert werden - er ist gut gefüllt. Lotz erklärt: "Es gibt kaum Busse hierher. Und wegen der Berge ist es schwierig mit dem Rad zu kommen."

Irgendwie gibt es Grenzen für alles - nicht nur für die Arnika.

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