Keine konsequente Schulreform

Ganztagsschule Light

Rot-Grün investierte 4 Milliarden Euro in Ganztagsschulen. Der Anklang ist groß, doch nun läuft das Projekt aus. Eltern und Lehrer wollen eine Neuauflage - und echte Ganztagsschulen.

Mittagessen in der Schule? In Deutschland eine Seltenheit. Bild: dpa

Kein Schulprogramm war so erfolgreich wie das Ganztagsschulprogramm des Bundes - und so umstritten. Vor der Bundestagswahl 2002 versprach Kanzler Gerhard Schröder (SPD), 4 Milliarden Euro in den Aufbau von rund 10.000 Ganztagsschulen zu investieren. Die CDU/CSU-Opposition schäumte, der Bund sei a) nicht zuständig und Schröder wolle b) den Eltern ihr Erziehungsrecht stehlen. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sah sich nach der Wahl bockigen Länderkollegen gegenüber, die das Programm behinderten, wo sie nur konnten. Bayerns Schulministerin Monika Hohlmeier (CSU) etwa untersagte ihren Lehrern die Teilnahme an Ganztagskongressen. Höhepunkt war die Föderalismusreform, die es dem Bund verbot, ein Programm wie das für Ganztagsschulen wieder aufzulegen. Heute nun wird händeringend nach einem neuen Ganztagsprogramm gesucht, denn das alte läuft 2009 aus.

Eine Disco in der Schule? Da kann sich Stefan Appel genüsslich zurücklehnen. Natürlich gibt es das an seiner Schule! Einmal in der Woche von zwei bis vier Uhr nachmittags werden an der Hegelsbergschule in Kassel Platten aufgelegt. "Und da ist es immer proppenvoll", erzählt Appel. Die Disco hat ihren festen Platz im Schulleben. Genau wie die Hausaufgabenbetreuer, der Tanzlehrer und die Krankenschwester.

Stefan Appel, Schulleiter und Sprecher des Ganztagsschulverbands, verbindet mit dieser Schulart "Häuser des kreativen Lernens", Orte, an denen Unterricht und Freizeit ineinandergreifen. Die Hegelsbergschule entstand bereits in den 70er-Jahren. Inzwischen sind, auf Betreiben der damaligen rot-grünen Bundesregierung, viele Ganztagsschulen hinzugekommen. Von der Utopie Appels aber sind diese Schulen oft weit entfernt.

Statistisch gesehen war das "Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung" ein voller Erfolg: Mit 4 Milliarden Euro des Bundes zogen die Bundesländer Speisesäle, Ruheräume, Anbauten und Turnhallen hoch. 6.400 neue Ganztagsschulen sind so seit 2003 (um)gebaut worden. Doch immer wenn die Länder gefragt waren, die neuen Räume mit zusätzlichen Pädagogen zu füllen, war Schluss.

Nach Einschätzung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die das Programm begleitet, braucht eine Ganztagsschule ungefähr 30 Prozent mehr pädagogisches Personal als eine Halbtagsschule. Diese Vorgabe aber erfüllt keines der 16 Bundesländer. Das Ergebnis sind häufig Ganztagsschulen light. Weit verbreitet ist etwa das "Bikinimodell", wie Experten gern spötteln. Vormittag und Nachmittag bilden hier zwei völlig verschiedene Teile ohne jegliche Verbindung. Viele Länder setzen nachmittags Ehrenamtliche, Erzieher, Vereine, Rentner oder engagierte Eltern ein - nur keine Lehrer; die machen Feierabend.

Viele Schulleiterinnen sind durch diese Art Ganztagsbetrieb zu Personalmanagern geworden. Bis zu 40 freie Mitarbeiter habe er zu koordinieren, sagt ein Hamburger Schulleiter. "Wenigstens die Grundversorgung sollte über mehr bordeigenes Personal gedeckt werden", ächzt er.

Halbherzige Reaktion

"Wir sind durch die Hintertür zur Ganztagsschule geworden", berichtet Rolf Behrens, Schulleiter des Freiburger Kepler-Gymnasium. "Ich war stets der Meinung, dass die Erziehung der Kinder ins Elternhaus gehört", gesteht Behrens. Doch der lange Unterrichtstag, der mit dem verkürzten Gymnasium verbunden ist, ließ ihn weich werden: Schüler und Lehrer brauchten Aufenthaltsräume fürs Hausaufgabenmachen und eine Mensa, damit sie nicht bis 16 Uhr mit nüchternem Magen lernen müssen.

Die offene Ganztagsschule ist nur eine halbherzige bildungspolitische Reaktion auf den Pisa-Schock. Diese Erfahrung hat auch die baden-württembergische Schulleiterin Nicole Breitling gemacht. Als sie an die Hauptschule in Münsingen kam, konnte sie zunächst nur ein freiwilliges Angebot für den Nachmittag auf die Beine stellen. "Wir haben damit nicht die richtigen Kinder erreicht", sagt Breitling heute. Die Problemkids blieben Tennis-AGs und Computerkursen fern und hingen lieber in der Stadt ab.

Da blieb Breitling nur ein Alternative: eine Ganztagsschule von 7.45 Uhr bis 16.30 Uhr einzuführen - verpflichtend. Das passte nicht jedem. Zwei Lehrer ließen sich versetzen, manche sahen die Familien in Gefahr, wenn die Schule so lange dauert.

Der Ganztagsbetrieb veränderte das Klima an der Schule, an der Vandalismus und Gewalt Alltag waren. Auch der Unterricht hat sich verändert. Am Montag legen alle Schüler individuell fest, was sie bis zum Ende der Woche schaffen wollen. Wenn ein Thema spannend ist, kann es auch zwei Stunden mehr oder länger behandelt werden. Es sei nicht nur ein gemeinsames Lernen, sagt Breitling, "es ist ein gemeinsames Leben".

"Rhythmisierung" heißt das Zauberwort, durch das Paukschulen zu echten Ganztagsschulen werden. Phasen von Lernen und Entspannen wechseln sich dabei den ganzen Tag ab. Für diese Art von Schule will auch die traditionell linke Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft den Kollegen einen längeren Schultag zumuten: "Unter echten Ganztagsschule verstehen wir die Verzahnung von Unterricht und Freizeit bis in den Nachmittag", erläutert GEW-Fachfrau Marianne Demmer. Dafür sei unbedingt mehr Personal nötig.

Länder knausern

Doch die Bereitschaft der meisten Kultusminister, hierfür mehr Geld auszugeben, ist gering. "Die Länder haben nur in den seltensten Fällen ihr Scherflein beigetragen", moniert Helmut Klein, Bildungsexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). "Sie haben kaum neue Lehrer eingestellt, um einen ganztägigen Unterricht überhaupt zu ermöglichen."

Und so verwundert es nicht, dass bisher nur etwa jede zehnte Ganztagsschule eine gebundene ist - also eine mit verpflichtendem Vollzeitunterricht für alle. Berlin sieht sich hier als Vorreiter, trotz klammer Kassen. 64 Ganztagsschulen von mehr als 340 wurden 2004 als gebundene Ganztagsschulen eingerichtet, knapp 20 Prozent also.

An der Hunsrück-Schule in einem sozialen Brennpunkt in Berlin-Kreuzberg gab es Klassen, in denen kein einziges Kind deutscher Herkunft war. Selbst Migranten meldeten sich ab: "Wir sind extra weggezogen. Taifun sollte dort nicht zur Schule gehen. Da waren sonst nur Ausländer", erzählt eine Mutter.

Vor vier Jahren versuchte das Hunsrück-Kollegium einen Neuanfang - als Ganztagsschule: Man nahm den Stunden- und Personalplan komplett auseinander und setzte alles neu zusammen. 45-Minuten-Takt und Frontalunterricht blieben auf der Strecke. Seitdem interessieren sich auch Eltern außerhalb des Kiezes wieder für die Schule, berichten die Lehrer. In einigen Klassen sank der Anteil Kinder nichtdeutscher Herkunft auf zwei Drittel.

Dennoch ist das preisgekrönte Konzept in Gefahr. Das Land Berlin muss Lehrer und Erzieher ständig umverteilen. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) wirbt um Verständnis. "Ich bin kein Dukatenesel." Vergeblich. Zwei Schulen haben im vergangenen Winter beschlossen, ihre Lizenz als gebundene Schulen wieder zurückzugeben. Das Personal reiche einfach nicht aus, um den Ganztagsbetrieb zu gewährleisten, hieß es zur Begründung.

Doch die Politik ist inzwischen weiter unter Druck geraten. Galt "Lernen den ganzen Tag" als Rezept bislang nur für riskante Grund- oder Hauptschulen, ist die Not inzwischen auch an den Gymnasien groß. Mit der Einführung des Schnellabiturs mit bis zu 38 Stunden Unterricht pro Woche verlängert sich die Schule automatisch bis in den Nachmittag hinein. In Halbtagsgymnasien herrschen teils unhaltbare Zustände. Dass Kinder an einem Achtstundentag kein richtiges Mittagessen in der Schule bekommen, ist keine Seltenheit. Seit einigen Wochen rast eine Welle der Empörung durchs Land. Schon hat sich die SPD an den Ganztagswahlschlager Gerhard Schröders erinnert - sie macht die Ganztagsschule zur Voraussetzung für das achtjährige Gymnasium. "Wir brauchten dringend eine Neuauflage des Ganztagsschulprogramms", fordert Jörg Tauss, bildungspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag. Auch Kultusministerinnen wie Doris Ahnen (Rheinland-Pfalz) oder Ute Erdsiek-Rave (Schleswig-Holstein) sind dieser Meinung.

Unterstützung kommt auch aus der Wirtschaft. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft hat bereits ausgerechnet, wie viel Geld die Politik lockermachen müsste, um flächendeckend auf Ganztagsschulen mit verpflichtendem Vollzeitunterricht umzustellen: 8,5 Milliarden Euro würde der Umbau der Schulen verschlingen, hinzu kämen weitere 5,7 Milliarden Euro jährlich an zusätzlichen Personalkosten. "In acht Jahren könnten dann die Schulen so weit sein, dass zumindest von der Ausstattung her ein ganztägiger Unterricht möglich ist", sagt Bildungsexperte Klein.

Doch die Union mauert noch. "Der Bund sieht nach der Föderalismusreform keine rechtliche Möglichkeit, das Ganztagsschulprogramm fortzuführen", heißt es im Bildungsministerium Annette Schavans (CDU) in Berlin. Einen Zickzackkurs fährt die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Sie gesteht, dass das Turboabitur mit 8-Stunden-Tagen ohne Mensa und Mittagspause für Schüler kaum zu schaffen sei. Verpflichtende Ganztagschulen will sie aber auch nicht. Das müsse man der freiwilligen Entscheidung der Eltern überlassen - als könnten Eltern wählen, ob sie ihr Kind nachmittags ins Gymnasium schicken.

Codewort Rhythmisierung

Bundesbildungsministerin Schavans Nein klingt indes lange nicht mehr so kategorisch. Auch sie findet, dass bei Ganztagsunterricht die Struktur stimmen muss. Und auch sie nimmt das Wort von der Rhythmisierung in den Mund - gemeinhin Codewort für eine Pflichtganztagsschule. Daher will Schavan nun das auslaufende Programm auswerten - und dann sehen, ob eine Fortsetzung möglich ist.

Rolf Behrens, der Schulleiter aus Freiburg, hat schon einmal davon profitiert, dass sich Annette Schavan von der Skeptikerin zur Vorreiterin wandelte - als sie baden-württembergische Schulministerin war. Behrens ließ neben Mensa und Aufenthaltsräumen auch ein Lernlabor bauen, einen Studiersaal, wo Schüler im eigenen Rhythmus lernen können. Inzwischen hofft Behrens darauf, dass seine Schule irgendwann einmal ein einziges großes Lernlabor ist.

Vielleicht wird Stefan Appels Utopie vom kreativen Lernen doch noch Wirklichkeit.

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