Energiestudie schürt Versorgungsängste

Stromlücke oder Stromlüge?

Die Energie-Agentur Dena warnt in ihrer Studie vor drohendem Strommangel ab 2012. Kritiker sprechen von einer unseriösen politischen Kampagne im Namen der Stromkonzerne.

Herbeigeschriebenes Untergangsszenario für 2020 - die "Stromlückenkeule". Bild: ap

BERLIN taz Nach dem Stromriesen RWE packt nun auch die bundeseigene Deutsche Energie-Agentur (Dena) die "Stromlücken"-Keule aus: Ohne den Neubau von Kraftwerken könne ab 2012 nicht mehr ausreichend Strom produziert werden, erklärt die Dena in einer aktuellen Studie. Bis 2020 würde sich "die Lage so drastisch verschärfen, dass dann etwa 11.700 Megawatt - die Leistung von 15 Kraftwerken - fehlt", heißt es in dem bisher unveröffentlichten Papier. Daher fordern die Autoren, die Laufzeiten der bestehenden Kraftwerke zu verlängern und raten gleichzeitig zum Neubau von Kohle- und Erdgaskraftwerken. Hierfür sei ein "gesellschaftlicher Konsens" notwendig, sagte Dena-Chef Stephan Kohler der Nachrichtenagentur AFP.

Vertreter aus der Branche der erneuerbaren Energien halten diese Darstellung für absurd und kritisieren eine Verdrehung der Fakten. "Das ist pures Wunschdenken der Dena, die den Ausbau alternativer Energien wohl nicht anstrebt", sagte Jörg Mühlenhoff von der Infokampagne Erneuerbare Energien der taz. Die Untersuchung gehe davon aus, dass die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien von 2010 bis 2030 stagniert. Das sei angesichts des derzeit massiven Ausbaus von Solar-, Wind- und Biogasanlagen unrealistisch. Prognosen des Bundesverbandes Erneuerbare Energie rechnen damit, dass 2020 etwa 40 Prozent des Stroms in Deutschland aus Wind, Wasser und Sonne produziert werden kann. Die Dena-Studie hält selbst das 30-Prozent-Ziel der Bundesregierung für "ambitioniert" und sieht dies als gefährdet an.

Unterstützung findet die Studie in der Union. CDU-Energiekoordinator Joachim Pfeiffer sieht sich durch die Zahlen in seiner Ansicht bestärkt. "Ein Ausstieg aus Kohle und Kernenergie bis 2020 ist nicht leistbar", so Pfeiffer. Die Atomkraft könne zur Minderung des CO2-Ausstoßes einen großen Anteil beitragen. Eine "politisch willkürliche Laufzeitverkürzung" führe in naher Zukunft dazu, dass sich Deutschland vom Energieimport abhängig mache.

Vorgelegt hatte die Dena ihre Untersuchung Anfang der Woche bei einem Arbeitsgespräch mit Kanzleramtsminister Thomas de Maiziére (CDU) und den Chefs der vier großen deutschen Stromkonzerne. Die Annahmen basieren auf "optimistischen Regierungsplanungen", so die Verfasser. De Maiziére wollte am Donnerstag keine Stellung nehmen und verwies auf den internen Charakter des Gesprächs. Auch Dena-Chef Kohler war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Der energiepolitische Sprecher der Grünen, Hans-Josef Fell, zeigte sich empört und verärgert über den Vorgang. "Dass die Herren und Damen aus einer Studie zitieren, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, ist ein unglaublicher Vorgang", so Fell. Kritiker könnten die angeführten Zahlen so nicht überprüfen.

Etwa die Hälfte des laufenden Mittel der Dena stammen von den Energiekonzernen RWE, Eon, Vattenfall und EnBW (taz berichtete). "Da werden ohne Skrupel die Interessen der Stromkonzerne vertreten", erklärte Fell gegenüber der taz. Seriöse Studien belegten, dass in die Versorungssicherheit in Deutschland auch nach dem Abschalten der Atommeiler gesichert sei. Von einer Stromlücke könne gar keine Rede sein, eher von einer Stromlüge.

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