Georg Blume nach seiner Tibet-Ausweisung

"Erstaunt, dass ich der Einzige war"

Georg Blume wundert sich darüber, dass so wenig versuchten, nach Tibet zu gelangen. Er erzählt, wie er die Ausweisung herauszögerte. Und warum er Türsteher brauchte.

Georg Blume mit zwei tibetischen Mönchen einen Tag vor seiner Ausweisung. Bild: taz

taz: Wie fühlt es sich für einen Korrespondenten an, wenn man der autonomen Region verwiesen wird?

Georg Blume: Nicht gut. Man lässt die Leute im Stich, die man die letzten Tage gesprochen hat. Viele differenzierte Meinungen, die jetzt alle nicht mehr vorkommen. Wenn die anfangen zu erzählen, ist alles nicht so schwarz-weiß, wie es vielleicht von außen erscheint. Die sind ab jetzt mundtot. Das ist eine Sauerei.

Du und Kristin Kupfer wart die letzten Berichterstatter. Hat es dich erstaunt, dass du länger bleiben konntest?

Es hat mich vor allem erstaunt, dass ich der Einzige war. Denn es war ja überhaupt kein Problem, hierher zu kommen. Es ist eigentlich völlig absurd, warum kein anderer mehr da war.

Aber es gab von Anfang an sanfte Hinweise, dass du auch gehen mögest.

Natürlich. Wir sind Samstag angereist, und seit Sonntag kam höflich die Ausländerpolizei in unser Hotel. Man konnte über die neuen olympischen Regeln für Journalisten diskutieren, das würden sie auch alles kennen, dennoch würden sie uns bitten, am nächsten Tag auszureisen. Nach drei Tagen wurde es ernst.

Wie lief dann die Ausweisung ab?

Am Donnerstagabend besuchte uns ein ranghoher Polizeibeamter. Er ist laut geworden und teilte uns in einem Befehlston mit: Wenn ihr jetzt nicht geht, kriegt ihr sehr großen Ärger. Er drohte uns zum Beispiel mit dem Entzug der Visa. So wie der das sagte, war da kein Verhandlungsspielraum mehr. Am nächsten Morgen um halb acht haben sie uns dann vom Hotel abgeholt und zur Eisenbahn gebracht. Wären wir geblieben, dann hätte man uns sicherlich verhaftet.

Inwieweit muss man sich als Korrespondent in so einer Region anpassen?

Ich muss in erster Line darauf achten, nicht beschattet zu werden, während ich mit den Tibetern redete. Wir trafen uns in Hinterhöfen, wo wir einigermaßen sicher sein konnten, dass da kein Chinese zuhört. Wir haben Türsteher gehabt.

Derzeit fährt China massiv Militär auf. Wie ist die Situation jetzt einzuschätzen?

Ich gehe davon aus, dass sich die tibetischen Mönche weiter radikalisieren werden. Wenn sie den gewaltsamen Widerstand nicht scheuen, kann es eskalieren. Das ist ja auch in der Hauptstadt Lhasa passiert, dass Mönche auch Steine geworfen haben. Wenn sie den Aufruf zur Gewaltfreiheit des Dalai Lama weiterhin missachten, dann wird Peking der Vorwand geliefert, ganz massiv aufzutreten.

Der Dalai Lama hat seinen Aufruf mit der Drohung verknüpft, andernfalls zurückzutreten. Fehlt ihm der Rückhalt?

Die Verehrung des Dalai Lama ist nach wie vor unglaublich groß. Selbst bei Tibetern, die chinafreundlich sind. Das ist aber religiös gemeint und heißt nicht, dass sie in der politischen Strategie übereinstimmen. Nicht verwunderlich sind die Reaktionen der Jugendlichen. Verwunderlich ist, dass sein Rat in den Klöstern nicht mehr befolgt wird.

Warum sind die Reaktionen der Jugendlichen nicht verwunderlich?

Diese Jugendlichen leben in Lhasa in einer modernen Stadt. Die haben ihre MP3-Player, DVDs. Sie wollen Chinesisch lernen, weil sie darin bessere Jobschancen erkennen. Da ist der Dalai Lama nicht mehr alles. In den Dörfern füllt er noch das ganze Bewusstsein aus, in den Städten nicht.

Was droht denen, die von der Polizei gesucht werden?

Die müssen mit Verhören rechnen, wo man sie schlägt. China wird damit seine eigenen neuen Gesetze brechen.

Hat der derzeitige Konflikt das negative Potenzial wie die Exzesse von 1989?

Die Verwüstungen in der Stadt waren wirklich unheimlich. Dagegen ist der 1. Mai in Kreuzberg ein Schützenfest. Tausende abgebrannter Geschäfte und Hotels. Ich habe den Verdacht, dass die Polizei den Aufstand nicht so eingegrenzt hat, wie es möglich gewesen wäre. Sie hat die Demonstranten machen lassen, damit deren Ausschreitungen dann um die Welt gehen.

Wo hältst du dich jetzt auf?

Ich bin in einer Provinz nördlich der autonomen Region Tibet, wo noch viele Tibeter leben und wo man jetzt weiterhin arbeiten kann.

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