Revolution in der Schule

Du lernst nicht allein!

Die Politik betreibt ein verantwortungsloses Schulsystem. Es wird ausgelesen statt gefördert. Gleichgemacht statt auf individuelle Stärken geachtet. Was ist aus dem Recht auf Bildung geworden?

Ersklässlerinnen - zu jung um zu wissen, was ein Recht auf Bildung bedeuten könnte. Für sie. Bild: dpa

Die drei Mädchen in der letzten Reihe sind kleine Artistinnen. Wenn Rosa, Liske und Lea eine Geschichte schreiben, dann hat das kalligrafische Qualitäten. Rosa malt mit feinem Strich ein geschwungenes Dächlein über das große F, erfreut sich an der Achterbahn des kleinen Schreibschrift-k. Kaum ein Fehler findet sich in der Bildergeschichte von "Anne und der Rabe", die die drei in ihrem Schreiblernbuch weitergesponnen haben. Wer das bewertet, kann sich ganz auf den Plot der Zweitklässlerinnen konzentrieren.

Ganz anders in der Fensterreihe. Dort wird Schwerstarbeit geleistet. Henry und Tim drücken ihre Bleistifte aufs Papier. Sie hinterlassen dicke, schwarze Linien, einen Brei von Zeichen. Man hat Mühe, zu entziffern, worum es geht. Diesen Text zu beurteilen bedeutet zähe Korrekturarbeit. Eine Geschichte? Gibt es hier nicht. Lehrerin Christiane Maier wird lange bei ihnen bleiben. Dabei hätte sie noch mehr Kandidaten, die ihre Starthilfe benötigen.

Die zweite Klasse einer Grundschule irgendwo in Deutschland. Fast nur Mittelschichtkinder bevölkern den Raum. "Meine Schüler liegen in ihren Leistungen um ungefähr eineinhalb Jahre auseinander", sagt die Lehrerin.

1 "Verantwortlichkeit herstellen": In Schulen muss wieder das Prinzip Verantwortung gelten. Schüler dürfen nicht mehr am Rande stehen, Eltern sich nicht wie Hilflose fühlen müssen. Nur dann ist eine ernst gemeinte Reform des Bildungssystems sinnvoll.

2 "Eine neue Lernkultur schaffen": Das ist der Kern der Veränderung. Die neue Schule muss das individuelle und selbstständige Lernen möglich machen. Das geht nur, wenn Schulen mehr Autonomie und die Lehrer mehr Freiheit haben, das Lernen ihrer Schüler zu organisieren.

3 "Kultusminister entmachten und Schule entstaatlichen": Schulen sind überregulierte Lehranstalten. Das muss sich ändern. Das heißt, sie müssen radikal entbürokratisiert werden. Privat betriebene Schulen müssen die gleichen Rechte bekommen. Kultusminister und Schulbürokratie müssen ihre Macht abgeben.

4 "Recht auf Bildung": Ins Grundgesetz muss ein explizites Recht

auf Bildung aufgenommen werden. Dann können Eltern endlich gegen Haupt- und Sonderschulen klagen, deren Absolventen heute so gut wie keine Chancen mehr haben.

5 "Lehrer stark machen": Lehrer leiden an einem enormen Imageverlust. Und das Schulsystem zwingt sie in ein Dilemma: Sie wollen Schüler fördern - aber sie müssen Schüler aussortieren. Die Lehrer müssen aber die starken Figuren der Schule sein.

6 "Mehr Geld in die Bildung": Im Bildungssystem fehlen rund 50 Milliarden Euro - jährlich. Dieses Geld muss investiert werden. Sonst ist das Prinzip Mangel nicht zu überwinden, das von den Kindergärten bis hinauf zu den Hochschulen herrscht.

7 "Eltern als Helfer gewinnen": Eltern sind zugleich die Zukunft und die Vergangenheit des Schulsystems. Sie tragen ihre zum Teil altbackenen Vorstellungen in die Schule. Aber

von ihrem Engagement hängt eben auch ab, ob die Lehrer den Rückhalt bekommen, den sie brauchen. CIF

Kein Entwicklungspsychologe würde sich über die Lernunterschiede wundern oder aufregen. Und dennoch geht es an der Grundschule sogar dieses gut situierten Wohnviertels um ein hohes Risiko. Tim und Henry müssen damit rechnen, abgehängt zu werden. Schon in zwei Jahren wird der Staat sie einem Test unterziehen. Dann sind sie zehn, und der Staat wird die Tims und Henrys dieser Republik sortieren: in Hauptschule, Realschule oder Gymnasium.

Es ist die herrschende Lernidee der deutschen Schule, die sich hier zeigt. Schüler werden nicht gefördert, sondern ausgelesen. Der Schule ist es fremd, nachhängende Schüler so energisch zu fördern, dass sie den Anschluss von Anfang an halten.

"Keine Zeit", "kein Personal", heißen die Ausreden, "Sitzenbleiben" und "Abschulen" die Methoden, diese Schüler loszuwerden. Und alle wissen es. Seit die Pisa-Studie im Jahr 2001 zeigte, dass fast ein Viertel der 15-Jährigen Risikoschüler wie Tim und Henry sind, hat kein Thema die Öffentlichkeit so aufgerüttelt wie die neue Bildungskrise. An den strukturellen Problemen aber hat sich seitdem so gut wie nichts geändert.

In Deutschland besteht eine Schulstruktur fort, die aus dem Kaiserreich stammt. Aus Haupt- und Sonderschulen sind Ghettos der Chancenlosigkeit geworden. Lehrer werden so ausgebildet wie noch vor fünfzig Jahren. - Die Liste der Mängel ließe sich beliebig verlängern. "Deutschland versucht, mit dem Bildungssystem des 19. Jahrhunderts den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen", sagen internationale Beobachter gern. Fähigkeiten sind gefragt, die kompetenzarme Jugendliche nicht vorweisen können. Das gilt auch für Branchen, in denen man das nicht erwartet hätte.

Volker Grotensohn steht irgendwo im Ruhrgebiet in einem Walzwerk. "Heute gibt es nur noch ganz wenige Menschen in der Halle, und die müssen hoch qualifiziert sein", sagt der Ausbildungsleiter im Duisburger Technikzentrum der ThyssenKrupp Steel AG. Er spricht über eine Branche, die früher besonders viele ungelernte Kräfte beschäftigte. "Es ist völlig abwegig, zu denken, man könne heute noch mit Ungelernten Stahl herstellen. Der Mann am Besen, der die Halle ausfegte, ist ausgestorben."

Wahrscheinlich lässt sich an keiner Branche der technologische Wandel alter Industrien besser illustrieren als an der Stahlherstellung. Als die Stahlbranche Jobmaschine und Motor für wirtschaftliche Entwicklung war, gab es im Bergbau etwa vierzig Prozent ungelernte Kräfte, und in der Eisenindustrie war es ein Viertel. Anders heute: Bei ThyssenKrupp Steel sind unter den rund 1.300 Lehrlingen nur noch sechs Prozent Hauptschüler zu finden. "Man kann nicht sagen, dass wir sie nicht wollen", sagt Rudolf Carl Meiler vom Konzernvorstand, "aber die Hauptschüler ziehen den Kürzeren bei den Tests."

Gleichzeitig explodiert die Zahl der Hochqualifizierten bei Stahlunternehmen. Bei ThyssenKrupp bewarben sich im Jahr 2000 rund 1.300 junge Leute mit Abitur oder Fachabitur, zuletzt waren es bereits mehr als 2.700. Und die werden gebraucht. Denn Stahl ist ein "intelligentes" Produkt geworden. In den Hallen beobachten Ingenieure auf computerisierten Steuerständen, ob die Stähle in einwandfreier Qualität produziert werden. Hauptschüler ohne Abschluss werden nur noch in einer Art Trostrunde eingestellt - als karitative Maßnahme, finanziert vom Arbeitsamt.

Das Dilemma könnte größer nicht sein. Hier Schüler, die kaum in der Lage sind, die Wörter auf einem bedruckten Blatt Papier zu entziffern. Dort die neuen Qualifikationsanforderungen einer hoch technisierten Welt. Und dazwischen die Schule und der Staat, der sie betreibt.

Die Mittdreißiger haben im Klassenzimmer Platz genommen. Sie sitzen auf den Stühlchen der künftigen Abc-Schützen und sind angespannt. Vorn bemüht sich die Lehrerin, den Eltern genau zu erklären, was die Erstklässler alles brauchen. Schnellhefter in drei verschiedenen Farben müssen sein, mal DIN A4, mal DIN A5. "Was ist ein Hefter?", fragt einer der Väter. Die Runde kichert. Typisch Vater! Die Spannung löst sich - bis die Lehrerin sagt: "Unterrichtsbeginn ist 7.30 Uhr." Raunen und Tuscheln im Raum. Unmut macht sich auf den Stühlchen breit. Die Eltern bestürmen die Pädagogin, den familiären Morgenstress nicht noch zu erhöhen. Aber die Lehrerin kann gar nichts dafür. Die Rektorin ihrer Schule will es so. Der Unterricht für die Erstklässler soll schon um halb acht beginnen. Nicht weil es gut für die Schüler wäre, nein, weil es die Personalplanung der Schule einfacher macht.

Eine ganze Reihe von Studien zeigt, dass Schüler auch um acht Uhr noch nicht richtig wach sind. Sie können um diese Zeit dem Unterricht schwer folgen, selbst wenn sie zehn Stunden geschlafen haben. Schlafforscher raten daher, den Unterricht erst um neun Uhr beginnen zu lassen. An den Schulräten prallen solche Vorschläge stets ab.

Das ist die eigentümliche Wahrheit deutscher Lehreinrichtungen. Sie sind nicht Schulen, sondern Anstalten. Der Staat hat sich die Schulen im 19. Jahrhundert zu eigen gemacht. Dabei ist eine komplexe bürokratische Apparatur entstanden, bei der viele mitzureden haben, aber nie einer zuständig ist. Der Soziologe Ulrich Beck hat für dieses Phänomen den Begriff der organisierten Verantwortungslosigkeit geprägt. In der komplex verwalteten Welt von heute gebe es viele Zuständige - aber keinen, der Verantwortung übernimmt.

Schulen sind beinahe das perfekte Beispiel dafür. Alle Verantwortung wird dort am Ende stets auf die Konferenz der Kultusminister geschoben. Diese Versammlung der Schulminister der Länder aber ist intransparent, undemokratisch und verhindert Konkurrenz und Veränderung an den Schulen. Die Schule wird ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht, aber es ändert sich - nichts.

Aber Halt. Stimmt das eigentlich? Ist das überall so? Ist der kritische Zustand der Bildung Anlass, erneut ins Jammern zu verfallen? Dürfen wir, nachdem wir nun jahrzehntelang die Arbeitslosigkeit beklagt haben, das Gleiche mit der Bildungsarmut tun? Die Antwort heißt: Nein, wir müssen selbst etwas unternehmen. Wie es an vielen Orten schon geschieht. Im Schulsystem finden sich längst gute, nein, herausragende Schulen. Diese neuen deutschen Schulen haben sich von Auslese und Gleichschritt verabschiedet.

Lisa und Marie haben sich in eine ruhige Ecke verzogen, um gemeinsam an ihrem Wochenplan zu arbeiten. Die beiden sechsjährigen Mädchen sind ganz für sich. Zunächst ist nirgendwo eine Lehrerin zu sehen. Wir sind in einer Lernetage, die vierhundert Quadratmeter misst. Nach und nach werden wir achtzig Schüler entdecken. Auf einer Tribüne sitzen ein paar Schüler, die sich in Bücher vertieft haben. Hinter einem Raumteiler steht eine Lehrerin vor einer Gruppe. In einer Ecke ruht ein Mädchen sogar, auf Kissen gebettet.

Vieles von dem, wie man sich Schule vorstellt, gibt es hier nicht mehr: selten Lehrer, die frontal unterrichten, kein schrilles Klingeln, das 45-minütige Schulstunden beendet, keine Schulklasse, ja nicht einmal ein Klassenzimmer. "Wir denken Schule völlig neu", sagt Michael Tlustek, der Rektor, und erzählt, wie seine Lehrer zusammen mit Architekturstudenten die Schule umgebaut haben. Die Wände der Klassenzimmer wurden herausgerissen, bewegliche Tribünen und spanische Wände hereingeholt. Sie sind äußerliches Zeichen einer anderen Art des Lernens. Man arbeitet in altersgemischten Gruppen, die sich immer wieder neu zusammensetzen. Mal mit, mal ohne Lehrer. Selbstständiges Lernen ist die bevorzugte Methode. Wenn Besucher fragen, wo in dieser Schule eigentlich gelernt wird, dann tippt sich Tlustek schon mal an die Stirn und sagt: "Hier oben."

Die Grundschule, die wir besuchen, mutet einen an, als könne es sie gar nicht geben. Aber es gibt sie, es ist die Hannah-Höch-Schule im Berliner Norden am Rande des Märkischen Viertels. Und die Höch-Schule ist nicht allein. Inzwischen mag es ein paar hundert Schulen in Deutschland geben, die ganz anders Schule machen. Was alle diese Schulen eint, obwohl sie auch sehr unterschiedlich sind, ist dieses: Sie schaffen die alte industrielle Schule ab, in der das Lernen wie in einer Fabrikhalle vor sich ging. In der es Schüler gab (die Arbeiter) und einen Lehrplan (das Fließband). Und wo es Lehrer gab, die das Fließband in Gang setzten, um das Wissen abzuspulen. Und wo die Schüler alle im selben Rhythmus Wissenspakete vom Fließband nahmen und in ihren Kopf einbauten. Mit dieser Schultradition brechen die neuen Schulen.

Anders sind die neuen Schulen. Sie praktizieren ein Lernen, das auf Selbstständigkeit, Individualität und Bestärkung setzt. Kurz gesagt, steht bei ihnen das Kind im Mittelpunkt und nicht das Abspulen von Plänen. Und sie bringen den Schülern eine andere Art Respekt entgegen. So können sie an Orten Schule machen, wo das gar nicht möglich scheint.

Die Heinrich-von-Stephan-Schule liegt im Berliner Stadtteil Moabit, einem Risikogebiet. "Anfang der Achtzigerjahre gab es Messerstechereien vor unserer Schule", erzählt der Rektor. "Wir waren am Ende unserer pädagogischen Möglichkeiten, die Atmosphäre war einfach zu negativ. Wir hatten die klassische Mischung einer Hauptschule innerstädtischen Milieus, eine hohe Zahl von Zuwanderern und viele Sozialhilfefamilien." Dennoch hat sich diese Schule völlig verändert, sie ist nun eine Haupt- und Realschule. Und sie wird in Berlin am Projekt der Gemeinschaftsschule teilnehmen - das heißt, man wird hier das Abitur ablegen können.

Fragt man Jens Großpietsch, wie man aus einer Chaos- eine Wunderschule macht, wird er sauer. "Einen Masterplan", sagt er, "habe ich nicht." Aber es gibt sehr wohl etwas, was diese Schule von anderen Schulen unterscheidet. "Der Kitt, der alles zusammenhält, ist die positive Grundhaltung zu den Schülern und Schülerinnen. Es geht an unserer Schule nicht darum, herauszufinden, was Schüler nicht können, sondern darum, ihre Talente zu suchen. Man muss fragen: Wie stärke und belobige ich jene, die Vorbild sind?"

Was Jens Großpietsch beschreibt, ist die pädagogische Revolution, vor der die Schule am Beginn des 21. Jahrhunderts steht. Entweder sie sucht weiter nach den Schwächen der Schüler und produziert auf diese Weise mehr Bildungsverlierer, als wir uns leisten können. Oder sie entschließt sich, jeden Schüler in seinen Stärken individuell zu fördern. Denn kein Kind darf zurückbleiben. Um seiner selbst willen. Und um unserer Zukunft willen.

CHRISTIAN FÜLLER, Jahrgang 1963, ist Politikredakteur der taz. Sein Text entstand aus seinem im März erscheinenden Buch "Schlaue Kinder, schlechte Schulen", Droemer Knaur Verlag, München 2008, 288 Seiten, 16,95 Euro

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