Frühes Leid einer Mann und Schauspielerin

BIOGRAFIE Ihr Bruder Heinrich Mann besaß große Macht über sie, ohne sie ernsthaft in ihrer Karriere zu unterstützen: Willi Jasper schildert Carla Manns kurzes Leben im Schatten ihrer Brüder

Das Wesen, das ich mir am nächsten gewusst habe, war meine Schwester“, schreibt Heinrich Mann 1911 in seinem „Autobiographischem Abriß“. „Sie war Schauspielerin, schön und elegant, ein Kind des Lebens, so voll Bereitschaft, es ganz durch ihr Herz gehen zu lassen.“ Im Vorjahr hatte sich Carla Mann mit Zyankali vergiftet. Auch ihre Schwester Julia, genannt Lula, sollte sich umbringen – sie erhängte sich 1927. Doch die Brüder Mann blieben von diesen Suiziden merkwürdig unberührt, nutzten die Biographien ihrer Schwestern bald als Material in ihren Erzählungen, Romanen und Stücken.

Carla Mann war an ihre „Vorbildrolle“ schon zu Lebzeiten gewöhnt worden, ja, sie hatte sie sogar selbst gesucht. In der Novelle „Schauspielerin“ verarbeitete Heinrich ihre Erlebnisse an Provinzbühnen, auch im Roman „Die Jagd nach Liebe“ fand Carla ihre Gespräche wieder.

Über die Familie Mann ist bereits viel zu viel geschrieben worden, doch die so tragisch aus dem Leben geschiedene Carla wurde dabei nie mit großer Aufmerksamkeit bedacht. Umso verdienstvoller ist es, dass der Heinrich Mann-Kenner Willi Jasper mit dem Buch „Carla Mann. Das tragische Leben im Schatten der Brüder“, an dem lediglich der Titel reißerisch ist, sein Augenmerk auf diese auch innerhalb der Familie bald verdrängte Frau gerichtet hat. Jasper zeigt auf, dass Heinrich, der zehn Jahre ältere und bereits erfolgreiche Schriftsteller, eine große Macht über seine Schwester besaß, und diese zwar in ihrer Hoffnung auf eine schauspielerische Karriere beförderte, sie aber nie wirklich ernsthaft unterstützte.

Carla, die als Schauspielerin von einem unbefriedigenden Engagement zum anderen eilte, auf finanzielle Unterstützung durch Heinrich angewiesen war und nur selten gute Kritiken bekam, wurde bald völlig deprimiert. Hatte sie etwa ein freundschaftliches Verhältnis zu Theodor Lessing, der sie für ein großes Talent hielt, so wurde die Beziehung dadurch verunmöglicht, dass sich Thomas Mann eine Fehde mit dem Kritiker leistete, und die Familie Carla den Umgang unmöglich machte.

Da sich Carla zudem den gesellschaftlichen Fehltritt leistete, eine Rolle als Prostituierte anzunehmen, zweifelte die ganze Familie an ihrem Können und hoffte, sie würde alsbald heiraten. Sie verzweifelte irgendwann. Schon 1904 schrieb sie an Heinrich: „Es gibt Leute, die andere aus reiner Ästhetik zu Tode quälen, ohne etwas davon zu ahnen. Und darum brauche ich einen Menschen, der mich eventuell festhält, wenn ich dem Rhein zu nahe kommen sollte….“ Doch Heinrich verlor das Interesse an der ihm verschwisterten Muse, interessierte sich nun für weniger zerbrechliche Frauenfiguren.

Als sich Carla Mann schließlich – die sich nun zum Judentum hingezogen fühlte, ohne jüdisch zu sein – auch noch gegenüber ihrem Verlobten Arthur Gibo verleumdet sah, griff sie zum Gift. Thomas Mann blieb kalt: „Sie hatte nicht das Gefühl unseres gemeinsamen Schicksals“, stellte er fest, und verzieh es der Schwester nicht, dass sie sich nicht weiter für den Dienst an den Brüdern zur Verfügung gehalten hatte. Und Bruder Heinrich publizierte schnell ein Drama, in dem er Leben und Tod Carla Manns ausschlachtete. Es hieß: „Schauspielerin“.