Wo Österreich slowenisch war

Kärntens ursprünglicher Osten

Trotz Haiders unappetitlicher Anti-Slowenen-Politik: Dass sich in Kärntens Osten der slawische, der germanische und der romanische Kulturkreis überlappen, wird zum touristischen Argument. Eine Reise nach Bleiburg und ins Jauntal

Am Klopeiner See Bild: Johann Jaritz/cc

Bleiburg ist ein atmosphärischer Ort. Dreh- und Angelpunkt ist die behagliche Altstadtstraße, die sich im oberen Teil zu einem langgezogenen Platz weitet. Alles passt hier irgendwie zusammen - die mittelalterliche Pestsäule, die marmorne Wasserrinne, der moderne Stadtbrunnen der Pop-Art-Künstlerin Kiki Kogelnik und die aus verschiedensten Stilepochen zusammengewürfelten Bürgerhäuser. Herausgeputzt wirkt hier nichts, inszeniert schon gar nicht.

Die Szenerie wirkt auch deshalb so authentisch, weil von Touristen keine Spur ist. Das Städtchen gehört zwar zum Ferienland Kärnten, hatte an seiner Erfolgsgeschichte aber keinen Anteil. Die begann in den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders, als plötzlich auch Arbeiter und Kleinbürger zu stolzen Autobesitzern geworden waren. Die Seenlandschaft zwischen Villach und Klagenfurt einen entscheidenden Standortvorteil: Hier konnte man die deutsche Sehnsucht nach dem Süden befriedigen, ohne ein fremdsprachiges Ausland betreten zu müssen. Kärnten galt als Verlängerung der Bundesrepublik in die mediterrane Welt.

Doch kein kleiner Teil der Urlauber aus Bottrop, Castrop-Rauxel und Offenbach versammelte sich nun genau dort, wo Österreich eigentlich slowenisch war: am Turner-, Faaker oder Klopeiner See, südlich der Drau also, der alten Sprachgrenze.

Die überquert man auf der höchsten Eisenbahnbrücke Europas und trifft zugleich auf die erste zweisprachige Ortstafel. In Dob, dem deutschen Aich, besteht die Bevölkerung fast zu hundert Prozent aus Kärntnerslowenen. Trotzdem bekommen Fremde kaum ein slawisches Wort zu hören. Nähert man sich zwei miteinander plaudernden Dörflern, so kann man sicher sein, dass sie rechtzeitig auf Deutsch wechseln. Beide Sprachen sind ihnen so vertraut, dass sie es wohl nicht mal selbst merken, wenn sie sich dem Besucher anpassen. Von einer kleinen slowenischen Minderheit kann selbst im deutsch geprägten Städtchen Bleiburg keine Rede sein. Hier gibt es slowenische Vereine, den Zadruga, einen genossenschaftlichen Landhandel, den Kulturni Dom, ein slowenisches Kultur- und Veranstaltungshaus, und eben den Alltagsgebrauch der Sprache.

Nach der letzten Volkszählung hat die Stadtgemeinde Bleiburg 4.083 Einwohner, davon sind 95,0 Prozent österreichische und 2,5 Prozent bosnische Staatsbürger. 30,4 Prozent der Bevölkerung geben Slowenisch (teilweise in Kombination mit Deutsch) als Umgangssprache an.

Tourismusregion Klopeiner See: Südkärnten GmbH, 9122 Seelach am Klopeiner See - Österreich -, Tel.: +43 (0)42 39 22 22, Fax: +43 (0)42 39 22 22-33, info@klopeinersee.at, www.klopeinersee.at

Anreise: Mit dem Zug über München und Salzburg nach Villach. Von dort weiter nach Klagenfurt. Als einzige österreichische Destination bietet die Region eine Ticketpauschale ab Landesgrenze hin und zurück für 39 Euro, Kinder 29 Euro. Zudem gibt es ab Bahnhof oder Flughafen Klagenfurt einen Abholservice mit einem Shuttle ab 9,90 Euro, egal wo man in der Region sein Quartier hat.

Fragen Sie nach dem neuen Kulinarik-Führer für Radfahrer und Wanderer. Ebenfalls kostenlos ist die neue Wander- und Radübersichtskarte der Region, während die neue spezielle Rad- und MTB-Karte 7,90 Euro kostet. Übernachten: Hotel Altes Brauhaus, Hauptplatz 9, 9150 Bleiburg, www.brauhaus.breznik.at, Zimmer ab 28 Euro pro Person.

Dass man seine Ferien im slawischen Kulturraum verbrachte, dürfte den damaligen Sommerfrischlern verborgen geblieben sein. Es war auch nicht so leicht zu erkennen, weil es die Kärntnerslowenen lange gewohnt waren, ihre Herkunft für sich zu behalten. Mit der bajuwarischen Kolonisation hatte die slawische Urbevölkerung hier schon im 9. Jahrhundert ihre Selbstständigkeit verloren. Als nach dem Ersten Weltkrieg das Kaiserreich zerfiel und das verbleibende Österreich die Assimilierungspolitik verschärfte, galt das Slowenische oder "Windische" als Makel, dessen man sich schämen zu müssen meinte. Schließlich stellten die Nazis dann den Gebrauch der Sprache unter Strafe und vertrieben die wenigen "nichtarischen" Großgrundbesitzer von ihren Höfen. Spätestens jetzt war es den Slowenen klar geworden, dass es besser für sie war, keine zu sein.

Der Tourismusboom der Sechzigerjahre hat die flagrante slowenische Selbstverleugnung noch einmal verstärkt. Die Devisenbringer aus dem Norden erwarteten nun mal einen vertrauten Sprachraum. Klar, dass man sich der Kultur der Gäste auch unter rein ökonomischen Gesichtspunkten unterwarf und mit den eigenen Kindern nur noch deutsch sprach. Wie kaum anderswo auf dem Globus passten Gäste und Gastgeber also perfekt zueinander: Erstere wollten aus Angst vor einer allzu fremden Welt im deutschen Sprachraum bleiben, letztere hatten Angst vor der eigenen, meist slowenischen und stets bäuerlichen Herkunft.

Zentrum und Inbegriff dieses vermeintlichen Hinterwäldlertums war das Jauntal, in dessen hinterster Ecke sich Bleiburg versteckt. Nach Osten und Süden an das damalige Tito-Jugoslawien angrenzend, diente die Region der Kärntner Tourismusindustrie jahrzehntelang als Pufferzone: Wenn rund um die Badeseen kein Bett mehr frei war, quartierte man sich zwischen Eberndorf, Bleiburg und Lavamünd ein, vorübergehend, versteht sich, denn eigentlich wollte man in die vertraute Welt von Tretbootverleih, Strandcafé und Minigolfanlage, die fest in deutscher Hand war.

Dass die Region so lange im touristischen Windschatten lag, hat ihr nicht geschadet. Im Gegenteil. Wer sich in die südlichen Teile des Bezirks Völkermarkt verirrt, findet die Ursprünglichkeit, die zwischen Klagenfurt und Spittal längst über Bord gegangen ist. Das von den Karawanken geprägte Landschaftsbild ist so schön wie im Westen Südkärntens, das Auge bleibt aber vor Ferienwohnungen im internationalen Heimatstil verschont. In Bleiburg selbst gibt es nur ein wundervoll restauriertes Uralt-Hotel und genau vier Zweitwohnungen. Gezählt werden gerade mal 8.000 Übernachtungen pro Jahr, die meisten stammen allerdings von durchreisenden Monteuren und Geschäftsleuten. Unglaublich, wenn man weiß, dass allein der Klopeiner See in Spitzenjahren auf rund eineinhalb Millionen Logiernächte kam. Am meisten Freude hat, wer diese Terra incognita mit dem Fahrrad durchstreift.

Das Jauntal ist nämlich kein tief eingeschnittenes Tal, sondern eine weite Ebene, in der man von quälenden Anstiegen verschont bleibt. Inspiriert vom großen Erfolg des Drauradweges hat man in den letzten beiden Jahren fast dreihundert Kilometer behaglicher Routen ausgewiesen. Sie führen durch eine kleinräumige Agrarlandschaft mit herrlichen Blumenwiesen, den typischen slowenischen Heuharpfen und schwarzbewaldeten Hügeln mit ihren Kapellen. Rund um Bleiburg, das sich durch rege Kulturinitiativen und die Werner-Berg-Galerie seit Jahren als Kulturstadt profiliert, wurde jetzt ein Kunst-Radweg angelegt. Wer will, kann auch mit dem Zug nach Slowenien hinüberfahren und von Maribor aus den Drauradweg zurückradeln oder einen Abstecher ins wildromantische Lavanttal machen, das Benediktinerkloster St. Paul besuchen und von dort über die spektakuläre Jauntalbrücke zurück ins Bleiburger Land radeln.

Ließe man sie in Frieden, hätten sich die während der Partisanenherrschaft eskalierten Spannungen zwischen Slowenen und Deutschkärntnern längst gelegt. Die offizielle Politik schürt jedoch die Konflikte und instrumentalisiert die doppelte Identität der Region. Volkstribun Haider versteht es wie kein Landeshauptmann vor ihm, aus der Kärntner Urangst vor den Slowenen politisches Kapital zu schlagen. Er setzt damit die unselige Geschichte fort, die 1972 mit dem sogenannten "Ortstafelsturm" begann. Haiders Vorgänger, Hans Sima, hatte es gewagt, die seit 1955 in der Verfassung verankerten Minderheitenrechte umzusetzen und 205 zweisprachige Ortstafeln aufzustellen. Die meisten von ihnen wurden jedoch bereits in der ersten Nacht oder am nächsten Tag wieder ausgerissen, gelegentlich sogar im Beisein von Bürgermeister und Gendarmerie. Die Assimilierung war bereits so weit fortgeschritten, dass selbst viele jener Südkärntner, die zuhause slowenisch sprachen, nichts von Ortsschildern wissen wollten, die auf die Existenz einer Minderheit hinweisen.

Hauptstraße in Bleiburg Bild: Johann Jaritz/cc

Inzwischen ist die Bevölkerung das Thema leid, mit dem sich Österreich seit Jahren in ganz Europa blamiert. "Bis auf wenige Unverbesserliche hat hier niemand etwas gegen eine zweisprachige Beschilderung", versichert Bürgermeister Stefan Visotschnig. Er muss jedoch vorsichtig sein. Mit viel Fingerspitzengefühl unterläuft er die politisch gewollte Polarisierung - beim traditionellen Wiesenmarkt etwa, dem größten Unterkärntner Volksfest. Auf den Transparenten, mit denen die rund zehntausend Gäste begrüßt werden, hat er das althergebrachte "Willkommen in der Grenzstadt Bleiburg" durch "Benvenuti - willkommen - dobrodoðli" ersetzt. Niemand scheint den Schachzug bemerkt zu haben. Visotschnig nutzt dabei die Unverdächtigkeit der sogenannten Alpe-Adria-Initiative - der sich langsam etablierenden touristischen Zusammenarbeit zwischen Kärnten, Slowenien und Italien. Die Transparente nur in Deutsch und Slowenisch zu beschriften, wäre nach wie vor nicht möglich.

Rückendeckung bekommt der zweisprachig aufgewachsene Visotschnig vom neu gegründeten Tourismusverband "Klopeiner See-Südkärnten GmbH". Für Andreas Krobath, den Geschäftsführer, sind länderübergreifende Projekte unverzichtbare Pfeiler der Tourismuspolitik geworden. Er nutzt auch das Alleinstellungsmerkmal, das die Kärntner Landespolitik aufgrund ihrer ideologischen Schlagseite hoffnungslos vernachlässigt - die Tatsache, dass sich genau hier der slawische, der germanische und der romanische Kulturkreis überlappen. Mit diesem Kurswechsel hat sich Krobath nicht nur Freunde gemacht. Schließlich fährt er das Gegenmodell zur offiziellen Kärntner Tourismuswerbung. Die eigentlichen Qualitäten der Region, die kulturelle Vielfalt und das unverwechselbare Landschaftsbild, unterbewertend, setzt diese auf das Eventmarketing und verspricht nach wie vor "Urlaub bei Freunden", klammert sich also an die heimatsüchtigen Gäste der Vergangenheit.

Krobath hingegen weiß, dass der Kärnten-Gast der Zukunft an aufgesetzter Gastlichkeit ebenso wenig Interesse hat wie an geheuchelten "Deutschtum". "Unverfälscht und intensiv" lautet seine neue Werbebotschaft - und sie scheint Erfolg zu haben. Den weiteren Absturz der Gästezahlen hat er schon mal stoppen können, im Unterschied zu den meisten Kärntner Regionen.

In der touristischen Realität Südkärntens ist für Ressentiments ohnehin kein Platz mehr. Statt alemannische Monokultur herrscht hier längst Multikulturalität, die Gäste aus Deutschland dominieren nicht mehr das Geschehen, der Anteil der Italiener hat in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Auch aus Ungarn oder Kroatien kommen immer mehr Gäste. Das Jauntal ist nicht nur deshalb eine Reise wert, weil es eine unverbrauchte Landschaft präsentiert, sondern auch, weil sie soeben zu der Region wird, die sie in den letzten hundert Jahren nicht mehr sein durfte: eine Region, in der Germanen und Slawen friedlich zusammenleben, der Wald Dobrova heißt und Klagenfurt auch schon mal Celovec genannt wird.

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