Virtuosen einer schönen Hoffnung

Multitude – das Wort hat in avancierten Theorie- und linken Rebellenzirkel einen regelrechten Siegeszug hinter sich. Es ist, schreibt Paolo Virno schon in der Einleitung zu seinem schmalen Büchlein, heute „der letzte Schrei von Gesellschaftstheorie“. Eingeführt und popularisiert wurde die seltsame Vokabel natürlich von Michael Hardt und Antonio Negri in ihrem Theoriebestseller „Empire“, bevor sie dieselbe in ihrem im Vorjahr erschienenen Nachfolgeband „Multitude“ durchbuchstabierten.

Hardt und Negri haben ein ambivalentes Verdienst: Einerseits haben sie einen Begriff etabliert und in die internationale sozialwissenschaftliche Literatur eingeführt, andererseits haben sie ihrem Konzept einen Bärendienst erwiesen, indem sie es im Ungefähren beließen. Mal raunt es düster, mal vielsagend, doch was die Multitude ist und was sie verbindet, bleibt seltsam vage. Ist sie das neue revolutionäre Subjekt? Oder protokolliert das Multitudekonzept einen Mangel – nämlich die Abwesenheit eines revolutionären Subjekts? Letztendlich verlieren sich Hardt und Negri in einer Behauptung: Das Problem – nämlich die Desintegration von Gesellschaft, die Ausdifferenzierung von eindeutigen Klassenlagen und der Verlust eines für Umstürze privilegierten gesellschaftlichen Ortes – ist nicht das Problem, es ist die Lösung. Letztendlich ist das Multitudekonzept bei Hardt und Negri das Postulat einer schönen Hoffnung.

Doch andererseits hat es auch eine innere Wahrheit. Es gibt rebellische Milieus, sie sind vielfältiger, womöglich aber auch breiter als noch in früheren Zeiten. Dass alles schlechter wird und alle nur mehr zappeln im Netz aus Kommerz, Konsumismus und Ökonomismus, ist ja eindeutig zu schwarz, um wahr zu sein.

Der Begriff „Multitude“ eröffnet also einen Spannungsraum und lädt dazu ein, weiterzudenken. Exakt diesen Versuch unternimmt der italienische Sozialphilosoph Paolo Virno mit seiner Studie „Grammatik der Multitude“. Multitude ist für ihn zunächst der scharfe Kontrastbegriff zur Vokabel „Volk“. Letzteres steht in enger „Korrelation zur Existenz des Staates“ und ist selbst Motor und Resultat einer Homogenisierungsstrategie. Diese war immer ein Gewaltakt, aber auch angemessen für gewisse Epochen der kapitalistischen Entwicklung – die Epoche der großen Industrien, von Fließband, Arbeiterheeren, der Firma, die wie eine Bürokratie organisiert war, in der jedem sein Platz zugewiesen war in der Produktion von Gebrauchsgütern als Waren. Kurzum: in der Epoche des Fordismus. Der Fordismus etablierte eine ihm entsprechende „Seinsweise“ und damit auch die ihm entsprechenden Revolutions- und Parteientypen.

Virno bürstet Heidegger gegen den Strich. Begriffe, die mit dessen Existenzphilosophie untrennbar verbunden sind – allen voran eben „Sein“ und „Seinsweise“ –, ziehen sich durch Virnos Studie, der eine Vortragsreihe zugrunde liegt und die deshalb oft die knappe Andeutung dem Ausufernden vorzieht (was kein Mangel ist).

Die Multitude ist für ihn also eine „Seinsweise“, und zwar eine „ambivalente Seinsweise“. Sie ist gewiss kein revolutionäres Subjekt, sondern die heute prägende Existenzform – die, allerdings, gesellschaftlichen Revolten keineswegs ungünstig ist. Die Produzenten im Postfordismus produzieren kein Gut im engen Sinn, sondern „Tätigkeiten ohne Werk“. Natürlich werden weiter auch Güter produziert, aber die materielle Seite der Produktion ist der geringste Aspekt bei dieser Operation. Das Wesentliche ist die Produktion von Kommunikation, von Affekten, von Lifestyle etc. Die Produzenten entwickeln „virtuose“ Fähigkeiten, weil ihre Arbeit derjenigen gleicht, die früher nur der „Virtuose“ verrichtete: der Pianist etwa, dessen Tun sein Werk ist und dessen Werk nicht ein Produkt dieses Tuns ist.

Wissen, Kommunikation, virtuoses gemeinsames Handeln, Kreativität werden somit zentral – alles Dinge übrigens, die sich kaum messen lassen. In der Multitude entsteht erst, was Marx mit den Begriffen „general intellect“ oder „gesellschaftliches Individuum“ bezeichnete. Individuelle Charakteristika wie Kreativität, Intellektualität werden gesellschaftlich überformt. Das „Ich“ steigt im Kurs, ist aber natürlich vom „man“ nicht mehr zu unterscheiden.

Dieses „Ich“, das vom Apfel der Freiheit gekostet hat, revoltiert gegen gesellschaftliche Imperative; es ist zu Prekarität verurteilt und weiß gleichzeitig um den potenziellen Reichtum. Seine Revolten stützen sich „auf einen latenten Reichtum, auf Möglichkeiten im Überfluss“. Virno vermeidet, im Unterschied zu Hardt und Negri, allzu viel Romantizismen. Die Seinsweise der Multitude produziert für ihn Rebellionen, unterschiedlichste Ausbruchsversuche, die Sehnsucht, ganz bei sich selbst zu sein, ebenso wie „Opportunismus, Zynismus, soziale Angepasstheit, unermüdliche Selbstverleugnung, heitere Resignation“.

Man kann an diesem Büchlein sicherlich manches kritisieren: die tief schürfende Heideggerei, eine gewisse Formlosigkeit. Aber es ist auch der anregende Versuch, unsere Zeit zu verstehen; und er stammt von einem Autor, der, grosso modo, schon auf der richtigen Spur ist. ROBERT MISIK

Paolo Virno: „Grammatik der Multitude. Untersuchungen zu gegenwärtigen Lebensformen“. ID Verlag, Berlin 2005, 141 Seiten, 16 Euro