Montagsinterview

"Ich bin Berlins schönste Transsexuelle"

Sie ist als Junge geboren. Aber Sabrina B. wusste schon als Kind, dass sie anders ist. An Selbstbewusstsein hat es der 53-Jährigen nie gemangelt: Als Jugendliche reißt sie in Spandau von zu Hause aus und geht auf den Strich. Im Kiez an der Kurfürstenstraße schwingt sie als Domina die Peitsche. Seit kurzem schafft sie nicht mehr an. Nun steht sie im Kumpelnest 3000 als Barfrau hinterm Tresen. Nur privat hat die Frau mit der dunklen Stimme zurzeit kein Glück.

taz: Sabrina, wie lange brauchen Sie, um sich in Schale zu schmeißen?

Sabrina B.: 15 Minuten. Haare eindrehen. Make-up. Anziehen. Fertig. Ich bin Profi.

Was Ihr Aussehen betrifft, haben Sie der Natur ein bisschen auf die Sprünge geholfen.

Herkunft: Sabrina B. ist am 8. August 1954 als Junge in Berlin zur Welt gekommen und in Spandau aufgewachsen.

Neutaufe: Seit 1986 steht der Name Sabrina B. auch in ihrem amtlichen Ausweis.

Brustumfang: 95 Zentimeter.

Körbchengröße: DD.

Sternzeichen: Löwe. Sie möchte immer gern die Diva im Mittelpunkt sein.

Schmuck: Gold. Dazu schwarze Klamotten.

Ihr Lieblingswerkzeug als Domina: Das Kreuz. Kenner, sagt Sabrina B., wissen schon, was damit gemeint ist.

Ihre Familie: Die beiden Chihuahuas Lady T. und Lara sind ihre ständigen Begleiter. Ihr Yorkshireterrier muss öfters zu Hause bleiben. Er ist schon etwas altersschwach. Coco und Kiki, zwei Papageien, sowie die Perserkatzen Gemba und U2 komplettieren die Familie.

Das Kumpelnest 3000: Die Kneipe in Schöneberg an der Lützowstraße 23 wird in jedem guten Stadtführer gepriesen. Der extrem plüschige und leicht angeranzte Laden empfiehlt sich für den Absacker weit nach Mitternacht. Nichts für Sittenwächter und Moralapostel.

Stimmt. Die Haarfarbe ist Kunst. In Wirklichkeit bin ich nicht blond, sondern schwarzhaarig. Die Lippenumrandung und die Augenbrauen sind eintätowiert. Aber alles andere ist echt.

Auch die Brüste?

Bis vor zwei Jahren hatte ich Silikonbrüste. Körbchengröße 95 E, sechs Kilo. Dann habe ich mir das Implantat rausnehmen lassen. Jetzt habe ich 95 DD. Natur pur auf Hormonbasis. Wenn ich merke, dass ich eine Körbchengröße kleiner werde, gehe ich schnell zum Doktor und lasse mir eine Spritze geben.

Sie wurden als Junge geboren. Seit wann ist Ihnen bewusst, dass Sie transexuell sind?

Ich wusste schon als Kind, dass ich anders bin. Ich hatte immer lange Haare und sehr weibliche Züge. Ich habe immer breite Männer gemocht und aufgedonnerte Frauen. Zum Glück habe ich eine tolerante Familie. Ich komme aus Spandau. Mein Vater war Polizeibeamter, meine Mutter Krankenschwester. Meine Großeltern waren Schausteller, meine Tante Hure in St. Pauli. Zu Hause war man also mit allen Seiten des Lebens bestens vertraut. Egal ob ich Hure war oder Tänzerin oder Barfrau - es wurde akzeptiert.

Wie kam es, dass Sie Prostituierte wurden?

Das kam durch meine Tante. Das war eine aufgedonnerte Frau mit roten Haaren. Ihre Redensarten und das Lockere haben mir imponiert. Auch die verrückten Typen, die sie bei ihren Besuchen mitbrachte, fand ich toll. Meine Tante hat immer gesagt: Du gehst mal ins Milieu. Mit 17 bin ich von zu Hause abgehauen und nach St. Pauli gegangen. Ich hatte einen gefälschten Ausweis. Damals war man ja erst mit 21 volljährig. Durch meine Tante bin ich schnell in die Szene reingekommen. Seitdem bin ich im Milieu. Ich habe es nie bereut.

Wirklich nie?

Klar denkt man mal, man hätte eine Lehre machen müssen. Aber ich kenne so viele Leute, die was gelernt haben und heute arbeitslos sind. Die leben auch nicht besser. Ich bin glücklich. Ich bin Berlins schönste transsexuelle Frau. Ich kann tun und lassen, was ich will. Vielleicht ärgere ich mich mal im Alter, dass ich nie was gespart habe. Aber noch ist mir das egal.

Tänzerin, Hure und Barfrau - was von all dem sind Sie heute?

Vor allem Barfrau. Ich stehe jeden Dienstag im Kumpelnest 3000 in der Lützowstraße hinter dem Tresen. Auf den Strich gehe ich nicht mehr. Das letzte Mal war ich vor drei Monaten draußen.

Sie meinen, auf dem Strich an der Kurfürstenstraße in Schöneberg?

Mein Stammplatz war in der Genthiner Straße. Es bringt nichts mehr. Ich stehe nicht sechs Stunden für 30 Euro. Da kann ich besser putzen gehen. Die guten Zeiten sind vorbei. Die Frauen aus den Ostblockstaaten versauen die Preise. Einige von denen machen Französisch ohne Gummi schon für 5 Euro plus ne Schachtel Zigaretten. Verkehr ohne Gummi kostet 10 bis 15 Euro. Das muss man sich mal vorstellen! Sogar die deutschen Junkie-Frauen und die polnischen Nutten benutzen heutzutage Kondom.

Die Polizei hat an der Kurfürstenstraße vor kurzem eine Großrazzia gegen Zuhälter durchgeführt. Werden Sie auch von Zuhältern behelligt?

Meistens werden Frauen bedroht, die schwach und hilfsbedürftig sind. Ich bin nie von einem Zuhälter bedroht worden und habe auch nie für einen gearbeitet. Dafür bin ich zu selbstbewusst. Ich war immer Hure und Domina auf eigene Rechnung.

Warum Domina?

Meine Tante hat immer gesagt: Bevor du die Beine breit machst, schlägst du die Typen. Kriegste mehr Geld für und du hast vor dir selber mehr Achtung. Man muss in dem Beruf selbstbewusst sein, sonst geht man unter. Andere Frauen verkaufen ihren Körper. Ich habe das nie getan.

Was macht man denn sonst als Hure?

Gute Huren poppen nicht. Die schieben Falle.

Das müssen Sie erklären.

Das kann ich nicht erklären. Das musste lernen.

In Wirklichkeit lassen Sie sich nicht vögeln? Sie befriedigen den Mann mit der Hand?

Genau. Das geht auch bei Französisch. Da lässt du deine langen Haare drüber fallen.

Machen die Kunden da keinen Ärger?

Nicht bei mir. Du musst gut überzeugen können. Du musst die totquatschen. Wenn du so aussiehst wie ich, sind die Kerle nur fixiert auf deine Brüste. Gäste, die zur Domina gehen, sind sehr unterwürfig. Ich fasse meine Gäste nicht mal an, und sie dürfen mich auch nicht anfassen. Nur wenn ich sage: "Küss meine Schuhe", dürfen sie mit dem Mund meine Schuhe berühren. Manche stehen auf Verbalerotik, andere wollen sich schlagen lassen. Sie holen sich selber einen runter oder sie kommen in ihrem Gummianzug.

Wo bedienen Sie Ihre Freier?

Ich habe bei einer Bekannten ein Studio mitbenutzt. Die hat leider aufgehört. Danach bin ich in eine Pension gegangen.

Haben Sie viele Stammfreier?

Das versuche ich zu verhindern. Stammfreier werden wie Ehemänner. Ich gebe keinem meine Nummer. Ich würde keinem sagen, wo ich wohne. Dann stehen die nämlich vor meiner Tür.

Wie wohnen Sie ?

Ich habe eine kleine Wohnung in Tempelhof an der Grenze zu Kreuzberg. Zwei Zimmer. Das reicht für mich und meine Familie.

Ihre Familie?

Drei Hunde, zwei Katzen und zwei Papageien.

Haben Sie keinen Partner?

Im Moment leider nicht. Ich suche. Ich war mal verheiratet. Meinen Mann habe ich in St. Pauli kennen gelernt. Der war Bordellbesitzer. In den elf Jahren, die ich mit ihm verheiratet war, habe ich nicht als Hure gearbeitet. Danach war ich lange mit einem Bauarbeiter liiert. Der hatte nichts mit dem Milieu zu tun. Das war hier in Berlin. Seit fünf Jahren bin ich solo.

Wo liegt das Problem?

Es ist schwer, den Richtigen zu finden. Wenn du zugibst, dass du Hure warst, schreckt das viele Männer ab. Sie denken, du hattest mit Tausenden Sex. Sie vergessen, dass eine Domina keinen Sex hat.

Haben Sie viele Verehrer?

Im Moment nicht mehr so viele, weil ich nicht mehr drauf eingehe. Ich bin nicht materiell eingestellt. Wenn ein Mann sagt, ich fahre Porsche, beeindruckt mich das überhaupt nicht. Ich würde eher einen Hartz-IV-Empfänger nehmen, wenn er mich und meine Hunde und meine Vergangenheit akzeptiert.

Das Kumpelnest 3000 gilt als Anbaggerschuppen. Machen Ihnen die Gäste Avancen?

Viele haben eher Angst vor mir. Ich gelte als unnahbar. Ich bin in dem Laden die ungekrönte Königin, die Grande Dame. Ich bin da ja die Älteste.

Haben Sie Freunde?

Nicht viele. Aber ein paar sehr gute. Mehr Männer. Schwule Männer. Die finden ne Frau wie mich toll.

Warum arbeiten Sie gerade im Kumpelnest?

Das ist ein einmaliger Laden. Da kommt alles rein, von oberreich bis megaarm. Vom Milieu. Schauspieler. Politiker. Kate Moss. Alle. Es kommen mehrere Kulturen zusammen. Vor der Tür kloppen sie sich, drinnen harmonieren sie. Das Kumpelnest ist für mich mein St. Pauli. Wenn ich Nachtschicht hatte, komme nicht vor 8 Uhr morgens nach Hause.

Wie sieht Ihr Tagesablauf normalerweise aus?

Wenn ich nicht im Kumpelnest gearbeitet habe, stehe ich zwischen 9 und 10 Uhr auf und mache Nuttenfrühstück: Kaffee und Zigarette. Dabei wird laut Musik gehört. Zum Beispiel Maria Callas. Dann schminke ich mich, schnappe mir die Hunde und gehe zwei Stunden spazieren, einkaufen. Gegen drei Uhr koche ich mir was zu essen. Danach mache ich mich allmählich für den Abend fertig.

Wie viele Zigaretten rauchen Sie im Schnitt?

Eine Schachtel. Wenn ich gut drauf bin, anderthalb. Wenn ich im Kumpelnest arbeite, wird bis morgens früh durchgeraucht. Die Hälfte der Kippen verbrennt im Aschenbecher. Wenn du trinkst und angesoffen bist, rauchst du mehr.

Haben Sie keine Angst um Ihre Haut, wenn Sie so viel rauchen?

Mein Haut ist top. Das liegt nicht nur an den Hormonen. Weil ich als Junge geboren worden bin, habe ich ein ganz anderes Bindegewebe. Ich kriege auch keine Cellu.

Müssen Sie sich noch rasieren?

Ganz wenig. Ich habe einen Schatten im Gesicht, aber den decke ich mit Make-up ab.

An Neujahr tritt das Nichtraucherschutzgesetz in Kraft. Was bedeutet das für einen Laden wie das Kumpelnest?

Ich glaube, viele Läden werden daran kaputtgehen. Bei uns rauchen alle. Das Personal, die Gäste, alle. Der Laden ist zu klein, um einen Raucherraum einzurichten. Der Umsatz wird zurückgehen. Wenn ich Pech habe, verliere ich deshalb meinen letzten Job.

Aber die Raucher können doch wie in anderen Ländern vor die Tür gehen.

Das Haus gehört einer Nichtraucherin. Wenn die Leute alle vor der Tür stehen, beschweren sich die Mieter, dass die Nachtruhe gestört wird. Das passiert ja jetzt schon. In Stuttgart mussten 120 Kneipen zumachen. Damit steigt die Zahl der Hartz-IV-Empfänger. Alte Barfrauen und Barmänner um die 60 stellt doch keiner mehr ein.

In ein paar Jahren sind Sie auch 60. Wie stellen Sie sich das Alter vor?

Am liebsten würde ich Puffmutter werden. Ich kann den jungen Mädels so viele Ratschläge geben. Und ich würde gern in eine WG ziehen. Arm? Reich? Egal. Mit ganz vielen Tieren. Ich möchte nicht isoliert sein. Wenn ich unrettbar krank werden sollte, möchte ich, dass mir jemand eine Überdosis Drogen gibt.

Haben Sie alte Huren in Ihrem Bekanntenkreis?

Natürlich. Die haben alle sieben oder acht Hunde und einen alten Mann, der mal ihr Freier war. Ab 60 werden sie alle fett wie normale Hausfrauen. Aber sie strahlen etwas anderes aus. Eine Mischung aus Exzentrik und Lebenserfahrung. Selbst wenn sie am Stock gehen, merkt man, wo sie herkommen. Sie gucken dich an und wissen sofort, was mit dir los ist. Das finde ich toll. So möchte ich auch alt werden. Und nicht vergessen: Ich suche einen Mann!

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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