Leben im Internet-Café in Japan

Oberschicht der Obdachlosigkeit

In Japan leben Tausende in rund um die Uhr geöffneten Internet-Cafés. Neben Computer und Dusche ist dort auch etwas Privatsphäre mietbar.

Soft-Drinks gibts gratis: Jugendliche schlafen und surfen im Internet-Café in Tokio Bild: dpa

5.400 Japaner leben in Internet-Cafés, so eine Studie des japanischen Wohlfahrtsministeriums. Lapidar und kühl vorgetragen, klingt der Satz ein wenig komisch und durchbrach wohl auch deshalb in vielen deutschen Medien die hohen Hürden nachrichtlicher Relevanz. Weniger als kritische Analyse, denn als groteske Stilblüte mit Schau-mal-einer-an-Effekt. Im flachen Wasser kulturalistischer Schlaglichter entstehen manchmal unverhältnismäßig hohe Wellen. Dabei ist Obdachlosigkeit gewiss kein japanisches Phänomen und - nüchtern betrachtet - kann in einer Nation von 128 Millionen Menschen auch die Zahl der Betroffenen nicht beeindrucken. Der Fall der Internetcafé-Obdachlosen lohnt trotzdem eine nähere Betrachtung, weil sie die japanische Facette einer auch in Deutschland hochaktuellen Problematik zeigt.

Die Tokyoter S- und U-Bahnen fahren schon um halb eins nicht mehr. Im weltweit bevölkerungsreichsten Ballungsraum - einem erstaunlich gut funktionierenden Moloch von 35 Millionen Menschen - würde sich auch ein Rund-um-die-Uhr-Betrieb rechnen. Doch auch die Taxi-Industrie muss leben und hat eine starke Lobby.

Nun bieten sich verschiedene Möglichkeiten. Einfach am Bahnhof schlafen, wie die paar traurigen Gestalten, die es nach dem allabendlichen Umtrunk in der Firma nicht mehr nach Hause schafften, morgen früh aber wieder pünktlich auf der Matte stehen. Die berühmt-berüchtigten Kapsel-Hotels mit ihren sargartigen Gästezimmern. Doch das teure Taxi oder, für die weniger Betuchten, die durchgängig geöffneten Einrichtungen der japanischen Gastro-Industrie - Fast-Food-Ketten, mit Abstrichen auch Karaoke-Bars, die so genannten Family-Restaurants und Internet-Cafés.

Für den angedachten Zweck des Zeit-Tot-Schlagens bis zum Morgengrauen bieten letztere das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Für umgerechnet etwa zehn Euro mietet man sich einen anderthalb Meter großen Kabuff - mit Trennwänden für die private Atmosphäre und einem Computer zum Surfen, Spielen, Kommunizieren oder Videos schauen. Die Lehne des Leder-Imitat-Bürostuhls lässt sich nach hinten verstellen und bietet mäßigen Schlafkomfort. Im Eingangsbereich des Cafés steht eine kleine Bibliothek, die in erster Linie die beliebten japanischen Comics führt. Immer öfter stellen die Betreiber auch Duschautomaten mit Münzeinwurf. Soft-Drinks, besser Wasser mit Geschmackszusatz, gibts gratis. "Was will man mehr", sagen sich vor allem junge Japaner. Wohnraum ist begrenzt in einer Stadt, die sieben Mal mehr Menschen auf einem Quadratkilometer beherbergt, als das Ruhrgebiet.

Viele leben bis sie 30 sind bei den Eltern und finden das nicht immer gut. Auch die geographischen Dimensionen sind andere. Junge Angestellte müssen sich das Privileg menschlicher Arbeitszeiten erst verdienen. Und es macht oft wenig Sinn, um zehn aus der Firma zu kommen, zwei Stunden in die Bettenburgen rund um Tokyo zu fahren, sich am nächsten Morgen in die überfüllten Vorortzüge zu quetschen und um neun wieder da zu sein. 5.400 - das sind nur acht Prozent derjenigen, die angaben, regelmäßig im Internet-Café zu übernachten.

Sie unterscheiden sich vom großen Rest durch das fehlende Heim und die fehlende Perspektive. Die japanische Bezeichnung für diesen unfreiwilligen Lebensentwurf lässt sich mit "Netzflüchtlinge" übersetzen, doch das trifft es nicht ganz. Flüchtlinge ja - aber nicht aus Affinität zur virtuellen Welt des Internets, sondern aus ganz irdischen, wirtschaftlichen Zwängen heraus.

Hideki Shimura lebt seit zehn Monaten in einem Internet-Café im Norden Tokyos und zahlt dafür monatlich etwa 60.000 Yen - umgerechnet 370 Euro. Das ist tatsächlich grotesk, denn selbst auf dem exorbitant teuren Tokyoter Immobilienmarkt lassen sich fürs gleiche Geld einfache Ein-Zimmer-Apartments finden. Die sind dann spartanisch, winzig und schlecht gelegen, vermitteln aber eine in Deutschland wie in Japan entscheidende Voraussetzung für berufliches Fortkommen: Die eigene Adresse. Shimura arbeitet unregelmäßig, aber fast täglich für eine der vielen japanischen Zeitarbeitsfirmen. Die Einsatzorte und auch die Tätigkeiten wechseln häufig. Mal als Springer für eine Handelskette mit 24-Stunden-Läden für alle Waren des täglichen Bedarfs, mal als Werbeprospektverteiler an Tokyos belebten Bahnhöfen. Ein moderner Tagelöhner, dessen Gehalt gerade ausreicht, um die monatlichen Ausgaben für Mitgliedschaft im Internet-Café und Verpflegung zu decken. Der Verweis auf die Alternative günstiger Mietwohnungen erntet eine kühle Kosten-Kalkulation, mit der die letzten Assoziationen an weltfremde Computerfreaks in virtuellen Universen verwischt werden.

"Ein Mietvertrag kostet in Japan fünf Monatsmieten - eine für den Makler als Provision, zwei als Kaution und weitere zwei als Dankesgeld für den Vermieter. Mit etwas Glück und einer eingehenden Renovierung bekomme ich am Ende die Hälfte der Kaution zurück. Der Rest sind Sonderausgaben, die ich ad hoc nicht stemmen kann."

Das Internet-Café ist zwar deutlich teurer, dafür aber beheizt und mit den eingangs geschilderten Annehmlichkeiten. Zwar nicht das Hotel Imperial, unter den gegebenen Umständen aber ganz vertretbar, meint Shimura.

"Mobiler geht's nicht - von einem Tag auf den anderen zum Auszug bereit. Und freier als jeder normale Angestellte." Er sagt dies ohne den leisesten Hauch der Ironie oder gar Gesellschaftskritik. Sein Lächeln vermittelt nur die Selbstzufriedenheit desjenigen, der zu wissen glaubt, wie die Dinge laufen. Befreit von allen Illusionen. Ein trauriger Ausdruck im Gesicht eines 22-jährigen Obdachlosen.

Männlich, ungebunden und in Zeitarbeitsverhältnissen - das sind die einzig klar zuzuordnenden Charakteristika. Sonst ist die Gruppe außerordentlich heterogen. Akademiker, die mit der wirtschaftlichen Depression der 90er Jahre Arbeit und oft auch Familie verloren und sich nun mit Teilzeitjobs durchs Leben schlagen. Obgleich in der Minderheit, auch junge Menschen, die sich den vielfältigen Zwängen der japanischen Unternehmenskultur verweigern und sich nach Abwägung aller Vor- und Nachteile bewusst für ein Leben auf Abruf entscheiden. Teils freiwillige, meist getriebene Aussteiger, in der Regel aber Menschen, die sich trotz täglicher Arbeit kein eigenes Heim leisten können.

Amoralisch gering entlohnte Zeitarbeitsverhältnisse sind auch in Japan keine Seltenheit. Die regional abgestimmten Mindestlohnsätze sind viel zu tief angesetzt, um so etwas wie soziale Sicherheit zu garantieren.

Vor allem Dank der horrenden Immobilienpreise gilt Tokyo nach wie vor als teuerste Stadt der Welt. 4,40 Euro in der Stunde tragen hier nicht weit. In der Obdachlosen-Statistik tauchen die "netto nanmin", wie sie genannt werden, nicht auf. Sie sind es zwar de facto, doch gezählt wird in Japan nur, wer tatsächlich "Platte macht". Beide Gruppen würden sich zudem recht deutlich voneinander unterscheiden, meint Go Inoue vom japanischen Wohlfahrtsministerium. "Die Menschen auf der Straße sind im Schnitt älter und auch schlechter ausgebildet. Die meisten von ihnen werden den Weg zurück allein nicht mehr schaffen. Unsere Aufgabe ist es, billigen Wohnraum zu organisieren und unter Umständen auch zu finanzieren."

Für die "netto nanmin" soll es zinslose Kredite geben, mit denen sie eine eigene Wohnung anmieten und dann doch noch den Weg in ein geregeltes Leben finden können. Mit ihnen hat sich eine Oberschicht der Obdachlosigkeit entwickelt, die es in Deutschland so nicht gibt. Unter Umständen liegt das aber nur an rigideren Verordnungen zum Ladenschluss hierzulande.

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