Dichter Fabián Casas

Nackt im Innenhof

Der argentinische Schriftsteller Fabián Casas schreibt über Led Zeppelin und sein Stadtviertel Boedo in Buenos Aires. Jetzt hat er den Anna-Seghers-Preis bekommen.

"Unsichtbar, aber in dem Moment da, wenn man mich braucht": Fabián Casas. Bild: guadalupe

Ein früher, nasskalter Sonntagvormittag. Die Straßen von Mitte sind menschenleer, die Touristen in der Lobby des Motel One an der Dircksenstraße bleich und übernächtigt. Fabián Casas trägt eine dunkle Sonnenbrille und Dreitagebart, aber das täuscht. Er ist bereits seit sieben Uhr wach, hat Meditationsübungen absolviert, "gegen die Melancholie", und gelesen. Jetzt will er raus und etwas von der Stadt sehen, in die es ihn aus Buenos Aires so unvermutet verschlagen hat. Dass er den mit 12.500 Euro dotierten Anna-Seghers-Preis 2007 für lateinamerikanische Literatur erhalten sollte, erfuhr der argentinische Schriftsteller und Dichter aus der Zeitung. Das feierliche Anschreiben der Anna-Seghers-Stiftung mit der Einladung nach Berlin erreichte ihn erst Tage später. "Ich war platt vor Freude", sagt er einfach.

Der 42-Jährige, der auch Kurzgeschichten, Essays, journalistische Texte und einen Roman veröffentlicht hat, wurde für sein poetisches Werk geehrt. Er fange darin das Lebensgefühl einer ganzen Generation ein, so die Begründung des Jurors Timo Berger, der ihn zum lateinamerikanischen Lyrikfestival "Latinale" eingeladen und einige seiner Gedichte ins Deutsche übertragen hat. Casas Gedichte heißen "Pogo", "Solaris" oder "May the Force be with you". Er verarbeitet darin Philosophie, Fußball, Rockmusik und englische Lyrik zu einem unverwechselbaren Sound. Dieser klingt mal wie knackiger Dreiminutenpunk mit Ohrwurmrefrain, mal wie eine zarte Ballade voll großer Gefühle. Bombastrock oder ausufernde Soli gibt es nicht. Casas mag keine Showeffekte, keine Geschwätzigkeit. Auch keine Popliteratur: Schriftstellerkollegen, die sich in der Öffentlichkeit produzieren und ihre Nase in jedes Mikrofon halten, sind ihm zuwider.

Casas, dessen Lyrik so einladend und zunehmend populär ist, gibt sich privat eher zugeknöpft. Er lebt mit Freundin und Hund in einem umgebauten Hotel, besitzt kein Mobiltelefon, gibt selten Interviews. "Der Journalismus will immer nur Antworten, ich bin ein fragender Mensch", sagt der frühere Reporter der Tageszeitung El Clarín. Journalismus betreibt er nur noch nebenher und konzentriert sich auf Fragen: Heidegger, Schopenhauer, Spinoza, die er in einem privaten Philosophiezirkel studiert; Meditation und Karate in einem japanischen Dojo-Zentrum; Bücher von Tolstoi, Celine, Thomas Bernhard. Dazu hört er Led Zeppelin, wie früher in seiner Jugend im Arbeiterviertel Boedo. Dieses Viertel im Süden von Buenos Aires, in dem Casas aufwuchs, ist die Folie seiner Gedichte. Bars und Fußballplätze, die niedrigen Wohnhäuser, der große Rivadavia-Park.

"Ich habe nicht viel Fantasie", sagt der breitschultrige Mann mit dem raspelkurzen Haar, der wie ein Boxer wirkt. "Ich arbeite mit dem, was ich habe". Den japanischen Nachbarjungen Uzu, Erfinder des "Zen-Boedismus", gab es wirklich, auch die früh verstorbene Mutter, die Drogen, den Punkrock, die Schlägereien.

Trotzdem ist sein lyrisches ein abstrahiertes Boedo, durch das tote englische Dichter wandeln, in dem sich Brillenetuis bei näherem Hinsehen in U-Boote verwandeln und der Dichter sein Gesicht im Spiegel nicht erkennt. "Ich stehe nackt in der Mitte des Innenhofs", schreibt er im Gedicht "Mitten in der Nacht": "Und ich habe das Gefühl, dass mich die Dinge nicht mehr erkennen." "Meine Poesie drückt ein Fremdheitsgefühl aus", so Casas im Gespräch, "das Gefühl, dass man der Realität nicht trauen kann." Er sieht sich um, als könne das Café in Mitte vor seinen Augen zerfließen oder ihn zurück nach Buenos Aires katapultieren. Schon mehrmals löste sich seine Welt auf, um sich neu zusammenzusetzen. Mit 21, wenige Tage vor der geplanten Hochzeit, floh er aus Argentinien, blieb im Amazonas bei einer spirituellen Kommune hängen. Nach zwei Jahren kehrte er zurück, musste sich wieder an Kleider und das Philosophiestudium gewöhnen. Später wurde er Journalist, reiste mit einem Stipendium in die USA und gab mit anderen avantgardistischen Jungschriftstellern eine Literaturzeitschrift namens "18 Whiskies" heraus.

Obwohl er nicht mehr ganz jung ist, gilt Fabián Casas als Vertreter einer jungen, wilden argentinischen Literatur. Er entdeckte den skandalträchtigen Straßenpoeten Washington Cucurto, mit Autoren wie Daniel Duran oder Dalia Rosetti teilt er die Vorliebe für Straßenslang, die Erfahrung einer Kindheit in der Diktatur und den Wunsch, sich freizumachen von der erdrückenden Traditionslast der argentinischen Literatur. Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, die beiden Säulenheiligen aus Buenos Aires, sind für Casas wie verflossene Geliebte: eine liebe, aber ferne Erinnerung. "In meiner Jugend hatte ich oft das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein", sagt er. "Ich sympathisierte mit der Linken und sie wurde von der Militärdiktatur niedergeschlagen. Ich hörte Rock, da kam Disco auf. Led Zeppelin und die verbotenen Bücher von Cortázar waren mein Trost." Die Hälfte des Anna-Seghers-Preisgelds will Casas dem linken Verleger José Luis Mangieri schenken, auch eine liebe Erinnerung. In Mangieris Verlag erschienen Casas erste Lyrikbände. Jetzt steht der alte Mann vor dem Konkurs.

"Ich bin kein argentinischer Schriftsteller", sagt er, als er in Anzug und Krawatte die Ehrung in der Berliner Akademie der Künste entgegennimmt. "Literatur ist ein globaler Prozess. Überall auf der Welt schreiben Menschen an der nächsten Odyssee. Man muss sie nur wahrnehmen." Dann liest er dem Publikum eine Geschichte darüber vor, wie er einmal in Boedo einen Schuhmacher brauchte, aber keinen kannte. Zufällig fand er einen Laden, der ihm neu vorkam. Er sei bereits seit dreißig Jahren im Viertel, erwiderte der alte Schuhmacher. "Genauso möchte ich für Sie sein", schloss Casas. "Unsichtbar, aber in dem Moment da, wo man mich braucht."

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