"Perlentaucher" Islam-Debatte in Buchform

Jakobinischer Schauprozess

Freunde und Feinde der Aufklärung: Im Frühjahr inszenierte das Online-Magazin "Perlentaucher" eine Debatte über den "Islam in Europa". Nun liegt sie als Buch vor.

Kopftuch: Zeichen muslimischen Glaubens oder islamistischer Gesinnung?  Bild: dpa

Kann es einen "Fundamentalismus der Aufklärung" geben? Eigentlich keine Frage, denkt man nur an die Exzesse während der Französischen Revolution, an die der Schriftsteller Martin Mosebach in seiner Büchnerpreisrede kürzlich erst wieder erinnert hat. Doch darum ging es nicht in der Debatte, die das Online-Magazin Perlentaucher in diesem Frühjahr anzettelte. Entzündet hatte sie sich an dem Vorwurf, die niederländische Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali vertrete gegenüber Muslimen einen "Fundamentalismus der Aufklärung", weil sie deren Integration in Europa von letztlich unerfüllbaren Vorbedingungen abhängig mache. Im Kern liefen ihre Forderungen darauf hinaus, dass Muslime ihrer Religion abschwören sollten, meinten der Publizist Ian Buruma und der britische Historiker Timothy Garton Ash.

Nun ist Ayaan Hirsi Ali ein gewisser jakobinischer Zug durchaus zu eigen, ob sie nun gegen islamische Krankenhäuser oder Moscheen zu Felde zieht. Doch den Freundeskreis der "schwarzen Jeanne dArc" (Henryk M. Broder), der überwiegend aus männlichen Publizisten reiferen Alters zu bestehen scheint, brachte die Kritik an ihrer Lichtgestalt in Rage. Von einem "Rassismus der Antirassisten" schäumte der französische nouveau philosophe Pascal Bruckner mit Blick auf Buruma und Ash und postete seinen Ärger an den Perlentaucher. Der versuchte, den Wutausbruch in einen größeren Kontext zu stellen, indem er fragte: "Wen soll der Westen unterstützen: Gemäßigte Islamisten wie Tariq Ramadan oder islamische Dissidenten wie Ayaan Hirsi Ali?"

Die Frage war nicht nur tendenziös formuliert - hier die Dissidentin, dort der Islamist. Sie war auch falsch gestellt, sofern mit "der Westen" die religiös neutralen Staaten Westeuropas und nicht nur die europäischen Feuilletonredaktionen gemeint waren. Natürlich müssen die europäischen Staaten beides tun: ihren muslimischen Einwanderern die Chance bieten, ein Leben frei von den Zumutungen ihrer Herkunftsreligion zu wählen. Aber auch ihnen ermöglichen, mit ihrer Religion in Europa zu leben und integriert zu werden. Kurz: "Der Westen" sollte sowohl für einen Tariq Ramadan wie für eine Ayaan Hirsi Ali Platz - und, wenn nötig, Schutz - bieten.

Hirsi Ali und ihre Fürsprecher sehen das anders: Sie halten den Islam eines Tariq Ramadan für grundsätzlich nicht mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie vereinbar. Hirsi Alis radikale Religionskritik mag in den Ohren westlicher Säkularisten erfrischend klingen, glauben sie doch darin ein Echo der eigenen Rebellion gegen die christlichen Kirchen und deren Doppelmoral zu erkennen. Es hat aber gute Gründe, warum Hirsi Ali bei westlichen Konservativen besser ankommt als bei liberalen Intellektuellen in der islamischen Welt - die meisten winken nur müde oder verärgert ab, sofern sie ihren Namen überhaupt kennen. Von Atatürk bis Reza Schah Pahlavi blickt man im Orient schließlich auf eine lange Tradition des verordneten Säkularismus zurück. Man braucht also keine Belehrungen einer selbsterklärten Islamexpertin, die sich, wenn es um Religion geht, im Zweifelsfall für den autoritären Staat und gegen die liberale Demokratie entscheidet.

Die iranische Menschenrechtlerin und Nobelpreisgewinnerin Shirin Ebadi warf Hirsi Ali (in der Zeitschrift Reset) sogar vor, sie spiele mit ihrer Behauptung, der Islam sei nicht mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar, den Mullahs in die Hände. In dem Sammelband "Islam in Europa", der die Perlentaucher-Debatte nun auf Papier zusammenfasst, fehlen solche Stimmen aus der islamischen Welt. Stattdessen prügeln sieben der elf Autoren ziemlich unterschiedslos auf Buruma und Ash ein. So glich die vom Perlentaucher zur "Multikulturalismus-Debatte" erhobene Abrechnung über weite Strecken eher einem Schautribunal, bei dem beiden Angeklagten aus Gründen der Form ein paar Pflichtverteidiger zur Seite gestellt wurden, als einem fairen Meinungsstreit.

Nur eine Frau sprang Buruma und Ash beherzt bei: Halleh Ghorashi, eine niederländisch-iranische Kulturwissenschaftlerin aus Amsterdam. Als Einzige der Debattierenden hat sie aus direkter Anschauung erlebt, welche Rolle Ayaan Hirsi Ali in der niederländischen Innenpolitik gespielt hat. Denn diese lieh der scharfen Ausgrenzungs- und Abschiebepolitik ihrer konservativen Partei VVD so lange ihr attraktives Gesicht, bis sie ihr fast selbst zum Opfer fiel.

Dass die Stimme von Halleh Ghorashi einsam aus dem fast einmütigen Ablehnungschor heraussticht, ist symptomatisch für europäische Debatten über Einwander, die meist über deren Köpfe hinweg geführt werden. Zum Glück ist die Politik den Feuilletonfechtern hier einen Schritt voraus. Selbst Innenminister Wolfgang Schäuble lud zu seiner "Islam-Konferenz" bewusst nicht nur Säkularisten wie Bassam Tibi und Necla Kelek, die genau das sagen, was viele so gerne von ihnen hören möchten, sondern ein breites Spektrum an muslimischen Stimmen. Damit zeigte sich der Christdemokrat liberaler und aufgeklärter als so manche besonders vehemente Verteidiger der Aufklärung.

 

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