Gastkommentar Bärbel Höhn

Biosprit muss nicht schädlich sein

Zuckerrohr verdrängt Urwald, Raps den Weizen - der Anbau pflanzlicher Energieträger kommt in Verruf. Doch statt ihn zu verdammen, muss er ökologisch gestaltet werden.

Der gerade wieder explodierende Ölpreis zeigt, wie gefährlich die Abhängigkeit unseres Lebensstils vom Erdöl ist. Ob Verkehr, Chemie oder Pharmazie - ohne Öl geht in unserer Gesellschaft so gut wie gar nichts. Öl ist eine Droge, von der die Industrienationen abhängig sind. Und wie Süchtige blenden wir die negativen Folgen unserer Abhängigkeit aus: Klimawandel, Umweltschäden, Konflikte und Kriege um Öl.

Deswegen haben beim Thema Verkehr Effizienz, die Entwicklung neuer Konzepte und elektrische Antriebe Priorität bei der gesellschaftlichen "Entziehungskur" vom Öl. Wir brauchen aber auch die Biokraftstoffe, das sagen uns alle wissenschaftlichen Studien - wenigstens als Übergangstechnologie. Gleiches gilt für den Strom- und Wärmebereich. Auch hier können wir nicht auf Energiepflanzen - etwa in Biogasanlagen - verzichten, wenn wir die CO2-Emissionen ambitioniert senken wollen. Im Energiekonzept der grünen Bundestagsfraktion ist deshalb ein behutsamer Ausbau der Bioenergien bis 2020 vorgesehen: 18 Prozent im Verkehr, 19 Prozent bei Wärme und 9 Prozent bei Strom. Der größte Teil soll dabei aus heimischer Produktion kommen. Daneben sind hauptsächlich Importe aus Osteuropa von Bedeutung. Die ökologische Bilanz der eingesetzten Bioenergien muss dabei positiv sein.

Wir stehen bei der Nutzung der Bioenergien erst am Anfang. Daher können jetzt noch die richtigen Weichen gestellt werden, um Fehlentwicklungen einzuschränken. Wenn Urwaldflächen für Bioenergien abgeholzt werden, kommen wir vom Regen in die Traufe. Aus Südostasien wurden im Wirtschaftsjahr 2006 rund 340.000 Tonnen Palmöl in deutschen Blockheizkraftwerken verwendet. Der Verbrauch stagniert aber, weil der Preis für den Rohstoff steigt. Europaweit waren es rund eine Millionen Tonnen, was rund 4 Prozent der Palmöl-Anbaufläche in Malaysia und Indonesien entspricht, die zusammen 80 Prozent der weltweiten Produktion abdecken. Dahingegen spielt Palmöl in deutschen Autotanks keine Rolle. Ebenso Bioethanol aus Brasilien. Dort ist es hauptsächlich der Sojaanbau für die Fleischproduktion, der zur Regenwaldrodung beiträgt. 243 Millionen Hektar für Weiden und Futteranbau stehen hier drei Millionen Hektar Zuckerrohr für die Bioethanolproduktion gegenüber. Auch hier in Deutschland brauchen wir eine Lösung dafür, dass sich nicht zunehmend Monokulturen für Biogasanlagen ausbreiten und Grünland in Ackerfläche umgewandelt wird.

Das andere große Konfliktthema - "volle Tanks" oder "volle Teller" - existiert aber nur bedingt und wird erst mittel- bis langfristig relevant. Die Preissteigerungen in Deutschland und auf dem Weltmarkt sind nur zum Teil durch den zunehmenden Anbau von Energiepflanzen bedingt. Schlechte Ernten, neue Abnehmerländer, wegfallende EU-Exportsubventionen und Gewinnmitnahmen sind die ausschlaggebenden Faktoren. Wenn zum Beispiel in Mexiko die Tortilla-Preise steigen, dann liegt das eher am dortigen Freihandelsabkommen Nafta. Viele mexikanische Bauern haben keinen Mais mehr angebaut, weil sie mit den Dumpingpreisen der Amerikaner nicht mithalten konnten. Das wird sich jetzt wieder ändern.

Außerdem kann weltweit mehr Fläche vor allem aus Brachen genutzt werden. Niedrige Weltmarktpreise über Jahrzehnte haben einen Anbau in weiten Gebieten unwirtschaftlich gemacht und damit die Existenz vieler Bauern zerstört. Durch die steigenden landwirtschaftlichen Rohstoffpreise in den letzten Jahren dürfte hier ein gegenläufiger Trend eingesetzt haben. Vielerorts wird sich ein Anbau wieder lohnen. Der Hunger in weiten Teilen der Welt wird dadurch aber nicht verschwinden. Die Ursachen liegen nach wie vor hauptsächlich in einer ungerechten Landverteilung, Konflikten oder bei Problemen in der Lieferkette - und nicht bei den Bioenergien.

Was gilt es zu tun? Eine aufkommende Konkurrenz bei der Flächennutzung wird es in den nächsten Jahrzehnten mit großer Wahrscheinlichkeit geben. Der Anbau von Nahrungsmitteln muss dabei stets Vorrang genießen. Die Erdbevölkerung wächst rasant weiter, zudem soll sich der sehr flächenintensive Fleischkonsum laut FAO-Prognose bis 2050 fast verdoppeln. Gleichzeitig gibt es weltweit einen "Run" auf die Biokraftstoffe. Um hier Raubbau zu verhindern, müssen ohnehin ablaufende Prozesse gestaltet werden. Sonst setzen sich die Spielregeln des freien Marktes durch - ohne ökologische und soziale Leitplanken. Wenig zielführend ist es dabei, einfach nur "Nein zu Bioenergien" zu sagen. Welche Hebel müssen stattdessen jetzt in Bewegung gesetzt werden?

Zunächst einmal bedarf es dringend einer international anerkannten Zertifizierung mit verbindlichen ökologischen und sozialen Standards bei der Produktion von Bioenergien. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig, schnell auch bilaterale Zertifizierungspilotprojekte anzustoßen, um in Hinblick auf Finanzierung, Überwachung und die Berichterstattung praktische Erfahrungen zu sammeln. Palmöl aus Indonesien ist also abzulehnen, wenn er mit dem Raubbau am Regenwald einhergeht. In diesem Fall brauchen wir einen umgehenden Importstopp.

Im energetischen Bereich kann die Bundesregierung bereits im Jahr 2008 durch die Novelle des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes (EEG) die Weichen dafür stellen, dass nur noch verbindlich nach internationalen Standards zertifiziertes Palmöl in Blockheizkraftwerken verwendet wird. Ebenfalls ist das EEG beziehungsweise eine Nachhaltigkeitsverordnung der richtige Weg, den ökologisch unverträglichen Anbau von Monokulturen für Biogasanlagen zu verhindern.

Darüber hinaus müssen Bioenergien effizienter genutzt werden. Dadurch gewinnt der Klimaschutz, und es wird weniger Fläche verbraucht. Durch den Einsatz von Biogas in Autos kann etwa die Fahrleistung von einem Hektar verdoppelt oder verdreifacht werden. Wichtig ist bei den Bioenergien auch die Verbreiterung der Rohstoffbasis. In Bioraffinerien lassen sich zum Beispiel Rest- und Abfallstoffe hochwertig und mehrfach verwerten.

Aber auch die Verbraucher müssen sich fragen, inwiefern sie zu einer Lösung beitragen können. Gefragt ist ein anderer Lebensstil - kleinere Autos verbrauchen weniger Energie, ein geringerer Fleischkonsum ebenso. Um eine Kalorie Fleisch zu erzeugen, braucht man immerhin rund sechs bis zehn pflanzliche Kalorien bei der Fütterung von Tieren. Eine geringe Reduktion des Fleischverbrauchs wird den Druck auf die Fläche wesentlich entlasten.

Der Ausbau der Bioenergien darf nicht in Konflikt mit der Biodiversität und der Ernährungssicherheit geraten. Zusammengefasst lautet die Lösungsformel dafür: volle Teller mit weniger Fleisch, volle Tanks mit Biogas und eine ausschließliche Verwendung von nachhaltig produzierten Bioenergien. Dafür gilt es, die richtigen Weichen zu stellen - und das mit aller Entschiedenheit.

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