Historiker Litchfield zum Rechnitz-Massaker

"Die Erzherzogin sollte sprechen"

Warum beschäftigt sich ein britischer Populärhistoriker mit der Geschichte der Familie Thyssen? Ein Besuch bei David R. L. Litchfield , der mit Recherchen zum Massaker in Rechnitz für Aufmerksamkeit sorgt

Heinrich Thyssen; seine Tochter, Gräfin Margit Batthyány, ihr Ehemann Ivan Batthyány und ihr jüngerer Bruder Hans-Heinrich Thyssen-Bornemisza, genannt "Heini". Bild: charles dickens/quartet books

Herr Litchfield: Wie haben Sie die Thyssens kennen gelernt?

Am 18. Oktober veröffentlichte das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Text von David R. L. Litchfield ("Die Gastgeberin der Hölle"), der eine Kontroverse auslöste. Litchfield hat jahrelang die Familiengeschichte der Familie Thyssen und Thyssen-Bornemisza erforscht und war dabei auf ein Verbrechen aus den letzten Weltkriegstagen gestoßen. Das Verbrechen: In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden während einer Party auf Schloss Rechnitz im Burgenland 200 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter massakriert. Gastgeberin des Festes war Gräfin Margit Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza. Das Massaker ist eine von österreichischen Gerichte belegte Tatsache. Dass die Haupttäter flüchtig bleiben konnten, haben sie der Gräfin zu verdanken, sagt Litchfield. Zwei Belastungszeugen wurden 1947 ermordet. Die Gräber wurden bis heute nicht gefunden. Die Dorfgemeinde schweigt eisern. Zusammen mit seiner aus Deutschland stammenden Freundin Caroline Schmitz empfing David R. L. Litchfield unsere Korrespondentin in seinem Haus auf der Isle of Wight.

David R. L. Litchfield: Ich gab mit David Bailey von 1976 bis 1982 eine Monatszeitschrift in London heraus, das Ritz Newspaper. Das war ein sehr gesellschaftliches Magazin, ähnlich wie Andy Warhols Interview. Francesca Thyssen und ihr Bruder Lorne waren gerade nach London gekommen und tanzten auf allen Hochzeiten. Vor allem Francesca fand es chic, ihr Gesicht überall abgelichtet zu sehen. Sie wollte Schauspielerin und Model werden. Ich selbst war mit den Thyssens gut bekannt. Über Francesca und ihren Bruder wurde ich ihrem Vater vorgestellt, rein freundschaftlich.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Geschichte der Thyssens zu verfassen?

Als ich erfuhr, dass sie jemanden gefeuert hatten, der Heini Thyssens Biografie schreiben sollte. In einem Artikel las ich, wie viel Honorar der Typ dafür bekommen sollte. Das war mehr, als ich in Jahren verdiente. Ich angelte mir Francesca und sagte, dass ich der richtige Biograf für ihren Vater sei. Sie sagte: "Großartig, das ist eine gute Idee!", und wir trafen uns gemeinsam mit ihren Vater und betranken uns. Alles schien bestens.

Aber dann kam es zu Schwierigkeiten?

Heinis spanische Frau hatte Probleme mit Francesca, und das Projekt wäre beinah ins Wasser gefallen. Mit Francescas Unterstützung machte ich weiter. Das Buch sollte über Heini Thyssen und die gesamte Familie von 1700 bis heute gehen.

Was hat Sie an der Thyssen-Familie so sehr fasziniert, dass Sie sich als Biograf 14 Jahre mit ihr beschäftigt haben?

Meine Faszination hatte nichts mit dem Fall Rechnitz zu tun. Mit einer solchen Ungeheuerlichkeit habe ich wirklich nicht gerechnet. Natürlich habe ich erwartet, dass gewisse Dinge ans Tageslicht kommen würden. Die Thyssens hatten in zwei Weltkriegen Stahl produziert. Doch ich fand einfach eine so reiche Familie sehr interessant und wollte sehen, wie sie auf einer gesellschaftspolitischen Ebene funktioniert.

Wie gerieten die Tochter von Baron Heinrich Thyssen, Margit von Batthyány, und das Massaker von Rechnitz in den Blick der Recherche?

Ich hielt Margit zunächst für eine Randfigur im großen Drama. Heini und andere Familienmitglieder hatten sie mir immer wieder als einen stillen, zurückgezogenen Charakter dargestellt. Sie sei glücklich, Pferde zu reiten. Verbunden mit der Tatsache, dass Schloss Rechnitz - wie man es uns erzählte - von den Russen zerstört worden sei, haben wir das ganz hintenangestellt. Doch eines Tages erzählte mir Josi Groh, Heini Thyssens ungarischer Anwalt, dass Margit nach 1945 nach Rechnitz zurückgekommen sei, zusammen mit diesem Nazi, den sie als Liebhaber in einer Wohnung in Lugano untergebracht habe. Das war kurz vor dem Ende unseres Buchprojekts ziemlich überraschend.

Daraufhin fuhren Sie nach Rechnitz?

Ja. Im Jahr 2003 fuhren wir nach Österreich. Wir dachten nicht, dass wir dort auf etwas Schreckliches stoßen würden. Wir wollten einfach den Ort sehen. Mehr nicht. Rechnitz ist kein Ort auf der Touristenkarte.

Wie liefen Ihre Recherchen?

Wir kamen da an und sahen sofort, dass Teile vom Schloss noch erhalten waren, in Wohnungen oder Appartments umgebaut. Wir quartierten uns in einem Gasthaus ein und kamen mit dem Wirt ins Gespräch. Wir erzählten ihm von unserem Buchvorhaben. Der Wirt stellte uns einen Mann vor, dessen Vater als Diener im Schloss gearbeitet hatte. Er erzählte uns von dem Verbrechen im Schloss und dass Margit immer dabei war, wenn Juden misshandelt wurden. Ich traute meinen Ohren nicht. Ich holte meine Kamera heraus und fragte ihn, ob er was dagegen hätte, wenn ich ihn fotografieren würde. Es war ein älterer Herr. Er antwortete "Nein, nein, nein " und verschwand. Der Gastwirt machte uns dann mit dem Lehrer und Historiker des Ortes, Dr. Hotwagner, bekannt. Der war damals krank, und so telefonierten wir später mit ihm. Hotwagner hatte sehr genaue Aufzeichnungen von dem, was passiert ist.

Können Sie uns über ihn etwas mehr erzählen?

Josef Hotwagner stammte aus dem Ort. Sein Vater war ebenfalls Lehrer und starb, kurz bevor er aus dem Konzentrationslager befreit wurde. Er hat also im Alter von acht Jahren seinen Vater verloren, weil der ins Lager deportiert wurde. Der Junge war nicht gerade ein Pronazi gewesen. Er begann stattdessen aufzuschreiben, was in dem Ort passierte. Mit acht Jahren hast du bereits ein ziemlich gutes Gedächtnis.

Deutsche Journalisten bezweifeln die Glaubwürdigkeit Ihrer Quellen.

Es ist eine Sache, einen Menschen dazu zu bringen, dir etwas zu erzählen. Aber natürlich muss man das mit weiterem Material stützen. Deswegen haben wir auch 14 Jahre lang an dem Thema gearbeitet. Es fasziniert mich, dass manche deutschsprachige Medien mehr mit der Verlässlichkeit meiner Quellen befasst sind als mit der Ermordung von 200 Juden aus einer Party heraus. Sollen sie doch meine Quellen genau betrachten, ehe sie sie in Frage stellen. Das Massaker ist eine Tatsache.

Hat sich Margit von Batthyány Ihrer Meinung nach direkt schuldig gemacht?

Es ist nicht mein Job, Recht zu sprechen. Aber ich kann recherchieren, berichten und kommentieren. Margit und ihrem Mann gehörte das Schloss. Sie blieb dort in den fünf Jahren, in denen es von der SS besetzt war. Soweit ich weiß, hat sie die Party organisiert, bei der um 12 Uhr nachts rund 200 Juden umgebracht wurden von 15 maßgeblichen Partygästen. Wenn so viele Leute um 12 Uhr nachts bei so einer Feier umgebracht werden, kann dies nur mit einer Form von groteskem Entertainment zusammenhängen. Eine andere Erklärung fand ich nicht. Niemand hat sie damals aufgehalten. Sie hatten das Dorf unter Kontrolle, bis die Russen einmarschiert sind. Ich weiß aber nicht, ob Margit selbst geschossen hat. Also habe ich es auch nicht geschrieben. Mein Buch zeigt vor allem, dass privilegierte Menschen sich ihre eigene Realität erschaffen können, sogar in Kriegszeiten.

Was heißt dies für Rechnitz, was für die Thyssen-Bornemiszas?

Die Leute von Rechnitz müssen damit bis heute leben. Einige von ihnen waren damit einverstanden, waren Nazis, andere nicht. Dem lag früher eine Art Bürgerkriegssituation zugrunde. In der Zwischenzeit sind die Thyssens und Batthyánys längst über alle Berge und wollen damit nichts mehr zu tun haben. Das finde ich sehr bedauernswert.

Wofür steht für Sie der Name Thyssen?

Die Thyssens haben jede Menge Geld durch die Kriege verdient und kamen fast unbescholten davon. Sie haben ihr nettes Leben in der Schweiz, in Spanien und in Südamerika geführt. Währenddessen hat die Thyssen AG, später Thyssen-Krupp, es geschafft, sich von einem Teil der Familiengeschichte zu distanzieren, was Unsinn ist.

Haben Sie Heini Thyssen darauf angesprochen?

Alle waren irgendwie glücklich. Heini Thyssen sagte anfangs noch, dass seine Familie nichts mit dem Krieg zu tun gehabt habe. Nichts mit der Produktion von Waffen, nichts mit toten Menschen oder Antisemitismus. Wie sich herausstellte, war das eine komplette Lüge. Und schließlich hat er vieles eingestanden, und das war die Basis, warum ich nicht nur ein Buch über eine reiche Familie schreiben wollte.

Ihr Buch ist in England und Spanien erschienen, warum nicht in Deutschland?

Es gibt die lächerlichsten Gründe, warum man mich in Deutschland nicht ernst nehmen will. Einer davon ist, dass ich auf dem Autorenfoto eine Sonnenbrille trage. Jemand hat tatsächlich behauptet, dass man mir deshalb nicht trauen könne.

Man hält Sie für einen "Boulevardjournalisten", wie gehen Sie damit um?

Gar nicht. Wenn man mich für einen Boulevardjournalisten hält, den man nicht ernst nehmen müsse, weil er gerne Sonnenbrillen trägt und mit Heini Thyssen Rotwein getrunken hat, na dann, dann viel Spaß! Die Frankfurter Allgemeine ist anderer Meinung, ebenso The Independent oder The Times Literary Supplement. Ich war ein glücklicher Boulevardjournalist, und als ich Heini Thyssen kennen lernte, war der ein ziemlicher Playboy, fünfmal verheiratet, der alles nur Erdenkliche tat, um sich von Deutschland zu distanzieren. Genauso wie der Rest der Familie. Wenn ich ein klassischer Historiker ohne Sonnenbrille gewesen wäre, wäre mein Buch überhaupt nicht entstanden. Ich habe mich mit ihnen betrunken, war auf ihren Partys und habe nächtelang mit Heini über seine Familie geredet. 60 Jahre lang haben sie einfach alles auf Fritz Thyssen geschoben, und die deutschen Verlage und Medien haben das größtenteils akzeptiert.

Und welche Konsequenzen ziehen Sie ganz persönlich daraus?

Ich würde gerne sehen, dass die Thyssens - und das schließt für mich die Thyssen AG, jetzt Thyssen-Krupp mit ein - etwas tun für den Ort Rechnitz. Ich denke, es ist ihre Verantwortung. Darum geht es. Zuzugeben, was passiert ist, und zurückzugehen an genau diesen Ort und etwas für den Verlust der Seele dieses Ortes zu tun. Damit meine ich das Schloss, Rechnitz war ja wie eine Garnisonstadt, sie hatten nichts anderes. Die Thyssens sollten etwas tun. Sie sollten für eine Entschädigung sorgen.

Mit wem, meinen Sie, sollte man darüber sprechen?

Ich würde mit dem Chef der Thyssen AG sprechen, da würde ich anfangen. Und wenn er sagt, dass sie nichts mit der Sache zu tun haben, dann lügt er. Die Thyssens waren die Gründer der Thyssen AG und sie besitzen die Nachlässe der Familien in ihren Archiven. Sie haben Leute, die gut unterrichtet sind von dem, was los war. Und was die noch lebenden Familienmitglieder betrifft. Ich finde, Francesca als Erzherzogin von Österreich sollte zumindest ein Statement abgeben. Dies nicht zu tun als eine, die sich als Erzherzogin des Landes ausgibt, ist ein bisschen da fehlen mir die Worte.

INTERVIEW: ANNETTE BRÜGGEMANN

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de