Doku-Filmfest Leipzig

Gestorben wird überall

Infiziert mit Traurigkeit: Auf kaum einem anderen Festival verweben sich Gespräche und Filme so dicht, wie auf dem Dokumentarfilmfest Leipzig.

"The Future" lief in der Reihe "Anima - Question of Life". Bild: dok-leipzig

Seltsam war zu spüren, wie die Zeit vergangen ist, schon bei der Eröffnung des 50. Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm in Leipzig. Das Pathos ist verschwunden, mit dem der Dokumentarfilm viele Jahre in den politischen Eröffnungsreden gefeiert und seine vermeintliche Wahrhaftigkeit der feindlichen, entfremdenden Bewusstseinsindustrie gegenübergestellt wurde. Man ist sachlicher geworden und begegnet recht profanen Problemen: "Nach Jahren der Kostensteigerungen bei stagnierendem Budget können wir das Erreichte mit den bisherigen Mitteln nicht mehr halten", so Festivaldirektor Claas Danielsen. Punkt.

Eine Ausstellung und eine klug zusammengestellte Retrospektive erinnerten an die ambivalente DDR-Geschichte des Festivals. Anfangs war das älteste Dokumentarfilmfestival der Welt gesamtdeutsch. Der Tierfilmer Heinz Sielmann gewann einen der ersten Preise. Ideologische verhärtete man sich zu Zeiten des Kalten Krieges. Es gab seltsame Bündnisse Ende der Sechzigerjahre, als westdeutsche Filmemacher etwa "Jimi Hendrix at Altamont" konspirativ nach Leipzig brachten.

Der Pragmatismus, mit dem Claas Danielsen seit ein paar Jahren versucht, das Festival auch als Branchentreffpunkt zu positionieren, stieß manche zunächst vor den Kopf. Doch nicht nur die stetig steigenden Zuschauerzahlen, sondern auch die Branchenvertreter geben ihm recht.

Mir scheint das Festival, dessen Gast ich seit Mitte der 90er-Jahre bin, ein wunderbares System, in dem ernst gemeinte Filme aus aller Welt, Filmemacher, Gäste, Publikum und Organisatoren sechs Tage lang intensiv über Welt und Darstellung miteinander kommunizieren. Dieses System funktioniert so gut, weil das Festival überschaubar ist.

Die Geschichte des Filmesehens entwickelt sich, halb zufällig, wie in einem guten Gespräch. Irgendwie war ich wohl mit dem kanadischen Filmemacher Darryl Miller ins Gespräch gekommen, weil wir beide darunter litten, so schlecht angezogen zu sein. Seine Jogginghose war dreckig, weil er gerade am Rande eines tschechischen Filmfestivals überfallen worden war; ich hatte mich aus Unachtsamkeit bescheuert angezogen. So kamen wir ins Gespräch, und ich ging dann in seinen Film "Dark One".

Das ist ein schwieriger psychedelischer Film auf der Höhe der Technik. Es geht um den heroinsüchtigen Dichter Dan Bilohar, der mit seiner Mutter, die in Auschwitz war, zusammenlebt; und es geht um die Realitätsschocks der Geschichte der Mutter, die die halluzinatorischen Künstlichkeiten unterbrechen. Alles ist infiziert von Millers eigener Drogengeschichte; anstrengend, teils verschwommen dokumentarisch, teils radikal psychedelisch. Oft brennen die Bilder. Am Rande schubst ein kleiner Vogel immer wieder kleine Blechschalen vom Küchenschrank herunter; ein enervierendes Scheppern in Schwarzweiß.

Durch Millers Film war ich auf eine dunkle Schiene gekommen: In dem acht Minuten langen Film "Jean Paul" von Francesco Uboldi stirbt ein Mann. Er wurde von seiner Familie und aus seinem Dorf in Kamerun verstoßen. Der Filmemacher erfährt zufällig von der Geschichte, die viel mit Aberglauben zu tun hat, und wird zu dem an einen Baum geketteten Mann gebracht und filmt. Das Gesicht des Sterbenden sieht schön aus. Vier Stunden nach den Aufnahmen stirbt Jean Paul.

Man warf dem Filmemacher vor, nicht geholfen zu haben; er antwortet glaubhaft, dass er dazu keine Möglichkeit gehabt hätte. Es sei ihm darum gegangen, irgendwie, dem Sterbenden ein Andenken zu geben; auch dass er auf schockierende Einstellungen, wie die Insekten an den wunden Gelenken des Sterbenden fressen, verzichtet hätte.

Auch in der 100 Minuten langen, äußerst beeindruckenden Dokumentation des britischen Pioniers des Reality TV, Paul Watson, sterben zwei Menschen. "Rain in my heart" begleitet vier Patienten einer Alkoholentzugsstation. Die Szenen sind kaum erträglich, in denen der Filmemacher die Patienten bei ihren Rückfällen filmt; die Position des Regisseurs wird brüchig. Für die Frau, deren Mann gerade stirbt, ist die begleitende Kamera ein Freund. Der Film führt drastisch die Dysfunktionalität des staatlichen Gesundheitssystems vor Augen.

In "Nothing to be scared of" von Malgorzata Szumowska ist dagegen fast heiter vom Sterben die Rede. Alte masurische Bauern sitzen auf Bänken vor ihren Häusern und erzählen, wie man Sterbenden hilft auf ihrem letzten Weg, wie man mit Leichen umgeht. Eingebettet in Traditionen und dörfliche Gemeinschaften scheint der Tod noch ganz selbstverständlich zum Leben zu gehören und ohne Schrecken zu sein.

Natürlich gabs auch anderes: die neuen, schönen Filme von Gerd Kroske, Hartmut Bitomsky, Volker Koepp oder Thomas Heise. Wunderbar war Sandra Prechtels und Sascha Hilperts Porträt eines großen, zu DDR-Zeiten in Ungnade gefallenen Radsportlers, "Sportsfreund Lötzsch", und schlicht großartig der Erstlingsfilm der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie, "Dont get me wrong". Er spielt in der Psychiatrie. Zwei der Helden sind schizophren. Der eine, ein anmutiger, höflicher Herr, hat die Fähigkeit, sich mit Gott zu unterhalten; der andere ist davon überzeugt, Regen stoppen zu können. Täglich gehen die beiden über das Gelände der Psychiatrie und streiten sich mit größter Höflichkeit: "Verstehen Sie mich nicht falsch, aber " DETLEF KUHLBRODT

 

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