Vatikan macht aus Franco-Anhängern Märtyrer

Selig sind Spaniens Franquisten

Die Katholische Kirche spricht rund 500 Märtyrer aus dem spanischen Bürgerkrieg selig - allesamt Unterstützer des Putschgenerals und späteren Diktators Franco.

Keiner der "Märtyrer" ist ein Opfer Francos. Bild: dpa

MADRID taz Spaniens Klerus will Kirchengeschichte schreiben. Am Sonntag werden 498 spanische "Märtyrer des 20. Jahrhunderts" bei einer Zeremonie auf dem Petersplatz in Rom seliggesprochen. Sie alle sind Opfer "der größten Verfolgung von Gläubigen im vergangenen Jahrhundert". Die Rede ist vom spanischen Bürgerkrieg. Doch die Seligsprechung, an der Papst Benedikt XVI und über 70 spanische Bischöfe teilnehmen werden, hat einen Schönheitsfehler: Alle Märtyrer unterstützten den Putschisten und späteren Diktator General Francisco Franco und wurden von linken Milizen umgebracht, die die verfassungsmäßige Ordnung der Zweiten Republik verteidigten. Priester, die den Faschisten zum Opfer fielen, stehen nicht auf der Liste der Seligen.

"Die Kirche zeigt einmal mehr, dass sie nicht in der Lage ist, ihren Standpunkt von vor 70 Jahren zu revidieren", beschweren sich deshalb die im Red Cristiana - Christliches Netzwerk - zusammengefassten 147 katholischen Gruppen. Die Kirche vergesse die Hundetausende Opfer der Franco-Truppen in den Kriegsjahren von 1936 bis 1939 und der auf den Sieg der Generäle folgenden Repression.

Das Netzwerk, zu dem unter anderem die Kirche von Unten sowie kirchliche Arbeiter- und Frauengruppen gehören, verlangt von Spaniens Amtskirche eine "Entschuldigung für alles was passiert ist." Sie erinnern in ihrem Manifest mit dem Titel "Solidarität mit allen Opfern des Bürgerkrieges" daran, dass sich die spanische katholische Kirche von Kriegsbeginn an hinter die faschistischen Generäle gestellt hatte.

Einen schlechten Ruf haben die Kirche und ihre Vertreter in Spanien von jeher. Nirgends hatte die Inquisition so gewütet wie auf der iberischen Halbinsel, wo sie erst Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft wurde. Und nirgends hat sich die Kirche immer so eindeutig an die Seite der Mächtigen und Reichen gestellt wie hier. Im Krieg und Diktatur stellte sich die Kirche einmal mehr hinter die Mächtigen. Spanien wurde ganz offiziell "zur spirituellen Reserve des Okzidents".

In den Ausschreitungen gegen kirchliche Einrichtungen und deren Vertreter machte sich die jahrhundertelang aufgestaute Wut Luft. Über 10.000 Märtyrer zählen Spaniens Bischöfe. 6.832 zählen unabhängige Quellen. Der Seligsprechung vom Sonntag sollen schon bald weitere folgen. Über 2.000 Akten wurden bereits von den zuständigen Stellen vorbereitet.

Auch aus Intellektuellen Kreisen werde Stimmen gegen die Zeremonie laut. "Die Kirche tat nichts, um die tausenden von Morden unter Franco zu verhindern", erklärt der Geschichtsproffesor der Universität Zaragoza, Julián Casanova. "Auf beiden Seiten wurden schreckliche Taten begangen, und der Mensch stellte einmal mehr seine Kondition als Homo sapiens in Frage. Vor diesem Hintergrund wäre von der Kirche etwas mehr Gespür und geschichtliche Genauigkeit zu erwarten", verlangt dieSchriftstellerin Julia Otxoa.

Die Bischöfe stört all diese Kritik nicht. Sie suchen gezielt den Streit. So ist das für die Seligsprechung ausgewählte Datum wohl kaum ein Zufall. Denn am 28. Oktober vor 25 Jahren gewannen in Spaniens junger Nach-Franco Demokratie die Sozialisten erstmals die Wahlen. Und die Pressekonferenz, bei der die Bischöfe die Seligsprechung vorstellten, wurde an dem Tag abgehalten, an dem die sozialistische Regierung ein Gesetz zum "Historischen Gedenken" ankündigte, mit dessen Hilfe die Opfer der Repression rehabilitiert und Franco-Denkmäler entsorgt werden sollen. "Das Gesetz reißt alte Wunden wieder auf", beschwert sich die Bischofskonferenz. Die Seligsprechung hingegen sei "ein Fest des Glaubens, das sich gegen niemanden richtet." .

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de