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Ein BH macht sich als Muschel gut

Wunschtraum und Wirklichkeit treffen sich auf Augenhöhe. Drei Filme der feministischen Filmpionierin Germaine Dulac erscheinen auf DVD.

Sie sei eine Kuh, soll Antonin Artaud ausgerufen haben, in einer anderen Version der Anekdote war es André Breton. Versammelt waren die Surrealisten, um den nach Artauds Drehbuch entstandenen Film "Die Muschel und der Kleriker" zu sehen. Beschimpft wurde Germaine Dulac, seine Regisseurin. Mit der "visuellen Komposition" (so heißt es im Vorspann), die Dulac aus Artauds Drehbuch entwickelt hatte, war dieser überhaupt nicht einverstanden. Die Uraufführung von "Die Muschel und der Kleriker" wurde, so will es jedenfalls die Legende, abgebrochen. Bald darauf entstand Luis Buñuels "Ein andalusischer Hund", dessen Ruhm bis heute Dulacs Film, der als erstes Kinowerk des Surrealismus gilt, überschattet.

Mag sein, dass Dulac, die feministische Aktivistin, mit Artauds Zentralfigur wenig anfangen konnte (oder wollte), einem Geistlichen (Alex Allin - ursprünglich wollte Artaud ihn selber spielen), der hündisch durch Straßen kriecht, von einem hoch dekorierten Militär verfolgt wird, diesen selber in Zeitlupe in einen Beichtstuhl verfolgt, als Priester im Ornat imaginiert, um ihm dann - Dulacs Einsatz des Trickfilmreservoirs ihrer Zeit ist durchaus virtuos - den Schädel zu spalten. In einer späteren Szene reißt der Geistliche einer eifersüchtig verfolgten Frau den BH vom Körper, der sich, durch den Raum schwebend, zur Muschel des Titels verselbständigt. Die britische Zensur stellte im Jahr 1929 fest: "Dieser Film ist offenbar sinnlos, wenn er aber irgendeinen Sinn hat, ist dieser gewiss anstößig", und verbot die Aufführung.

Auf den ersten Blick lag die Zusammenarbeit des Theater- und Filmtheoretikers Antonin Artaud und der feministischen Kritikerin, Theoretikerin und Filmemacherin Dulac nahe. Beide gehörten zu den wichtigsten Vorkämpfern einer radikalen Abkehr vom konventionellen Erzählkino ihrer Zeit. Dulac wandte sich scharf gegen alle oberflächlichen Realismen und suchte eine eigene Filmsprache für eine "Kunst des Moments, der visuellen Rhythmen des Lebens und der Fantasie". Diese Form eines "reinen", sich als Gegensatz zum Theater begreifenden Kinos war Artaud aber zu zahm. Einzig sein Drehbuch zu "Die Muschel und der Kleriker" wurde verfilmt, in der Theorie forderte er ein Kino, das die Filmzuschauer auf dem Weg über das Unbewusste attackiert und mit schockierenden Bildern und Schnitten aus allen Erwartungshaltungen und Erfahrungsgewohnheiten reißt. Die Dulac-Forscherin Wendy Dozoretz sieht in "Die Muschel und der Kleriker" das "einzigartige Produkt der Zusammenarbeit zweier ungleicher Geister".

Sehr viel mehr aus einem Guss sind dagegen die beiden anderen Filme der DVD, das Ehe-Entfremdungs-Melodram mit beinahe mörderischem Ausgang "Das Lächeln der Mme Beudet" (1922) und mehr noch "Die Einladung zur Reise" (1927). Letzterer ist von einem Baudelaire-Gedicht inspiriert, entstand aber nach eigenem Drehbuch Dulacs. Sie verzichtet auf Zwischentitel und beschränkt sich fast vollständig auf einen einzigen Raum, eine offenkundig aus bemalten Kulissen gebaute Bar. Eine Frau (Emma Gynt) sucht diese auf, in der Hoffnung auf Zerstreuung, womöglich sogar eine Affäre. Nach anfänglicher Unsicherheit beginnt sie, mit einem Seemann zu flirten und ins Bar-Setting schleichen sich Seefahrt-Imaginationen, die Dulac in Überblendungen und Montagen beinahe nahtlos als filmische Quasi-Realität in die Szenerie einbindet. Aus der Affäre wird freilich nichts: Der Seemann, mit dem die Frau flirtet, wendet sich beim Anblick des Eherings und eines Medaillons mit dem Bild der Tochter ab und weniger gebundenen Frauen zu.

Was Dulac in "Die Einladung zur Reise" aber erfolgreich entfaltet, ist eine Poesie der Ununterschiedenheit. In den Bildern des Films treffen sich Wunschtraum und Wirklichkeit auf Augenhöhe der Träumenden, mit deren Blick und Begehren sich Dulac radikal solidarisiert. "Einladung zur Reise" ist eine weibliche Ermächtigungsfantasie, die aber, da die Verhältnisse nicht nach weiblicher Selbstermächtigung sind, der Fülle der Imagination zum Trotz ins Leere läuft.

Die DVD ist für rund 20 Euro im Handel erhältlich

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