Armee-Roman

Ein Fick geht immer

Die Lust an der Grenzüberschreitung ist nicht immer emanzipativ. In "Das Mädchenschiff" erzählt Michal Zamir von Sex und Ausweglosigkeit in der israelischen Armee.

Zorn über die weibliche Borniertheit in kurzen ruppigen Aussagesätzen aufs Papier gerotzt: Michal Zamirs "Mädchenschif". Bild: marebuch

Sex, viel Sex ist in der israelischen Armee kein Problem. Für Frauen nicht, für Männer nicht. Im Gegenteil. Das, was das Militär massenhaft zur Verfügung stellt, sind gelangweilte Körper, Körper in der Warteschleife - ein Fick geht da immer. Und wenn Ideenlosigkeit ohnehin zum Tagesgeschäft gehört, wenn Routine alles ist, dann bietet es sich aus weiblicher Perspektive ja bereits seit Jahrhunderten und länderübergreifend an, den vermeintlich ewig bereiten Mann in den Mittelpunkt der eigenen Vorstellungswelt zu stellen. Genau um dieses Subjekt Mann - alle anderen werden als "weichlich" abqualifiziert - dreht sich auch die verschreckend karge Welt der Rekrutin Michelle, die eine Schnittmenge aus Militärdienst und biederem Elternhaus bildet. Dort bügelt ihre Mutter dem Vater fünf Hemden, während dieser - nach dem Abendessen - mit seiner Geliebten telefoniert. Weiblicher Masochismus als Selbstermächtigung. Mutter wird bleiben. Der Unterschied zwischen patriarchaler Kleinfamilie und Militär ist kleiner als gewünscht.

Der Roman "Das Mädchenschiff" von Michal Zamir setzt bei der fünften Ausschabung Michelles ein. Noch ein Jahr bis zur Entlassung, noch zwei Jahre, dann ist die Ex-Gymnasiastin zwanzig Jahre alt. Bis dahin: "Gemeinschaftsduschen, schäumendes Shampoo, Austausch von Make-up und Lippenstift, Parfümwolken, Tangas und weiße Büstenhalter, Trainingsanzüge und Pantoffeln, ein langer Takt Stille, und alles beginnt zu schwanken. Das Mädchenschiff sticht in See." Früher Abend im Mädchentrakt, Aufbruchsstimmung, Landschulheim - am Ende stehen zahllose ungewollte Schwangerschaften. Auch sie sind im Prinzip kein Problem: "Als Erstes sagst du, der Vater sei Araber, hörst du? Araber!", schärft ihr die Truppenvorsteherin ein. Als Zweites, dass es eine Vergewaltigung war. Das Militär übernimmt dann bis zum einschließlich dritten Mal die Kosten. Anschließend ist es ratsam, unter den möglichen Vätern einen zahlungskräftigen auszumachen. Private Abtreibungen kosten 2.000 Schekel. Für die meisten Mädchen ist das zu viel.

Michelles Geschichte beschreibt das trübe Grauen mädchenhafter Orientierungslosigkeit, das mit dem Selbstverkauf an den sexinteressierten Mann ein Befreiungsschlag gegen das bigotte Elternhaus landen möchte. Und es beschreibt die Gegenwelt oder das Gegenmodell zu dem diesjährigen Sommerhit in Sachen Wir-feiern-Weiblichkeit von Quentin Tarantino. Und das, obwohl es den Protagonistinnen in beiden Szenarien um nichts anderes als ein Mehr an Spaß, dem Ausreizen von Grenzen, um die Lust am Grenzübertritt geht - letztlich also um das Wegtreten einer Moral, die insbesondere Frauen qua Frausein von ihrem Genießen ablenkt.

Doch in "Death Proof" wird ein vollkommen anderes Konzept von weiblichem Exhibitionismus vorgeschlagen, als Michelle ihn lebt. Während sie nicht Nein sagen kann und daher zu jedem, der vorbeikommt, Ja sagt, ziehen es die Stuntdamen Zoe und Kim vor, mit schnellen, gut aussehenden Autos zu vögeln. Erotik heißt für sie, sich an sich selbst zu verschwenden, gemeinhin unter Zuhilfenahme eines Warenfetischs. Das Ersatzobjekt Auto, verschränkt mit der vom Kino stets belebten Idee, dass Selbstgefährdung die größtmögliche individuelle Freiheit absteckt, bringt ihnen Spaß. Als quasi vorbereitende Maßnahme werden Frauen, auch Freundinnen, die ihre Lust an den Signifikanten Mann knüpfen, diesem ohne einen Wimpernschlag zum Fraß vorgeworfen. Eine Beschäftigung mit ihnen lohnt nicht, denn diese Damen verhindern, sind lästige Barrieren. Wozu auch zögern: Hey, wir leben im 21. Jahrhundert! "Story Alder!"; die Geschichte ist bekannt.

Dieser Spaß ist nun genau das, was Michelle nicht nur nicht hat, sondern auch überhaupt nicht kennt. Freundinnen hat sie sowieso keine. Ihr Konzept von Selbstermächtigung ist der an männliche Aufmerksamkeit gebundene Selbstbetrug: Ungezwungen stellt sie sich den zumeist offen gleichgültigen Herren zur Verfügung. Ihre Erregung ist eine geliehene - der mehr oder weniger selbstbewussten Ungehemmtheit ihrer flüchtigen Partner entlehnt. Das, was sie wirklich toll findet, sind nicht die Männer - vom Sex nicht zu reden - , sondern die Naherfahrung von "Ich nehme mir, was ich haben will". Momentweise Teil dieser Haltung geworden zu sein, übertüncht momentweise ihre eigene Hilflosigkeit. Das scheint den Rest an "Ekligem" wert. Denn für eine eigene Vorstellung von Lust fehlt Michelle nicht nur das Vokabular, sondern auch jede Grammatik. Sie versucht sich zu behelfen, indem sie ihre Familienverhältnisse analysiert. Eine beliebte Technik im Mädchenuniversum. Hier hilft sie nicht weiter.

Michelle ist in ihrer Selbstauslieferung, in ihrer Sorge um die Gewichtszunahme und den fleckenfreien Samowar ein trübes Ergebnis von durchgesetzten patriarchalen Denkgeboten. Sie verkörpert die krasse Ausdünnung der Vorstellungskraft: Selbstermächtigung, ja selbst Spaß ohne Selbsterniedrigung liegt außerhalb des je Gedachten. Auch Kondome gehen nicht, denn dann wäre das Risiko zu klein, die ganze Sexaktion würde sich, kommt sich Michelle einmal freimütig selbst auf die Schliche, nicht mehr authentisch anfühlen. Die Resultate ihrer unterlassenen Selbstbehauptung - Schwangerschaft, Abtreibung, die Angst, unfruchtbar zu werden, also dauerhaft aus der Normalität auszuscheiden - rauben Michelle jedes Gleichgewicht. Im Mädchenschiff schwankt alles, heißt es an einer Stelle. Denn Michelle ist mehr Stereotyp als Einzelfall. Aber das Schwanken lullt auch in den Schlaf, fügt die Ich-Erzählerin unbarmherzig hinzu.

"Das Mädchenschiff" ist eine Abrechnung mit einer typisch weiblichen und international anzutreffenden Form, Verantwortung zurückzuweisen. Eine Flucht, die vorbereitet wird durch das maternale Gebot, sich reinzufinden und dazubleiben und Solidarität, wann immer sie nötig wäre, mit dem Hinweis auf das eigene, solitäre, Opfersein zu verweigern: "Mutter versteht die Dinge immer besser, schweigt aber immer. () Sie weiß, dass sie Vater nicht erlauben dürfte, Etti das Leben kaputtzumachen. Aber ihr fehlt die Kraft zum Streiten. Sollen sie allein klarkommen, sind ja groß, die Kinder." Um einzuschreiten, um zu streiten, müsste man aufwachen - wäre dann aber nicht mehr nur Leidtragende. Wie anstrengend. Die Tochter - das ist das Tragische - wandelt beinahe unbeirrt, sie ist aber auch erst 18 Jahre alt, auf den Spuren der gehassten Mutter.

Michal Zamir rotzt ihren Zorn über die weibliche Borniertheit in kurzen ruppigen Aussagesätzen aufs Papier. Oder besser: Sie kotzt ihn aus; der ewig ungewollt Schwangeren ist schließlich auch ständig übel. Beinahe auf jeder Seite spricht die Ich-Erzählerin aus, was gesellschaftliche Tabus ihrer Hauptfigur versagen: Ausschabung, Ausschabung, Ausschabung, die fünfte! Dass der Roman in Israel und der Parallelwelt Militärdienst spielt, ist dabei nur bedingt von Bedeutung. Sich allzu sehr auf diesen Umstand zu konzentrieren, würde bedeuten, das Phänomen zu exotisieren. Denn die beschriebenen weiblichen Unterwerfungsgesten finden sich ebenso in der Institution Familie wie in anderen, weniger militarisierten Gesellschaften - mit dem Unterschied, dass die Abgeschnittenheit der Armeecamps zu einer Ballung des Problems führen. Es folglich leichter illustrieren.

Was dem Roman jedoch fehlt, ist ein Hinausgehen über die traurige Bestandsaufnahme. Die Differenz zwischen dem Denken der heillos und auch nachvollziehbar überforderten 18-Jährigen und der Erzählweise der 1964 geborenen Michal Zamir fällt zu gering aus. Es fehlt ein Einholen der Denkverbote durch die Konfrontation mit dem, was sie ausschließen. Etwa durch eine weniger plakative Sprache, etwa durch einen etwas überraschenderen Aufbau des Romans; Zwischentöne wären auch mal schön. Stattdessen: die gleichen Denk- und Erzählmuster, die gleichen Wörter, immer und immer wieder: Ausschabung, Ausschabung. Mit dieser auch formalen Entscheidung aber benennt Zamir nicht nur die Effekte von autoritären Strukturen, sie reproduziert sie auch. Alles endet beim Signifikanten Mann.

Tarantinos Film ist - bemühen wir diesen Vergleich noch einmal - in dieser Hinsicht weit emanzipierter. Denn er umreißt den Kampf der Machos (gespielt von Kurt Russell) gegen ein weibliches, selbstgenügsames Genießen und dessen strukturellen Rückhalt in der Gesellschaft, aber lässt diesem keinen übermäßig großen Raum. Dabei setzt nicht nur das weibliche Bein dem maskulinen Größenwahn ein Ende - etwa indem es die Technik des Cancan nutzend, einem Fallbeil gleich auf den Adamsapfel des Widersachers niedersaust. Sondern der ganze Film zelebriert, wie viel freudvolle Bewegungsfreiheit ein Alltag lässt - selbst für die (wenn auch zauberhaft geilen) Durchschnittsschicksen -, wenn er sich nicht auf den männlichen Erlöser hin entwirft. Sondern die Damen sich einfach mal ernst nehmen und sich für die eigene Vergnügung die passenden Spielzeuge besorgen.

Michal Zamir: "Das Mädchenschiff". Übersetzt von Ruth Achlama. Mare Verlag 2007. 220 Seiten, 22 Euro

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leitet seit August 2015 das Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll-Stiftung.   Mich interessiert, wer in unserer Gesellschaft ausgeschlossen und wer privilegiert wird - und mit welcher kollektiven Begründung.   Themenschwerpunkte: Feminismus, Männlichkeitsentwürfe, Syrien, Geflüchtete ,TV-Serien.   Promotion in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft zu: "Der Mann in der Krise - oder: Konservative Kapitalismuskritik im kulturellen Mainstream" (transcript 2008).   Seit 2010 Lehrauftrag an der Universität St. Gallen.

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