Nach dem Luftkampf in die Hütt’n

HISTORISCH In „Into the White“ versucht Petter Naess die wahre Geschichte von deutschen und britischen Kampfpiloten zu dramatisieren, die sich 1940 über Norwegen gegenseitig abschossen und in einer Schutzhütte zusammenraufen mussten

Als Frank Capra 1937 für seinen Film „Lost Horizon“ einen spektakulären Flugzeugabsturz im Himalaja inszenieren musste, war ihm klar, worauf es ankam: „Das Eis, der Schnee, die Berge, die Stürme und vor allem die Kälte durften nicht vorgetäuscht sein. Man musste den Atem der Schauspieler sehen“, erzählte er in seiner Autobiografie. Und so drehte er mitten im sonnigen Hollywood die entsprechenden Szenen in einem Kühlhaus bei einer Temperatur von minus 12 Grad. Heute kann solch eine realistische Wirkung mit weniger Aufwand erzieht werden, indem entweder an Originalschauplätzen gedreht oder der Kondensatem der Schauspieler digital einfügt wird. Aber um all dies scheint sich Petter Naess keine Gedanken gemacht haben. Und so beginnt sein Film „Into the White“ zwar auch mit einem Flugzeugabsturz in einer Eislandschaft. Aber in keinem Moment glaubt man, dass diesen Menschen tatsächlich kalt ist. Allen ist augenscheinlich mollig warm in ihrer dicken Winterkleidung und sie bemühen sich nicht einmal, auch nur halbwegs verfroren auszusehen – von den Atemwolken ganz zu schweigen.

Und damit fehlt dem Film die dramatische Dringlichkeit, die ein Publikum von der ersten Einstellung an in solch eine Geschichte hineinziehen sollte. Denn hier wird ein zugleich hochdramatisches und wahres Vorkommnis aus dem zweiten Weltkrieg nacherzählt. 1940 wurde die Schlacht um Norwegen auch in der Luft ausgetragen und so kam es dazu, dass sich ein deutsches und ein britisches Kampfflugzeug gegenseitig abschossen. Die Überlebenden beider Mannschaften waren in der winterlichen Eiswildnis verschollen und schlugen sich unabhängig voneinander zu einer abgelegenen Schutzhütte durch. Drei Deutsche und zwei Briten bekriegten sich dort zuerst auf engstem Raum, sie nahmen sich zeitweilig gegenseitig gefangen, versuchten einander zu unterwerfen und zu überlisten, aber mit der Zeit wurde ihnen klar, dass sie nur gemeinsam eine Chance zum Überleben hatten. Doch während sich bei ihnen unter dem Druck Solidarität und Freundschaften entwickelten, schickten die norwegischen Truppen einen Rettungstrupp aus, für den die einen Mitkämpfer und die anderen feindliche Soldaten sind.

Der größte Teil des Film spielt sich in der Schutzhütte ab, so dass dies im Grunde eher ein Kammer – oder besser Hüttenspiel ist. Hier ziehen die gegnerischen Parteien einen Grenzstrich, um den engen Raum in ein deutsches und ein britisches Gebiet zu teilen, hier fällt die einzige Schutzwaffe zuerst den Deutschen und dann den Briten in die Hand, hier sind sie wegen des schlechten Wetters gefangen, und die Essensvorräte gehen zur Neige. Doch all diese dramatischen Verwicklungen entwickeln sich seltsam mechanisch und vorhersehbar.

Gerade bei dem Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Petter Naess überrascht dies, denn er wurde durch seinen 2001 für den Oscar nominierten Spielfilm „Elling“ bekannt, und dort war er immer ganz nah an seinen Figuren geblieben, die er so lebendig, eigenwillig und komplex zeichnete, dass man etwa den Titelhelden schon bei der Nennung des Films auch jetzt noch sofort vor Augen hat. Bei „Into the White“ hat Naess dagegen nicht mit Charakteren, sondern mit Typen gearbeitet, und diese sind dann entsprechend eher Funktionsträger als Menschen, für die man ein Interesse entwickelt.

Florian Lucas gibt einen schnittigen deutschen Leutnant, der glaubt, jede Situation unter Kontrolle haben zu müssen. David Kross ist ein überzeugter Jungnazi, der ständig aus Hitlers „Mein Kampf“ zitiert und die Feinde am liebsten sofort vernichten würde und Stig Henrik Hoff ist als Feldwebel ein proletarischer Soldat mit dicken Muskeln und Landserhumor. Auf der britischen Seite gibt Lachlan Nieboer als der Pilot einen kultivierten und immer ironischen Gentleman und Rupert Grint einen jungen Rebellen aus den Arbeitervierteln Liverpools. In seiner ersten Rolle nach der Harry-Potter- Serie ist er eindeutig als der Sympathieträger eingesetzt, doch auch seine Figur bleibt diffus, so dass bei ihm immer noch der Ron Weasley durchscheint. Die Geschichte dieser fünf Menschen mag ja wahr sein, aber gut erzählt ist sie nicht.