Boxkampfgespräche

Femininer Boxenstopp

Im Maritim-Hotel gewann Natascha Ragosina ihren vierten WM-Gürtel - und der Autor bemerkenswerte Erkenntnisse.

Udo Walz stylt Natascha Ragosina vor ihrem Boxkampf gegen Gardy Pena Bild: DPA

Rolf Zacher ist ein Mann von Welt - und ein Fan. Mit "Mein Täubchen" auf Russisch verabschiedete er sich von Natascha Ragosina, der souveränen Siegerin im Kampf um den WIBA-Gürtel. Zuvor hatte "die Zarin" in 1.41 Minuten ihrer Gegnerin den technischen K.O. beschert. Ragosina, gegen die anzutreten Stefan Raab nicht gewagt hat, gewann damit ihren vierten WM-Titel (nach dem der Verbände WIPBF, WBA und GBU), blieb demzufolge auch in ihrem 15. Profikampf unbesiegt und wartet nun auf die eigentliche Herausforderung: Laila Ali, des großen Alis Tochter. Wir warten mit ihr.

Denn was Ragosinas sympathische Gegnerin Gardy Pena aus der Dominikanischen Republik am Samstag Abend im dreiviertelvollen Maritim Hotel in Tiergarten zu bieten hatte, reichte noch nicht mal für ein anständiges Gemetzel. Gelungen war noch ihr tanzender Einzug in den Ring zu fetzigen Salsa-Klängen; wogegen Natascha Ragosinas Auftritt in seiner langweiligen Prolligkeit eher an Wladimir Putins Nackte-Oberkörper-Show beim Tieretöten im Ural erinnerte. Passend dazu trug Ragosina einen Zobel für 25.000 Euro - es war diese Information, die einen dann doch nicht vergessen ließ, dass das DSF den Fight live übertrug. "Hier ist Berlin" - mehr Motivationssprüche hatten seine Mitarbeiter dem DSF-Moderator nicht mitgegeben, aber hier war nur Tiergarten, hier war Maritim-Hotel, und einen Stock weiter oben feierten Herr und Frau Schulze Silberhochzeit.

Der eigentliche Kampf ähnelte dem Forellenfischen mit Erfolgsgarantie aus dem Bassin. Schon nach der ersten Runde war klar, dass die zwei Kopf kleinere - Ragosina ist mal 1,81 (Presseinfo), mal 1,84 Meter (Management) groß - und noch dazu pummelige Pena entweder aufgeben oder sich opfern würde. Sehr vernünftigerweise gab sie auf, Mitte der 2. Runde, nachdem sie erfolglos versucht hatte, wenigstens die Bauchmuskeln der ganz in Weiß angetretenen "Zarin" zu testen. Ragosina sagte dann noch viel auf Russisch, dazwischen immer "Danke schön sehr, liebes Publikum." "Sehr graziös, aber mit Bumms", hatte Manager Ulf Steinfort ihren Stil vorab beschrieben, und da hatte er recht.

Damit war nicht nur der gemütliche Teil des Abends eingeläutet - wir gingen in den VIP-Bereich und lernten den bezaubernden Rolf Zacher kennen -, sondern auch eine Versuchsanordnung gescheitert. Der Versuchsansatz war: Wie würde eine Frau, die dem Postfeminismus eher kritisch gegenübersteht, die also Soldatinnen im Kampfeinsatz genauso daneben findet wie Porno als Trash-Variante der Emanzipation, wie würde eine solche, eben: meine Frau, einen auf zehn Runden angesetzten Schlagabtausch zweier Geschlechtsgenossinnen bewerten.

"Macht man das bei Männern auch, diese Stylingscheiße?" lautete der kritische Einwurf vorab, als sich das Expertengespräch vor allem um die Ragosina von Starfriseur Udo Walz verpasste neue Frisur zu drehen begann. Mit "Oh ist das schrecklich, gleich hauen sie sich auf's Maul", wurde der Startgong kommentiert; es folgte ein abwartendes "Kuck dir das an", das schließlich in "Hast du das gesehen, die hat kein Gramm Fett auf den Rippen" mündete, womit selbstverständlich "die Zarin" gemeint war. "Ich krieg zu viel" (30 Sekunden), "Ich find's überhaupt nicht schlimm, was hier passiert" (50), "Wie ne Maschine wie Lara Croft" (Beginn 2. Runde), "aiaiai" (es ging dem Ende zu), "Die ist nett" (Gürtelübergabe durch den Russischen Botschafter).

Im VIP-Bereich sprachen wir dann viel über plastische Chirurgie in Russland und über das Für und Wider von achtjährigen Mädchen beim Boxen generell und in Nuttenfetzchen gekleidet im besonderen, bis wir den wirklich sehr netten Rolf Zacher kennenlernten. Als einer der "zahlreichen Promis" vorab vom DSF interviewt, hatte er der Dominikanerin drei Runden gegeben. Weitere Prominentenäußerungen gab es nicht, weil Zacher der einzige Promi am Ring war. Er ließ mich seine Bauchmuskeln anfassen - top! - und erzählte mir von seinem neuen Film mit Oskar Roehler.

Meine Frau hörte bei der Pressekonferenz zu. Natascha Ragosina sagte viel auf Russisch und dann nochmal ihr tolles "Danke schön sehr, liebes Publikum." Anschließend kam meine Frau zu mir und Rolf, Rolf machte ihr sehr schöne Komplimente ("einen tollen Mann hast du") - und wir waren alle glücklich. Dann ging Rolf, weil er zuhause noch US Open gucken wollte. Dass er sich von Natascha so charmant verabschiedete, habe ich schon erzählt. Rolf ist eben ein Fan. Wir warten auf Ali. Und dann, versprach meine Frau, schreit sie "Ali, bumaye!"

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