Prostitution

Bordelle machen Bezirksamt an

Der Streit über die Schließung von Wohnungsbordellen geht weiter. Der runde Tisch dazu ist geplatzt. Ein neues Gutachten soll die Gerichte nun bewegen, sich nicht nur juristisch, sondern auch inhaltlich mit der Sache zu befassen.

Nur im Gewerbegebiet hat das älteste Gewerbe kein Problem Bild: Reuters

In Charlottenburg-Wilmersdorf werden weiterhin Bordelle in Wohngebieten geschlossen. Dies bestätigt Klaus-Dieter Gröhler, Baustadtrat des Bezirks. An den Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung vom Juli, der fordert, dass von dem rigiden Kurs abgerückt werde, fühlt er sich nicht gebunden. "Der runde Tisch ist deshalb geplatzt", beklagte am Donnerstag Stefanie Klee vom Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen. BordellbetreiberInnen und Vertreter des Bezirksamtes, Prostituiertenorganisationen und die Polizei hatten dabei nach einer Lösung im Streit über die Schließung der Wohnungsbordelle gesucht.

Vor allem in dem alten Nobelbezirk Westberlins, aber auch in anderen Bezirken werden seit Monaten vermehrt kleine Bordelle von den Bauämtern aufgefordert, sofort ihre Etablissements zu schließen. Begründung: Sie zögen zwangsläufig "milieubedingte Begleiterscheinungen" nach sich, wie Drogenkriminalität und Zuhälterei. Und sie stellten "eine generelle Störung des Wohnumfeldes" dar. Deshalb dürfen Puffs in Wohn- und Wohnmischgebieten nicht angesiedelt sein. So steht es in einem Urteil von 1983, auf das sich alle nachfolgenden Urteile berufen.

Ein halbes Dutzend Bordelle sind allein in Charlottenburg-Wilmersdorf im letzten Jahr deshalb geschlossen worden, bestätigt Gröhler. Manche von ihnen existierten vorher jahrzehntelang unbehelligt. Warum sie nun zumachen müssen, darauf gibt es keine befriedigende Antwort. Unstreitbar fallen die verstärkten Aktivitäten der Bauämter zeitlich mit der Inbetriebnahme des Artemis, des ersten Berliner Großbordells, zusammen.

Berlin und Rostock sind die einzigen deutschen Städte ohne Sperrbezirke. Über das ganze Stadtgebiet verteilt haben sich Prostituierte mit kleinen Wohnungsbordellen selbstständig gemacht. Für Zuhälter ist in Berlin deshalb nicht viel zu holen. Wer die Bordelle jetzt nur noch in Industriegebieten erlaubt, führt auf diesem Weg doch Sperrgebiete ein.

Wo sich Prostitution aber konzentriert, konzentrieren sich auch Verteilungskämpfe. Und selbst die Polizei warnt: Wenn jetzt Bordelle in bestimmten Gebieten geschlossen werden, werde es sie eben versteckt weiter geben. Man schaffe so jene Intransparenz, die dem kriminellen Milieu zuspiele. Zuhälter könnten Nutznießer sein, meint Dirk Mittelstädt von der Berliner Fachdienststelle zur Bekämpfung der Rotlichtkriminalität.

Seit einem halben Jahr schon laufen die BordellbetreiberInnen Sturm gegen die Schließungen. Sie haben deshalb auch das erste wissenschaftliche Gutachten zu "Berliner Wohnungsbordellen in Wohn- und Mischgebieten" in Auftrag gegeben, das gestern vorgestellt wurde. Die Soziologin Beate Leopold, die für das Familienministerium ebenfalls das Prostitutionsgesetz evaluierte, bestätigt darin, dass Wohnungsbordelle genau das Gegenteil von dem bewirken, was ihnen angelastet wird: Sie fördern weder die Kriminalität, noch stören sie in den allermeisten Fällen die Nachbarn. Meist sind die Puffs Tagesläden, Freier möchten so ungesehen wie möglich rein- und rausgelangen. Auf Werbung wird deshalb in der Regel auch verzichtet, um den Ruf der Kunden zu wahren.

Die Rechtsanwältin Margarete von Galen, die 2001 in einem Prozess erreichte, dass Prostitution als Beruf anerkannt wird, vertritt viele BordellbetreiberInnen, deren Läden von Schließung bedroht sind. Sie misst dem neuen Gutachten große Bedeutung bei. Denn erst dieses werde die Gerichte veranlassen, sich nicht länger reflexartig auf die alten Urteile zu berufen, sondern selbst in die Beweisaufnahme zu gehen. "Das Gutachten wird die Gerichte wach machen", meint sie.

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