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Arabische Webrevolutionärin

Esra'a Al Shafei, 20-jährige Studentin aus Bahrain, will per Internet Menschen zum Handeln bewegen. Vor kurzem hat sie ihr 16. politisches Webportal gegründet

"Thinking Ahead" Bild: Screenshot

Wenn man das Wort "Meinungsfreiheit" bebildern wollte - Esra'a Al Shafeis Gesicht wäre eigentlich das richtige dafür.

Vor fünf Jahren war sie zum ersten Mal im Internet. Jetzt sagt sie: "Es ist ein Tor für die freie Rede. Das mag nichts Besonderes sein in Deutschland. Aber für uns" - und sie meint die InternetaktivistInnen des Nahen Ostens - "ist es die einzige mediale Plattform, auf der jeder sagen kann, was er denkt". Al Shafei gehört zu den vornehmlich jungen Leuten, die eine nach wie vor recht neue Aufstandsform propagieren: Online-Kritik an Mächtigen, an festgefahrenen Strukturen, an Ungerechtigkeiten, über die kaum berichtet wird. Außer im Netz.

"Zeitungen und Fernsehen", sagt sie, "sind hier nicht verlässlich. Viele Medien sind staatlich. Es ist schwierig, sich damit umfassend zu informieren." Das Internet aber ermögliche Freiheit, glaubt sie, "zumindest in einem intellektuellen Sinn" Diese These jedenfalls hat sie gerade auf einer Konferenz in Kanada vertreten, zu der sie, eine kleine Web-Koryphäe des Nahen Ostens, als Rednerin eingeladen war.

Die Zwanzigjährige aus Bahrain hat vor kurzem ihr sechzehntes Webportal gegründet. An einem Dutzend weiterer arbeitet sie mit. Die Portale behandeln Minderheitenrechte, religiösen Fanatismus oder Zwangsprostitution. Bald will sie ein Portal über Homosexuellendiskriminierung im Nahen Osten online stellen. Die Seite migrant-rights.org hat sie geschaffen, um auf die Diskriminierung von Migranten in der Golfregion hinzuweisen. Nohonor.org befasst sich mit Ehrenmorden.

Derzeit studiert sie in der Schweiz Internationale Kommunikation und Politikwissenschaft, bevor sie nächstes Jahr nach Bahrein zurückkehren will, um von dort aus weiterzumachen. Sie nennt es: "meine Arbeit tun". Sie hat für jede ihrer Webseiten eine Gruppe von MitarbeiterInnen organisiert, die sich vor allem um ihre eigenen Themen kümmern. Der eine schreibt über Menschenrechte in China, listet Verstöße auf und kommentiert sie, die andere arbeitet über Menschenhandel.

Sie wollten Aufmerksamkeit erzeugen, sagt Al Shafei. "Wir wollen nicht die Regierungen stürzen. Wir wollen ein neues Handeln. Und dafür braucht man ein anderes Denken." Im Banner von mideastyouth.com, Al Shafeis erster Seite, steht - quasi die Corporate Identity: "Thinking ahead."

Esra'a Al Shafei selbst arbeitet zurzeit vor allem für freekareem.org. Sie will damit den ägyptischen Bloggers Abdul Kareem Nabeel Suleiman ins Bewusstsein schreiben, dessen Fall durch die Medien geisterte, als er im Februar zu vier Jahren Haft verurteilt wurde; auch die taz berichtete. Er hatte in seinem Weblog - der Nazi-Widerstandsgruppe Weiße Rose gewidmet - Anklagen verfasst: Das "wahre Gesicht" der Muslime, schrieb er dort pauschal und streitbar, "zeigt Barbarei und Fanatismus; dass sie die anderen nicht anerkennen, sondern versuchen, ihnen ihre Existenz streitig zu machen". Er kritisierte den Präsidenten und die Al-Azhar-Universität, die er eine "Universität des Terrorismus" nannte.

Esra'a Al Shafei sagt: Abdul Kareem "war schlecht informiert und offensiv. Und selbstverständlich teile ich seine Ansichten nicht!" Das Ausrufezeichen betont sie. Doch "wie auch immer - er hat natürlich das Recht, sie zu äußern".

Dass also das, was sie tut, brisant ist - der Fall Kareem beweist es. Al Shafei hat schon Morddrohungen erhalten. Sie weiß nicht, ob sie ernstzunehmen seien. Aber unvorsichtig will sie nicht sein. "Die Arbeit, die wir tun, ist gefährlich in unserer Gegend", sagt sie. "Es könnte riskant sein, mein Foto zu veröffentlichen." Esra'a Al Shafeis Gesicht, das eigentlich das richtige wäre, um das Wort "Meinungsfreiheit" zu bebildern, bleibt aus Sicherheitsgründen verborgen.

Sie arbeitet daran, genau das zu ändern.

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