David McAllister

Little Big Mac

An David McAllister kann man sehen, was in der CDU nach Merkel, Schäuble und Wulff kommt. Er ist 36 Jahre alt und führt die größte Fraktion im Landtag von Niedersachsen.

"Lieber der Terrier von Wulff als der Mops von Schröder" Bild: dpa

HANNOVER taz Man kann das Gefühl bekommen, dass er alles noch aufhalten möchte. Als wollte er, dass der Machtzuwachs nicht so sichtbar wird. Wenn seine Sekretärin einen neuen Stoß Akten auf den Schreibtisch packt und er die Zunge raushängen lässt wie ein Bengel, der aufräumen soll. Wenn er seine Mitarbeiter beim Spitznamen nennt, Herrn Muhle zum Muli macht, Herrn Dütemeyer zum Düti und sich selbst zum Mac. Oder wenn er jetzt seinen Fahrer von der Autobahn abfahren lässt, weil er findet, dass ein Frühstück bei McDonalds genau richtig wäre. Dann wirkt es, als ob er den eigenen Aufstieg aufschieben wollte. Ach kommt, nicht so viel David McAllister. Lieber noch ein bisschen Mac.

An McAllister kann man sehen, was in der CDU nach Merkel, Schäuble und Wulff kommt. Er ist erst 36 Jahre alt und führt die größte Fraktion im Landtag von Niedersachsen. Jedes Gesetz, jedes Vorhaben der regierenden CDU in dem Acht-Millionen-Einwohner-Land muss McAllister mit seinem grünen Stift abzeichnen. So eine Machtfülle in dem Alter ist selten in Deutschland. Kohl war so jung, als er die Regierungsfraktion in Rheinland-Pfalz führte.

Klar, McAllister will nach oben. Er sichert ab, büffelt, bereitet den Boden. Wartet. Zur Auflockerung erzählt er gern, wie sie es in der Jungen Union gehalten haben: 50 Prozent Politik, 50 Prozent Party.

"Teschi, für mich zwei McCroissants und Kaffee mit Milch und Zucker", bestellt er bei Christian Lamprecht, seinem Fahrer. Lamprecht war mal McAllisters Fußballtrainer in der A-Jugend des TSV Bad Bederkesa. Später wurde Teschi arbeitslos und die niedersächsische CDU hatte McAllister gerade zum neuen Generalsekretär gewählt. Dem stand ein Fahrer zu.

Am McDrive-Schalter nimmt Teschi das Essen durchs Wagenfenster entgegen, reicht es nach hinten. McAllister beißt in das warme McCroissant mit Schinken- und Käsefüllung. Schließt kurz die Augen. Genießt den Moment. Im Auto entsteht eine Art Busatmosphäre. David lärmt aufgekratzt, Teschi brummelt. Der TSV Bad Bederkesa fährt zum Auswärtsspiel, nur dass auf dem Wagenboden keine Seiten aus dem Kicker liegen, sondern der zerrupfte Pressespiegel aus der Staatskanzlei.

Sobald der Audi sich dem Ziel nähert, vollzieht sich die Verwandlung. David wischt sich die Hände ab, wird ruhiger, bindet die rote Krawatte um. Der Wagen rollt auf den Parkplatz und McAllister, zweitmächtigster Politiker Niedersachsens, steigt aus, um den Jahrestag des Städte- und Gemeindebunds zu besuchen. Er zieht die Anzugjacke an und geht zum Eingang der Mehrzweckhalle, wo Landräte und Bürgermeister ihn umringen. Für solche Termine braucht Ministerpräsident Wulff den loyalen Fraktionschef. McAllister braucht solche Termine auf dem Weg nach oben.

1971: David McAllister wird in Berlin geboren. Sein Vater James ist Schotte, er arbeitet beim britischen Militär in Deutschland. Die Eltern lernten sich kennen, als seine Mutter britische Soldaten in Deutsch unterrichtete. Der Sohn wächst zweisprachig auf, die Eltern halten sich aus der Politik raus.

2002: McAllister wird mit 31 Jahren Generalsekretär der Niedersachsen-CDU. Als Wahlkampfmanager führt er die Partei im folgenden Jahr gemeinsam mit Christian Wulff an die Macht. Der neue Ministerpräsident Wulff macht den Juristen zum Fraktionschef im Landtag. Die Sunday Times Scotland bejubelt McAllister als "potenziellen künftigen Kanzler".

2008: Für die Landtagswahl am 27. Januar ist er Nummer zwei der CDU-Kandidatenliste. Nummer eins: Wulff, der die Kampagne dominieren soll. Gewinnt die CDU, könnte McAllister ein Ministerium bekommen oder er baut seine Machtposition als Fraktionschef aus. Wulffs Kronprinz ist er schon.

Jedi-Tricks hat er nicht nötig

Er konzentriert sich auf die Leute. Sicherer Schritt. Angedeuteter Diener beim Händedruck. Beim Zuhören Hände vor der Brust, Hände an den Taschen, Hände hinterm Rücken. Alles in der Zeitlupe des Staatsmannes, mit frischem Euer-David-Lächeln. Manchmal notiert er etwas. Später im Wagen telefoniert er seinem Büroleiter die Fragen und Anliegen zur Bearbeitung durch. Er tut Gefallen. Irgendwann wird er sie wieder einsammeln. Allein dass er da war, hat sich gelohnt. "Die Bürgermeister sollen sagen: Mac war hier", sagt er.

Neulich haben einige Halbstarke aus der Union versucht ihn zu vereinnahmen. Sie trafen sich in Berlin, um aufzufallen. Im Café Einstein, wo die Ohren an den Nachbartischen groß sind wie Rhabarberblätter, bastelten sie an einem Alleinstellungsmerkmal. Moderner Konservativismus, so was. Der exaltierte Söder von der CSU war dabei, der angriffslustige Mappus aus Baden-Württemberg und der blasse JU-Chef Mißfelder, der Kohl so verehrt. Sie stänkerten gegen von der Leyens Familienpolitik. Es sollte nach jungen Wilden aussehen, einem fiel sogar der Name "Jedi Ritter" ein. Am Ende stand in der Zeitung, auch David McAllister mache mit. Er ist sofort auf Abstand gegangen.

Er ist für mehr Kinderbetreuung und er muss seine Karriere nicht durch Tricks beschleunigen. Als Merkel vor drei Jahren einen neuen Generalsekretär suchte, wurde er gefragt. Mit 34. Es wurde nichts draus, wahrscheinlich, weil er spürte, dass es zu früh war.

So wie bei Sigmar Gabriel. Mit 41 Ministerpräsident, mit 43 Ex-Ministerpräsident. Als Wulff ihn 2003 aus der Staatskanzlei vertrieben hatte, saß Gabriel als Oppositionschef im Landtag und McAllister führte die Regierungsfraktion an. Einmal hat Gabriel im Landtag zu ihm gesagt, er geriere sich als Pitbull, sei aber das Hündchen von Wulff. McAllister antwortete: "Lieber der Terrier von Wulff als der Mops von Schröder."

Jetzt hat es Gabriel wieder zum Bundesumweltminister gebracht. Spricht McAllister über ihn, verwendet er Wörter wie "cool" oder "legendär". "Mit dem in den Ring zu steigen, das war ne Herausforderung."

Die SPD von Niedersachsen führt jetzt Wolfgang Jüttner. Gerade beginnt der Landtagswahlkampf. Jüttners Sympathiewerte sind grauenhaft. Wenn McAllister über den Sozialdemokraten redet, grinst er wie Jerry, die Maus aus "Tom und Jerry", die dem Kater Tom immer entwischt. "Bei Jüttner weiß ich schon vor seiner Rede nicht nur, was er sagt, sondern was ich sage", prahlt er.

McAllister organisiert den Aufstieg systematisch. Er hat absichtlich einen überkorrekten Juristen als Büroleiter engagiert, der auf ihn aufpasst. Dr. Holger Spreen. Er will nicht Spreeni heißen. Mac nimmt ihn immer mit einem "Hallo Doktor!" hoch. Spreen lächelt dann kurz. Null Prozent Party.

Jeden Morgen ruft McAllister drei Leute an. Er ist mit allen befreundet, keiner konkurriert mit ihm. Martin Döscher, ein pensionierter Landrat, Enak Ferlemann, der Anführer der Niedersachsen-CDU im Bundestag, und Philipp Rösler, der Fraktionschef des Koalitionspartners FDP. "Die Lage in Berlin und Hannover wird analysiert", sagt Ferlemann. "Er will andere Meinungen hören", erklärt Rösler, "er sagt nie: Scheiß drauf, ich bin der Superman."

Döscher wollte, dass McAllister sein Nachfolger als Landrat von Cuxhaven wird. Er hatte ihn in der Schülerunion entdeckt. Kreistag, Landtag, Schützenkönig. Wulff warb ihn 2002 ab und machte ihn zum Generalsekretär der Landes-CDU. Jetzt begleitet ihn Döscher nach oben. Der 72-Jährige hat vier Zeitungen abonniert. Alle paar Wochen reist er nach Hannover, um die Lage zu prüfen. Er saß selbst Jahre im Landtag. Döscher hat McAllister gelehrt, dass man im Publikum immer ein, zwei Leute mit Namen begrüßen muss und man nicht nur Angriffsreden halten darf. Er mahnt ihn, es langsam angehen zu lassen. "Wenn du den Kopf zu früh hebst, wirst du einen Kopf kürzer gemacht. Du bist jung. Du kannst warten."

Döscher gehört zur Verankerung des Aufsteigers. In Bederkesa, 200 Kilometer nördlich von Hannover, fühlt er sich sicher. "Dieser ganze Berliner Schickmick", sagt McAllister. "Ist da weit weg. Und Hannover: Ist da weit weg." Mittwochs versucht er, von daheim aus zu arbeiten. Trotzdem sieht er die zwei kleinen Töchter und seine Frau selten. Döscher mahnt: "Fahr nach Hause. Du brauchst deine Basis für den Ernstfall."

Den Ernstfall gab es noch nie. "Das sagt Christian Wulff immer zu mir. Der Unterschied zwischen Christian Wulff und David McAllister ist: McAllister hat noch nie verloren." Er ist auf der Hut. Irgendwo in einer Akte, die er mit seinem grünen Stift abzeichnen soll, kann ein Skandal schlummern, den der Doktor übersehen hat.

Basteln an der Erfolgsstory

Mittagessen. Wieder ein McDrive. Teschi sagt, dass die Frau am Schalter ihm versehentlich zu viel Wechselgeld gegeben hat. McAllister wird hellwach. "Die kriegt Ärger mit ihrem Chef", sagt er und schickt den Fahrer zurück. "Jeden Tag der gleiche Scheiß", knurrt Teschi.

McAllister will nicht stolpern.

Er hat ein paar Geschichten, die Teil einer großen Story werden können. Sein schottischer Vater, der als Weltkriegssoldat nach Deutschland kam und hier für die britische Militärverwaltung arbeitete. Seine Hochzeit im Schottenrock. Oder wie er mit neun Jahren in der Schule eine Rede hielt, die den Lehrer, einen Sozi, so an Strauß erinnerte, dass er alarmiert die Mutter anrief.

Zur Strategie gehört, dass er in die Mitte rückt. Früher trat Wulff als ausgleichender Landesvater auf und McAllisters Job war, auf die SPD loszugehen. Als Vorbild nannte er den alten Wilfried Hasselmann, der predigte, dass rechts von der CDU kein Raum bleiben dürfe. Heute sagt McAllister: "Der Wilfried Hasselmann ist der Übervater der CDU Niedersachsen. Aber alles zu seiner Zeit. So konservativ wie Hasselmann war in den 70er-Jahren - 2007 ist das anders."

Polemiken gegen die SPD fahren jetzt häufig andere. Dafür hat McAllister in Berlin an Merkels Grundsatzprogramm mitgearbeitet. Er sagt, dass die CDU nur überlebt, wenn sie die Realität akzeptiert. Wenn sie sich um Integration und Klimaschutz kümmert.

Northeim, Südniedersachsen. McAllister spricht vor 60 CDU-Leuten. Schwere Männer mit Lederwesten und Frauen in mehrfarbigen Blusen. Es ist schwül, gerade ist das erste Gewitter heruntergekommen. Auf den Tischen steht das Feierabendbier. "Sie sind unsere Meinungsmacher", ruft McAllister den Leuten zu. Die gucken zufrieden. Mit dem Lob für die Windkraft haben sie keine Probleme, zumal er die Atomenergie würdigt. Er holzt gegen die Gesamtschule, stempelt aber auch das alte CDU-Familienbild ab: rückständig. Das Bekenntnis zur Homoehe, das er vor städtischem Publikum ablegt, lässt er weg.

Er hätschelt den örtlichen Abgeordneten, feiert Wulff, hänselt Jüttner. "Wir beobachten mit einem weinenden Auge, was auf der linken Seite geschieht", sagt er nachdenklich und ballt dann die Faust. "Der niedersächsische Landtag braucht keine Rechtsradikalen, er braucht aber auch keine Linksradikalen und Linkspopulisten!" Die CDU Northeim tobt. Draußen donnert es.

Im Auto schlachtet er den Präsentkorb voller Schokolade, den sie ihm in Northeim geschenkt haben. Sein Gesicht ist gerötet, der Körper steht noch unter Spannung. Er freut sich auf den Wahlkampf. "Wenn der Jüttner frech wird, kriegt er so auf die Schnauze."

Der Wagen schießt über die nasse Autobahn. Teschi schweigt. McAllister kaut Schokolade.

Fünfzig Prozent Politik, 50 Prozent Party. Was für ein Quatsch. Politik ist die Party. Und einer wird König.

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