Hans-Jürgen Krahl

Der Robespierre von 68 kehrt zurück

Theoretiker, Aktivist und vergessener Wunderknabe der APO: Am Mittwoch wird das erste Denkmal für Hans-Jürgen Krahl enthüllt, neben Rudi Dutschke der bedeutendste Antreiber der 68er.

Der R 4, Vehikel der 68er. Sie haben es weit gebracht, und Hans-Jürgen Krahl bekommt sogar ein Denkmal. Bild: dpa

"Er war der Klügste von uns allen", sagte Rudi Dutschke über Hans-Jürgen Krahl. Er wäre "ein höchst bedeutender Mensch geworden", schrieb Max Horkheimer in einem Beileidsschreiben an Krahls Eltern im Februar 1970. Am Mittwoch, 37 Jahre nach dem tödlichen Autounfall Krahls, wird in Hannover der erste Gedenkstein für den Theoretiker, Aktivisten und vergessenen Wunderknaben der Studentenbewegung auf seinem schon eingeebneten Grab enthüllt.

Was Dutschke für den antiautoritären Flügel des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS in Berlin war, verkörperte Krahl für die Aufrührer im zweiten Zentrum der Revolte, Frankfurt am Main. Mit Vietnamkrieg und Muff der Großen Koalition im Rücken etablierte die APO in den späten 60ern eine neue Protestkultur samt theoretischem Fundament, Dutschke und Krahl an der Spitze.

Sie hatten sich bei der Beerdigung des im Juni 1967 von einer Polizeikugel tödlich getroffenen Benno Ohnesorg kennen gelernt, einem der Fixpunkte des Aufruhrs. Krahl nannte den intellektuell nicht ganz so schillernden, aber wohl lebensnaheren Dutschke liebevoll sein "revolutionäres Zirkuspferd". Gemeinsam verfassten sie das berühmte "Organisationsreferat" des SDS. Titel: "Sich-Verweigern erfordert Guerilla-Mentalität". Die neuen Protestformen der "Stadtguerilla" waren Straßenblockaden, das Umschiffen von Polizeisperren und spontane Sit-Ins. "Dass das heute als Vorform der RAF-Strategie kursiert, halte ich für Blödsinn", sagt der Soziologe und Krahl-Weggefährte Detlev Claussen. "Richtig ist aber, dass die Proteste den gesellschaftlichen Weg in die sozialliberale Koalition ebneten." Der Adorno-Biograf Claussen wird in Hannover bei der Enthüllung des Krahl-Denkmals reden - er hielt auch damals die Ansprache bei der Beerdigung des 27-Jährigen.

Dass Dutschke heute Ikone und Krahl nur Reliquie der Studentenbewegung ist, wollen derzeit gleich mehrere Initiativen ändern. Am Mittwoch wird auch der Trägerverein für ein Krahl-Archiv in Frankfurt gegründet. Hier sollen seine in ganz Deutschland verstreuten Texte gesammelt werden. "Wir wollen die durch den frühen Tod unterbrochene Arbeit Krahls fortsetzen", sagt Alexander Wildgrube vom Krahl-Institut im schleswig-holsteinischen Stoltebühl.

Damals nannten sie ihn Robespierre. Dabei wirkte der 1943 in Sarstedt bei Hannover als Kaufmannssohn geborene Krahl eher zerbrechlich, nach einem Bombenunglück musste er schon als Baby ein Glasauge tragen. Krahl redete wie gedruckt, war blitzgescheit, rotzfrech, charismatisch und vielleicht etwas überkandidelt.

"Das geht Sie gar nichts an", schnauzte er einen Professor an, der es gewagt hatte, zu fragen, warum die Studenten im Wintersemester 1968/69 das Institut für Sozialforschung, den "Tempel" der Frankfurter Schule, besetzten. Institutschef Theodor Adorno musste als Zeuge im Amtsgericht gegen seinen Doktoranden wegen Hausfriedensbruch aussagen, der damals noch junge Institutsprofessor Jürgen Habermas griff Krahl an, weil sich die Studenten gegen ihre eigene Brutstätte gewandt hatten. Während Adorno und Habermas die provokanten Protestformen der Studenten für "infantil" und "kurzsichtig" hielten, plädierte Krahl für "Aufklärung". Zeitgenossen beschrieben den Prozess als Auftakt vom Ende des SDS als "eine der deprimierendsten Erfahrungen der Linken".

Seinen politische Werdegang nannte Krahl eine "Odyssee durch die Organisationsform der herrschenden Klassen". Vom deutschtümelnden Ludendorffbund war er zur Jungen Union gekommen, die er 1961 sogar in seiner Heimatstadt Alfeld gründete. Nachdem ihn "die herrschende Klasse" aus einer schlagenden Verbindung geworfen hatte, "entschloss ich mich dann auch, sie gründlich zu verraten, und wurde Mitglied im SDS".

Hier, sagte Krahl, als er 1968 wegen "Rädelsführerschaft" bei einer Demonstration anlässlich einer Preisverleihung an den senegalesischen Präsidenten Senghor angeklagt worden war, "haben wir zum ersten Mal erfahren, dass, wenn die herrschende Klasse Freiheit sagt, sie die Freiheit meint, sich ihre Macht zu nehmen, und die Freiheit zu unterdrücken".

 

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