Kommentar

Es droht das bessere Argument

Verteidigungsminister Jung fürchtet die Debatte über sein Ehrenmal für tote deutsche Soldaten - zurecht.

Verteidigungsminister Jung will neben seinem Ministerium in Berlin ein Denkmal für tote Soldaten bauen. Kanzlerin Merkel stützt ihn - und sei es auch nur, um für Ruhe an dieser Front zu sorgen. Das Ergebnis ist kurios: Ein Denkmal entsteht, das im Eiltempo und unter Ausschluss der Öffentlichkeit geplant wurde und jetzt ganz schnell gebaut wird. Eine militärisch zackige Umsetzung. Einsprüche von Politikern und anderen Zivilisten werden als Bedenkenträgerei beiseite gewischt. Warum diese Hektik? Ist Gefahr im Vollzug?

Denkmäler symbolisieren das Selbstverständnis der Republik. Sie entstehen nicht per Dekret, sondern in einem Prozess von Rede und Gegenrede. Das kann in Demokratien lange dauern - beim Washington-Memorial unweit des Kapitols lagen zwischen der Idee und der Fertigstellung 86 Jahre. Langsamkeit und Offenheit sind Tugenden, wo es um Symbole der Republik geht. Doch davon will Minister Jung nichts wissen. Die Gefahr, die ihm droht, ist die des besseren Argumentes - und dass sich das Parlament doch noch aufrafft, um seinen Egotrip zu stoppen. Daher die Eile. Nichts spricht gegen ein Denkmal für Bürger, die, als Soldaten oder Zivilisten, im Auftrag der Republik gestorben sind. Denn die Demokratie schuldet dem Einzelnen, der sein Leben für das Kollektiv gegeben hat, Anerkennung. Doch alles spricht gegen dieses Schnellverfahren. Und viel gegen den Ort am Bendlerblock und das exklusive Gedenken an Soldaten, das suggeriert, der Tod von Soldaten in Afghanistan wäre mehr wert als der von zivilen Helfern. Einen kritischen Blick verdient auch der Entwurf, der ästhetisch an Sakralbauten anschließt und durch seine schiere Größe - 40 Meter lang, 10 Meter hoch - monumental wirkt.

Jungs "Ehrenmal" hält, ästhetisch und im Titel, zu wenig Distanz zum militaristischen Kodex von Pflicht und Ehre. In seinem Innenraum soll eine elektronische Liste der Toten zu sehen sein. Kann es sein, dass hier nicht nur der Vergangenheit gedacht werden soll, sondern dies auch ein Trainingslager ist, das uns an die toten Soldaten der Zukunft gewöhnen soll?

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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