Kommentar Blatter-Rücktritt

Der Unabwählbare gibt auf

Das System Sepp Blatter ist entlarvt worden. Das darf man feiern. Doch jetzt muss aufgearbeitet werden. Die Fifa ist noch lange nicht gerettet.

Sepp Blatter mit geschlossenen Augen

Wegschauen und ignorieren ging dann doch nicht mehr: Sepp Blatter hat aufgegeben. Foto: ap

Vier Jahre wollte er noch im Amt bleiben, vier Tage hat er durchgehalten. Sepp Blatter ist am Ende. Er hat seinen Rücktritt vom Amt der Fifa-Präsidenten verkündet und ein kollektives Aufatmen ist durch die Fußballwelt gegangen. Der Unabwählbare hat keine Woche, nachdem er sich vom Fifa-Kongress für eine neue Amtszeit hat wählen lassen, aufgeben. Via Twitter schwappte eine Welle des Danks über den Planeten.

Es war ein erbärmlicher Auftritt, den der Schweizer Uraltfunktionär am Dienstagabend kurz vor sieben Uhr vor den kurzfristig zusammengetrommelten Sportberichterstattern in Zürich hingelegt hat. Es war der Auftritt eines Mannes, der längst auf der Flucht ist. Bis Montagabend hatte er vielleicht noch geglaubt, er könne durchkommen mit seiner Behauptung, er selbst sei doch gar nicht korrupt und könne sich doch nicht um jeden bestechlichen Funktionär auf dem Erdball kümmern. Jetzt ist sein System aufgeflogen.

Es war ein System, für das man das Wort Gemeinwohl-Washing erfinden könnte. Die finsteren Geldflüsse wurden getarnt als Leistungen für die fußballerische Entwicklungshilfe und waren doch nichts anders als ein gigantisches Stimmenkauf- und Bestechungsprogramm.

Die 10-Millionen-Dollar-Zahlung von Südafrika, die die Fifa an Jack Warner, den damaligen Chef des Nord- und Mittelamerikanischen Fußballverbandes weitergeleitet hat, sollten angeblich der Unterstützung der afrikanischen Fußballdiaspora in Mittelamerika dienen. Die Zahlung ist ein zentraler Punkt in dem Untersuchungsbericht der US-Justizbehörden, der zur Verhaftung von sieben Fifa-Funktionären am vergangenen Mittwoch geführt hat. Das System Blatter ist entlarvt. Dass der Mann aus dem Wallis nun selbst ins Fadenkreuz der Ermittler des FBI geraten ist, wird darüber beinahe schon zur Nebensache.

Lebenslanger Bann für Korruption

Wer auch immer Blatter im Amt des Fifa-Präsidenten nachfolgen wird, er muss mit diesem verlogenen System Schluss machen. Er muss bereit sein, all diejenigen, die bis dato geschmiert haben oder sich haben schmieren lassen, aus der Fifa zu verbannen. Nicht für ein Jährchen oder drei Jahre, wie das schon einmal praktiziert wurde. Der Bann muss lebenslang gelten.

Alle Papiere, die sich in den Büros der Fifa finden lassen, müssen auf den Tisch, so dass endlich auch Klarheit darüber hergestellt werden kann, wie das WM-Turnier 2006 nach Deutschland gekommen ist. Und endlich sollten Regularien ersonnen werden, die sicherstellen, dass WM-Stradien nicht von Sträflingen oder Sklaven errichtet werden. Und dann muss ...

Moment. Werden diejenigen, die bis dato von den Zahlungen aus dem prall gefüllten Fifa-Topf profitiert haben, jemanden ins Amt wählen, der den Geldhahn erst einmal zudrehen will? Nein, einfach wird die große Fifa-Reform gewiss nicht. Ebenso schwer wird es, Russland und Katar ihre gekauften WM-Turniere wieder abzunehmen. Wird sich ein Kandidat finden, der das wirklich will?

Sepp Blatter ist weg. Das darf man feiern. Die Fifa aber ist noch lange nicht gerettet. Das Spiel läuft.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt baut er eine Zukunftswerkstatt für die taz auf und treibt wieder Sport.

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