DFB-Teammanagerin über die WM

„Warum nicht Mädels sagen?“

DFB-Teammanagerin Doris Fitschen erklärt, warum sie übertriebenen Feminismus „amüsant“ findet und immer schon Libero statt Libera gesagt hat.

Alexandra Popp im Spiel gegen die Elfenbeinküste. Foto: dpa

taz: Frau Fitschen, die Debatte über die krassen Qualitätsunterschiede zwischen den WM-Teams läuft seit dem 10:0-Sieg der Deutschen über die Elfenbeinküste. War das Spiel wirklich weniger wert als eine Trainingseinheit?

Doris Fitschen: Absolut nicht. Wir wussten vorm Spiel nicht genau, was auf uns zukommt. Wir haben Bilder gesehen, und da hatten die Spielerinnen der Elfenbeinküste schon ihre Qualitäten, gerade im Spiel nach vorne. Unsere Mannschaft hat genau das umgesetzt, was das Trainerteam ihnen gesagt hat. Wir waren auch richtig gut. Unser Team hat gemacht, was es sich vorgenommen hatte.

Das war konkret?

Die Basis für alles sind die Zweikämpfe, die man annimmt.

Die Elfenbeinküste hat es den Deutschen aber auch einfach gemacht.

Sicher. Sie haben hinten aufgemacht, sodass sich vorne Räume geöffnet haben. Dann kam bei uns Spielfreude dazu und ein schnelles Tor.

Wie wird das Team darauf eingestellt, von einem schwachen auf einen relativ schweren Gegner wie Norwegen zu treffen?

Die Mannschaft weiß, dass man gegen Norwegen mit der gleichen Einstellung antreten muss. Das muss man bei einer WM sowieso gegen jeden Gegner. Und dann können wir auch unsere Qualitäten ausspielen.

Die 46-Jährige hat 144-mal für die DFB-Elf gespielt und ist vierfache Europameisterin. Sie war eine der ersten deutschen Fußballerinnen, die in der neu gegründeten US-Profiliga Wusa spielten. Dort beendete sie 2001 auch ihre aktive Karriere. Anschließend wechselte sie ins Management des DFB.

Die Mannschaft aus Norwegen ist keine Unbekannte wie die Elfenbeinküste. Gibt es besondere Dinge, die trainiert werden?

Wir kennen den Spielstil. Der hat sich auch durch neue Spielerinnen nicht radikal verändert. Die Videoanalysten und das Trainerteam haben Norwegen seit Wochen und Monaten beobachtet, beim Algarve-Cup zum Beispiel. Wesentlich wird sein, dass wir die Zweikämpfe annehmen.

Hat sich der Frauenfußball seit der WM 2011 radikal weiterentwickelt?

Auf jeden Fall. Sowohl in taktischer als auch in physischer Hinsicht. Und auch das Umfeld der verschiedenen Teams, die Teams hinter den Teams sind immer breiter aufgestellt. Bei uns sind das rund 20 Leute. Bei den Französinnen und US-Amerikanerinnen sind es noch mehr. Da wird an Kleinigkeiten gefeilt, um alles rauszuholen, was möglich ist.

Wer sich in Sachen Frauenfußball und Fifa nicht hinters Licht führen lassen will, sollte vom 6. Juni bis zum 5. Juli 2015 unbedingt die taz lesen. Wir berichten täglich auf ein bis zwei Seiten nicht nur übers Geschehen auf dem Platz, sondern auch über Hintergründiges, Politisches, Schrilles und Schräges.

Gerade wegen des aktuellen Fifa-Skandals wollen wir genau auf diese WM schauen. Vor Ort macht das taz-Redakteurin Doris Akrap, in Berlin kümmern sich Johannes Kopp (Sportredakteur), Martin Krauss (Pauschalist), Ronny Müller (Volontär), Richard Noebel (Layout), Sebastian Raviol (Praktikant), Andreas Rüttenauer (Chefredakteur) und Markus Völker (Sportredakteur) um die Fußball-WM.

Was halten Sie von der Debatte über die Aufstockung auf 24 Teams bei der WM?

Es gibt Gründe dafür und dagegen. Es ist eine Chance für Teams aus der Elfenbeinküste und Thailand, die Aufmerksamkeit für diesen Sport in ihrem Land zu erhöhen. Aber auch die Schweiz und Holland werden hier als WM-Neulinge eine gute Rolle spielen. Natürlich ist das Leistungsvermögen unterschiedlich. Aber für die Weiterentwicklung des Frauenfußballs bringt das einen Schub. Sonst würden doch immer fast dieselben 16 Mannschaften gegeneinander spielen.

Das ist bei den Männern ja auch so.

Ja. Und da gibt es auch hohe Ergebnisse.

7:1 gegen Brasilien.

Genau. Da müsste man auch überlegen, ob … Nein. Aber die DFB-Männer haben auch schon mal 8:0 bei einer Weltmeisterschaft gewonnen. Natürlich ist das Leistungsgefälle bei ihnen nicht so extrem wie bei den Frauen, aber bei uns wird das immer besser. Außerdem zeigt auch das Medieninteresse und die Einschaltquote von 5 Millionen Zuschauern am Sonntag, dass sich etwas getan hat.

Aber es gibt nicht mal ein „Kicker“-Sonderheft zur WM.

Wir haben eine große Konkurrenz gehabt. Bundesliga, Pokalfinale, Champions-League-Finale der Männer. Das ist vorbei. Jetzt sind wir dran.

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass Sie es gut finden, dass die Spielerinnen als Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Das ist interessant. Es gilt ja schnell als despektierlich, über das Privatleben von Sportlerinnen zu sprechen, weil vermutet wird, man würde sie als Sportlerinnen nicht ernst nehmen.

Unsere Spielerinnen haben viel zu bieten. Es sind sympathische, moderne, junge Frauen, die mitten im Leben stehen, die teilweise berufstätig sind, studieren, unterschiedliche Hintergründe haben. Da gibt es viel zu erzählen, ohne dass man über wilde Partys berichten müsste. Das ist doch für Fans oder potenzielle Fans interessant.

Das deutsche Team besteht aus sehr unterschiedlichen Charakteren. Wie hält man die zusammen?

Wir haben alle das gleiche Ziel, den gleichen Traum. Und Respekt. Gegenüber dem Zeugwart genauso wie gegenüber der Trainerin und unter allen Spielerinnen. Die haben sehr viel Spaß miteinander. Da sind bunte Vögel wie Nadine Angerer, solche mit trockenem Humor wie Bianca Schmidt, solche, die sehr kommunikativ sind wie Almuth Schult oder Célia Sasic mit ihrem Multikultihintergrund.

Ist Nadine Angerer so etwas wie die Mutti im eher jungen DFB-Team?

Die Spielerinnen haben großen Respekt vor dem, was sie geleistet hat. Und Natze umgekehrt auch vor den jungen Spielerinnen, die sich selbstbewusst einbringen. Sicher gibt es einen Wettbewerb, aber es gibt keinen Neid. Dzsenifer Marozsan beispielsweise wurde am Sonntag ja noch geschont. Anja Mittag spielte auf ihrer Position und schoss drei Tore. Und was tut Dzsenifer? Sie macht sich keine Gedanken darüber, ob sie jetzt überflüssig ist, sondern geht zu ihr und umarmt sie herzlich.

Gibt es Neid auf die Männer im Fußball?

Nein, überhaupt nicht. Wir vergleichen uns mit uns selbst vor zehn Jahren und nicht mit den Männern.

Die Männer werden immer gefragt: Wann kommen die Spielerfrauen?

Familie und Freunde sind noch relativ wenig da. Eigentlich hab ich bisher nur die Mutter von Nadine Angerer gesehen. Aber im Laufe des Turniers erwarten wir da noch mehr.

Was ist die blödeste Frage im Frauenfußball?

Früher hat mich am meisten die Frage genervt, ob es Libero oder Libera heißt. Und noch blöder ist es, wenn Journalisten ein Interview anfragen und die erste Frage ist, wie man den Namen schreibt. Und dann das, was Sie auch gemacht haben: Der Vergleich mit den Männern. Mit der Aufmerksamkeit. Da hab ich immer das Gefühl, wir müssen uns rechtfertigen. Im Vergleich zu allen anderen Sportarten haben wir eine große Aufmerksamkeit. Wir haben da so viel geleistet.

Immer noch sagen viele, dass Frauenfußball nichts mit Fußball zu tun hat. Würde es den Frauen helfen, wenn man sich darauf einigt, dass Frauenfußball eine andere Sportart ist?

Was mich auch immer ein bisschen stört, ist, dass es Frauenfußball heißt. Wir spielen Fußball. Es ist dieselbe Sportart. Man spricht ja auch nicht vom Frauenhundertmeterlauf, sondern von den 100 Metern der Frauen. Und wenn die Frauen laufen, sagt niemand: Die sind ja total lahm. Natürlich gibt es physische Unterschiede und deshalb spielen wir auch anders. Aber es ist dieselbe Sportart. Man kann eben nur die Leistungen nicht miteinander vergleichen.

Netzfeminismus, die Aufschrei-Debatte – verfolgen Sie oder die Spielerinnen solche Themen?

Ich verfolge es schon, finde es aber auch eher amüsant, wenn manche zu feministisch unterwegs sind. Da stehe ich drüber. Die Debatte zum Beispiel, ob man Mädels, Mädchen oder Frauen sagen muss. Bei den Männern sagt man doch auch Jungs. Also warum nicht Mädels?

Die deutschen Spielerinnen sprechen auch ganz selbstverständlich von „Mannschaft“.

Ja, Frauschaft klingt ja auch komisch. Man kann natürlich auch Team sagen. Und von Spielerinnen statt von Spielern zu sprechen, das sollte auch selbstverständlich sein.

Großes Thema bei Twitter währen des Spiels gegen die Elfenbeinküste war, dass die ZDF-Moderatorin „Manndeckung“ gesagt hat. Schlimm?

Ich hab auch immer Libero und nicht Libera gesagt. Man macht ja aber jetzt eher Raum- als Manndeckung, da ist man aus diesem Dilemma raus.

 

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