Ein Bild mit Symbolwert

KINO Franz Müllers Film-im-Film, „Worst Case Scenario“, entpuppt sich als eine zunehmend skurrile, herrliche Beziehungskomödie

Olga (Eva Löbau), die in den Drehpausen mit dem Produktionsassistenten anbändelt Foto: Grand Film

von Andreas Busche

Man muss zuerst über den Film sprechen, den Franz Müller, der Regisseur von „Worst Case Scenario“, nicht gemacht hat. Ursprünglich wollten Müller und seine Autoren Jan Stahlberg und Peer Klehmet eine Fußballkomödie im Stil von „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ drehen – eine, wie es im Englischen heißt, „broad comedy“. Leider hat der deutsche Film ein ernsthaftes Humorproblem. Die Sophistikation eines höheren Unsinns und der kultivierte Vulgarismus genießen im deutschen Kino keine besonders gute Reputation. Das liegt weniger am Komödien-Sujet, das etwa im US-Kino nicht zuletzt dank eines unerschöpflichen Nachschubs von erstklassigen Komikern und Autoren aus populären Fernsehformaten (Saturday Night Live, Comedy Central, die „Judd Apatow-Schule“) über eine Tradition verfügt, sondern eher am beschränkten deutschen Humorverständnis, das an Grenzen stößt, wo ein Will Ferrell oder ein Adam Sandler (in seinen lichtesten Momenten) gerade erst warm werden.

Eine Komödie über die prol­lige Verwandtschaft des deutschen Nationaltorwarts Manuel Neuer, die während der Fußball-EM 2012 auf einem Campingplatz in Polen einfällt, um billige Eintrittskarten für das Finale zu ergattern, klingt jedenfalls bescheuert genug, dass sie dem deutschen Humorbetrieb gut zu Gesicht gestanden hätte. Der Film kam trotz Zusage von Fördergeldern kurzfristig nicht zustande, womit vielleicht schon alles über den gegenwärtigen Stand der deutschen Komödie gesagt ist.

Im Film „Worst Case Scenario“, den Müller stattdessen gedreht hat (mit namhafter Besetzung, polnischen Laiendarstellern und nicht mehr als einem Drehbuchentwurf), kommt dann auch eine Repräsentantin des bürokratischen TV/Kino-Unterhaltungskomplexes zu Wort, die deutlich zu verstehen gibt, wo es bei der deutschen Komödie im Argen liegt: „Man muss spüren, dass der Faschismus aus dieser Chipstüte jederzeit herauskriechen kann“, brüllt sie den Regisseur Georg am Drehort an – und dreht kurzerhand den Geldhahn zu. Die deutsche Komödie ist gestorben, bevor sie richtig begonnen hat. Ein Bild mit Symbolwert.

Müller hat das titelgebende Worst-­Case-­Sze­nario nun seinerseits zu einer Komödie umfunktioniert und einen Film über einen Film gedreht, der an allen möglichen äußeren Umständen scheitert. Das größte Hindernis ist – neben dem offensichtlichen Geldmangel – der Regisseur selbst. Georg, gespielt von Samuel Finzi, steckt in einer Schaffenskrise, aus der er sich mit Hilfe seines havarierten Filmprojekts zu retten versucht. Ausstatterin des Films ist seine Exfreundin Olga (Eva Löbau), die ihm zu Beginn der Dreharbeiten erklärt, dass sie von ihm schwanger sei. Und Hauptdarstellerin Meike (Laura Tonke) erweist sich als Nervenbündel, die mit ihren Neurosen das Drehteam in den Wahnsinn treibt. Die Besetzung vervollständigen deutsche Fußballfans, die auf dem Campingplatz angeheuert werden, und professionelle Darsteller einer polnischen Provinztheaterbühne, die aber leider weder Deutsch noch Englisch sprechen. So entwickelt sich „Worst Case Scenario“ – anders als mit der Chipstütenbemerkung intendiert – zu einer Farce über die deutsch-polnische Verständigung.

Der Film im Film

Das Chaos ist vorprogrammiert: Darsteller steigen aus, Komparsen sind unfähig, der Tontechniker verabschiedet sich mitsamt des einzigen Campingwagens, und selbst die geduldigen Polen zeigen dem Regisseur irgendwann einen Vogel. Während der Film-im-Film also mehr und mehr auseinanderfällt und die kommerzielle Komödie produktionsmittelbedingt sukzessive zu einem Dogma-Film und beinah sogar noch zu einem Stummfilm heruntergewirtschaftet wird, entpuppt sich „Worst Case Scenario“ allmählich als skurrile Beziehungskomödie.

Olga bändelt in den (zahlreichen) Drehpausen mit einem jungen polnischen Produk­tions­assistenten an und durchläuft in einem urkomischen Schnellgang – vom Elternkennenlernen bis zum Hochzeitskleid – die Initiationsrituale einer „ernsthaften“ Beziehung, womit der Film ganz nebenbei auch einigen deutsch-­polnischen Vorurteilen den Wind aus den Segeln nimmt. Georg wiederum findet sich nach einigen regressiven Wutanfällen mit seiner neuen Vaterrolle ab. Das klingt, gemessen an dem Film, den Müller eigentlich drehen wollte, vergleichsweise bescheiden. Aber vielleicht muss man sich einfach damit abfinden, dass Unfälle wie „Worst Case Scenario“ derzeit die einzigen Lichtblicke in der deutschen Komödie sind.

„Worst Case Scenario“. Buch und Regie: Franz Müller. Mit Eva Löbau , Samuel Finzi, Laura Tonke u. v. a. D 2015, 82 Min.