Bilanz Fußball-WM

Durchwachsen

Oft halbleere Ränge, der Kunstrasen und das frühe Aus des eigenen Teams – Kanada erlebte eine Frauen-WM mit mehr Tiefs als Hochs.

Das US-Team feiert den Titel, der Pokal ist zu sehen

Flitter gab‘s, Glamour aber nicht so recht in Kanada. Foto: Jonathan Hayward/The Canadian Press/ap

EDMONTON taz | Die Euphorie hielt nicht mal bis zum letzten Tag der WM: Wenige Stunden nach dem Spiel um Platz drei zwischen Deutschland und England waren die Straßen rund um das Commonwealth- Stadion in Edmonton schon wie ausgestorben. Am internationalen Flughafen vor den Toren der Stadt erinnerte schon nichts mehr an das Großereignis der letzten vier Wochen: kein Plakat, keine Fahne, kein Willkommensschild.

Auch Lisa MacKenzie hatte die WM schon fast vergessen. Die Hobbyfußballerin aus Edmonton hat das knallrote Fan-T-Shirt mit dem offiziellen Logo anbehalten und berichtete, dass sie sich drei WM-Spiele live angesehen hat. Doch das Endspiel interessierte sie nicht mehr: „Keine Zeit. Ich fliege in den Urlaub zum Fischen“, sagt sie und eilt zum Flugsteig.

Wie MacKenzie fühlten viele Kanadier. Spätestens nach dem Aus ihres Heimteams im Viertelfinale hatte sich ihr Interesse an der WM merklich abgekühlt. Viele Kneipen in Edmonton blieben leer. Fans und Medien interessierten sich eher für den neuen Eishockey-Profi Connor McDavid, der als NHL-Draft-Pick Nummer eins den kriselnden Edmonton Oilers zu neuen Höhenflügen verhelfen soll.

Sportlich verlief die WM ohnehin enttäuschend. Statt wie von Nationalcoach John Herdman vorgegeben bis ins Finale hatten es die Kanadierinnen trotz Heimvorteil nur unter die letzten acht geschafft – der erhoffte sportliche Ruck war ausgeblieben.

Begeisterung sieht anders aus

„Der kanadische Frauenfußball stagniert“, stellte die Tageszeitung Globe and Mail aus Toronto konsterniert fest. Zu keinem Zeitpunkt habe das Team um Spielführerin Christine Sinclair die Qualität der großen Frauenfußballnationen USA, Japan oder Deutschland erreicht.

Begeisterung im Eishockeyland Kanada flackerte meist nur auf, wenn die nordamerikanischen Teams aufliefen. Im Schnitt 48.000 Fans besuchten die fünf Heimspiele Kanadas. Auch die Auftritte des US-Teams waren gut besucht. In vielen kleineren Stadien wie Moncton aber herrschte oft gähnende Leere. Statt wie geplant 1,5 Millionen Eintrittskarten haben die Veranstalter gerade mal etwas mehr als 1,3 Millionen verkauft, und das nur, weil jedes Vorrundenticket wegen der zwei hintereinander angesetzten Spiele doppelt gezählt wurde.

Trotzdem überschütteten sich die Veranstalter bei ihrer letzten Pressekonferenz in Vancouver erwartungsgemäß mit Lob. „Ich denke, ihr habt einen super Job gemacht“, lobte Fifa-Vertreterin Tatjana Haenni. „Es war der größte Frauenfußball-Event der Geschichte“, jubelte Organisationschef Peter Montopoli.

Tatsächlich waren die TV-Quoten nicht schlecht – vor allem dank der günstigen Tageszeit und dem großen Interesse im Weltmeisterland USA. Fast fünf Millionen Zuschauer im Schnitt schauten sich nach Angaben des Senders Fox die Spiele der US-Girls an, den kanadischen Sender TSN schalteten im Schnitt immerhin 3,2 Millionen Fans ein.

Der Respekt fehlt

Organisatorisch aber lief vieles nicht rund. „Die Fußballfrauen sind wieder zu kurz gekommen. Noch immer fehlt es in der Fußballwelt am nötigen Respekt für die Frauen. So auch bei diesem Turnier“, kritisierte die kanadische Sportjournalistin Keph Senett aus Toronto.

So seien die Spielerinnen oft schlecht untergebracht worden, hätten sich Hotels mit gegnerischen Teams und Zimmer mit anderen Spielerinnen teilen müssen, berichtet Senett. Dann war da die Kontroverse über den Kunstrasen. Anders als bei den Männern sei die WM durchgängig auf Plastik ausgetragen worden, zum Teil unter unerträglichen Umständen aufgrund der Hitze.

Ob die WM dem Frauenfußball in Kanada trotzdem so etwas wie einen Durchbruch gebracht hat? „Ich hoffe sehr, dass Sponsoren und Funktionäre nach der WM endlich mehr in den Frauenfußball investieren, in ordentliche Gehälter, eine ordentliche Profiliga oder zumindest in bessere Trainingscamps“, meint Senett.

Der kanadische Verbandschef Victor Montagliani klang auf seiner letzten Pressekonferenz da eher zurückhaltend. Das frühe Aus der Kanadierinnen bezeichnete er als „verpasste Gelegenheit“ für den Sport. Immerhin aber habe sich Kanada als Austragungsort beweisen können in einer Art Probelauf für Größeres. In ein paar Jahren will Kanada die WM der Männer ausrichten.

 

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