Kurt Flasch und die Kampfplätze der Philosophie

POLITISCHES DENKEN Der Philosophie-Historiker Kurt Flasch hat den Hannah-Arendt-Preis verliehen bekommen. In seiner Laudatio würdigt Karl-Heinz Bohrer den Mann, der sich zeitlebens von dem Sperrigen der Denker der Spätantike und des Mittelalters faszinieren ließ

Welch wunderbare schöne neue Welt, in der wir Wikipedia haben – was braucht es da noch politisches Denken! „Schwarmintelligenz“ nannte Jaron Lanier das Phänomen: Alle Fischlein sind so merkwürdig ausgerichtet – gerade in ihrer Beweglichkeit. Keines muss seine Richtung suchen.

Kurt Flasch, der Philosophie-Professor aus Bochum, ist mit dem Hannah-Arendt-Preis ausgezeichnet worden. Man gehe zu Thalia, diesem Aldi des Buchhandels, und frage nach Kurt Flasch. Die Verkäuferin kann nichts dafür, dass sie den Namen nicht kennt. Der Blick auf den Bildschirm entschuldigt sie: Kein Buch da von Kurt Flasch. Nichts.

Karl-Heinz Bohrer, der Laudator des diesjährigen Hannah-Arendt-Preisträgers, liebt das Sperrige an Kurt Flasch, das Rebellische, er liebt dessen Widerstand gegen „teleologisch harmonisierende“ wie gegen „linkskonformistische Denkweisen“. Flasch will nicht synthetisieren, sagt Bohrer, will „das vorhandene System nicht noch mehr zur Harmonie“ bringen, sondern will sprengen. „Flaschs Beschreibungen solcher Sprengvorgänge sind die Höhepunkte seiner Bücher.“ Flasch versteht Philosophie als ein Kampfplatz. „Kampfplätze der Philosophie“ ist der Titel seines 2008 erschienen Buches. „Viele Menschen“, so schreibt Flasch da, „darunter auch einige Philosophen, stellen sich Philosophie als ruhige Weisheit oberhalb aller Parteiungen vor. Die Philosophie, meinen sie, das seien die großen, gleichbleibenden Themen: Die Wahrheit und das gute Leben, Gott und Mensch, das Einzelne und das Allgemeine.“ Dieses Buch analysiert die großen Kontroversen im christlichen Mittelalter, die Auseinandersetzung Erasmus-Luther – Streitfälle von Augustin bis Voltaire.

„Wer die ‚Synthese‘ von Glaube und philosophischer Vernunft feiert, aber die Kämpfe ignoriert, weiß kaum die halbe Wahrheit.“

Flasch verfasste „stimulierende Gesamtdarstellungen der mittelalterlichen Philosophie“, lesen wir bei Wikipedia, „wobei er – so nicht wenige Kritiker – in der Auswahl der berücksichtigten Autoren teilweise einseitig verfährt und er daher in der Setzung der Interpretationsakzente nicht unumstritten ist“. Das ist im Zeitalter der Wikipedia-Schwarmintelligenz ein vernichtendes Urteil. „Nicht unumstritten“ – das bedeutet: Vorsichtshalber „delete“ drücken anstatt „copy & paste“. Und dann noch das: Eine „dezidiert christentumskritische Sicht der intellektuellen Entwicklungen in der europäischen Philosophie“ habe Flasch gehabt und die im Wintersemester 1994/95 in seiner Bochumer Abschiedsvorlesung unter der Überschrift zusammengefasst: „Warum ich nicht mehr Christ sein kann“. Eine dezidiert christentumskritische Sicht! Das ist das moderne Wikipedia-Urteil!

„Nichts zeichnet den Intellektuellen Flasch so sehr aus wie die Verweigerung gegenüber einer die Widersprüche auflösenden Harmonisierung, einer Pazifizierung des Geistes“, so formuliert der Bohrer im Manuskript seiner Laudatio. „Solche Harmonisierung hat meist zwei Varianten, besonders in der deutschen Geisteswissenschaft und Hermeneutik: Entweder wird das Denken eines Philosophen in die Bahnen generell akzeptierbarer Diskurse gelenkt (...), oder solches Denken wird aktualisiert nach den Grundsätzen eines ,hermeneutischen Verstehens‘, das unser sentimentalisches Bedürfnis nach mentaler Wiederkehr des Eigenen befriedigt. Es gibt in der deutschen akademischen Tradition wenig Sinn für den Skandal des nicht im System Unterbringbaren.“

Was den Laudator Bohrer fasziniert: Der Mediävist Kurt Flasch macht die Denker des Mittelalters lebendig, indem er in ihnen den „Reiz der Nichtmoderne“ sucht. Er will „vormoderne Denkformen in ihrer authentischen Motivation erfassen“. Augustinus, ein Kirchenvater? „Logik des Schreckens“ nannte Flasch sein Buch über Augustins Gnaden-Lehre. Bohrer: „Entgegen den kompromisslerischen Erklärungen unter Augustins Auslegern beharrt Flasch auf dieser Brutalität, ja dem quasi nihilistischen Angebot des Textes. Er spricht vom ,metaphysischen Grauen‘, das dieser vermittle. Er besteht gegen die Ideenhistoriker, die den Skandal der ,Gnaden‘-Lehre umgehen wollen, auf dem ,Schauder der Vormoderne‘ in Augustins archaisierender Theorie. Er beschreibt sie mit Worten, die den Sadismus der göttlichen Auswählung herausstellen. Offen gestanden: Die Zumutung, dass der Mensch niederknie, um seine blutige Hinrichtung betend zu erwarten, erinnert an die perverse Ästhetik des Schreckens.“ In Flachs Rekonstruktion kommt Augustin zum dem Schluss, „dass Gott den Menschen als solchen nicht liebe, nur wenigen die Gnade der Erlösung vom Höllenfeuer gewähre, und dies ohne jede Begründung, das heißt ohne Rechtfertigung, etwa im guten Werk der also Ausgewählten. Es gibt, so scheint es, keine Gerechtigkeit Gottes. Er ist der Vollstrecker nicht vermittelbare Willensentschlüsse gegen alle unsere humanitären Vorstellungen.“

Für Bohrer steht in Flaschs Darstellung „neben dem Kriterium der Originalität des Denkens auch das Kriterium des Epochalen der geschichtlichen Situation: Ob Abaelards Häretik, ob die Herausforderung der christlichen Theologie durch die arabische Aristoteles-Rezeption, ob Meister Eckharts Destabilisierung der Metaphysik, ob Ockhams ‚Messer der Kritik‘, ob Petrarcas Ruf nach der wahren Philosophie und schließlich Machiavellis Realismus – alle diese Namen haben Flaschs Neugier und Sympathie nicht einfach deshalb, weil er mit ihrem Denken übereinstimmte, sondern deshalb, weil die Kühnheit ihres Denkens den Denker fesselt“.

Gar nichts hält Flasch von der These eines „christlichen Humanismus, unter welchem Titel viele Ausleger von Thomas‘ unterschiedlichen Ethiken aus Stoa, Platon, Aristoteles, Augustin und Seneca diese synthetisieren“. Auf dieser Linie liegt auch Flaschs für Schwarmeister provokative Abrechnung mit Martin Luther, der zentralen Identifikationsfigur des deutschen protestantischen und akademischen Geistes. Flasch sieht in Luther „einen letztlich reaktionären, intellektuell anspruchslosen Geist“ (Bohrer). Luther ist für Flasch eher ein provinzieller und rückständiger Mönch – weil er die lebensfeindlichen Thesen Augustins aus der Mottenkiste holte. Die vernünftigeren Lesarten des Christentums waren für Flasch oft genug diejenigen, die im Kampf um Macht und Einfluss den Kürzeren zogen. Ihm geht es auch dabei um etwas Aktuelles: „Wer die ,Synthese‘ von Glaube und philosophischer Vernunft feiert, aber die Kämpfe ignoriert, weiß kaum die halbe Wahrheit.“

Mit dem 79-jährigen Mediävisten und Philosophie-Historiker Kurt Flasch ehrt die Jury in diesem Sinne einen „ungewöhnlichen Gelehrten und Intellektuellen“, so schließt die Ladatio von Karl-Heinz Bohrer.