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zwischen den rillenDrei Gospelpunk-Akkorde für eine Brechstange

Algiers: „s/T“ (Matador/Beggars/Indigo)↓

Algiers – ein Bandname, der nach Ende klingt – dem Finale von allem – und Apokalypse-Stimmung suggeriert, wie das Johannes-Evangelium. Folglich demontiert das US-Trio Popmusikkonventionen frei von jeglicher Ironie und kreuzt Gospel mit Punk.

Gospel war immer schon die poppige Variante säkularer Kirchenmusik – und christlichen Fundamentalisten daher ein Dorn im Auge. Diese behaupten, Gospel-Spirituals würden das Göttliche mit dem Trivialen verbinden, die Schönheit Gottes durch Effekthascherei verwässern und alles in Spektakel verwandeln. Zu viel Fun beim Funeral sieht die Kirche nicht gern, erlöst es die Menschen doch von der Trauer, aus der die Kirche wiederum kein Kapital schlagen kann.

Und dann noch Punk in seiner politischen Ausrichtung, wie einstmals von der britischen Band Crass gespielt. Was mag heutzutage Punk sein? Mit der Sex-Pistols-Kreditkarte eine Line Speed ziehen? Nein, es gibt durchaus Anliegen, die sich politisch verhandeln lassen. Und dazu sind nach wie vor nicht mehr als drei Akkorde notwendig. Fun oder Politik: Lustig ist die aus Atlanta, Georgia, stammende und nun in New York ansässige Band Algiers ohnehin nicht. Ihr Debütalbum ist ein finales musikalisches Klagen – Franklin James Fishers Baritonstimme spukt durch die Songs wie das Wehklagen des letzten Menschen. Und er predigt den Untergang. Was soll man noch hoffen?

Gallige Hymne

In „Blood“, einer galligen Hym­­ne, heißt es „Still three-fifths a man“ – noch immer nur drei Fünftel Mensch. Das ist kein besonders abgefahrener Takt, sondern jene Dreifünftelklausel, die es in den US-Südstaaten Sklavenhaltern ermöglichte, aus wirtschaftlichen und rassistischen Gründen Sklaven als Dreifünftelmenschen zu deklarieren.

Algiers sind die Vorhut einer neuen Ernsthaftigkeit – und sie ist bitter nötig. In ihrem Song „Irony. Utility. Pretext“ heißt es, „Choice is the Guillotine“ – womit sich direkt Bandname und Mission entschlüsseln lassen. Michael J. Malones Roman „The Guillotine Choice“ ist die wahre Geschichte von Kaci Saou­di. Im französisch-kolonisierten Algerien der 20er Jahre wird Saoudi vor die Wahl gestellt, seinen Cousin zu verraten oder 25 Jahre im härtesten Knast der Welt zu verbringen. „Devil’s Island“, die Höl­­le auf Erden, ein Arbeits­la­ger das nur wenige überlebten. Das dazugehörige Video beginnt mit dem Kierkegaard-Zitat „The most painful state of being is remembering the future / Particularly one you can never have.“ Der Roman ist zwar erst 2014 erschienen – zwei Jahre nach Gründung der Algiers – doch die Story passt wie die Faust aufs Auge. Und Todesurteile gehören leider immer noch zum Alltag schwarzer Amerikaner.

Mit all ihrer musikalischen Sperrigkeit und den politischen Texten bringen Algiers dann tatsächlich richtige Spannung rüber – ihre Aggression, die Stimme von Gitarrist Franklin James Fisher, die generelle No-Nonsens-Attitüde. Ein Hammer ist halt doch noch immer die bessere E-Gitarre und die Brechstange der schnellste Weg ins Gehirn. Hört man Algiers, kommt einem sofort der rassistische Mord in Charleston in den Sinn. Und das ist auch gut so: Reihenweise werden nun die Konföderiertenflaggen eingeholt und aus den Dreifünftelmenschen Menschen werden hoffentlich bald ganze.

MICHAEL ANISER

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