Sprache Das Binnen-I stört. Und jetzt machen ihm auch noch Sternchen, Unterstrich und x Konkurrenz. JournalistInnen, Feminist_innen und Expertx streiten über die neuen Versuche, gendergerecht zu schreiben

Gegen den Strich

Von Heide Oestreich
(Text) und Michael Szyszka (Illustration)

Gerechtigkeit ist in der taz oberstes Gebot. Die gendergerechte Schreibweise wird aber auch in dieser Zeitung nicht besonders gemocht, tazlerinnen und tazler reagieren oft allergisch. Das große I haben sie eine Weile klaglos getragen und sich auch in Texte hineinredigieren lassen, aber der Widerstand wurde von Jahr zu Jahr größer.

Am meisten stört die beabsichtigte Störung im Lesefluss. Es wirkt auf einige Redakteure und Redakteurinnen pädagogisch bis penetrant. Sie versuchen der Tücke, dass Ärztinnen und Lehrerinnen regelmäßig hinter ihren männlichen Pendants verschwinden, anders zu begegnen. Sie nennen beide Geschlechter oder verwenden Worte wie „Studierende“. Mit dem Folgeproblem, dass das eine lang ist und das andere konkretes Nachdenken erfordert, beides Nachteile für einen Journalismus, der immer schneller und kürzer werden soll.

Seit einiger Zeit betreten neben dem Binnen-I neue Herausforderungen die Bühne des Schreibens: Unter_striche und Gender*sterne und zuletzt das neutrale x, berühmt geworden durch Lann Hornscheidt, „Professx“ für Genderstudies und Sprachanalyse in Berlin.

Der taz werden immer wieder Texte angeboten, die in diesen Schreibweisen verfasst werden. Die Verfasser_*innen wollen zeigen, dass sich zwischen den zwei Geschlechtern noch viele andere, queere Menschen tummeln. Auch sie sollen sichtbar werden. Zudem sollen die neuen Zeichen darauf aufmerksam machen, dass in einer Binarität verharrrt wird, die auch Herrschaftsinstrument ist und gesellschaftliche Rollenerwartungen bedient. „Die gesetzte Marke eröffnet so einen erotischen Raum, in dem sich Gendermigrant_innen aller Couleur tummeln können“, warb Steffen Kitty Hermann 2003 in der linken Zeitschrift Arranca, in der sie_er den Unterstrich erstmals vorschlug. Sie_er wollte das Geschlecht vor allem von der Biologie als Determinante lösen. Andere Aktivist*innen entwickelten den Genderstern, der hübscher ist und hintersinnig als Platzhalter für alle möglichen Endungen in digitalen Suchsystemen zitiert.

2009 zeigte eine Umfrage in der taz, dass die Redaktion mehrheitlich eine geschlechtergerechte Sprache möchte, genauso mehrheitlich aber grammatik- und rechtschreibfremde Formulierungen ablehnt. Wenn schon das Binnen-I in der taz nicht mehrheitsfähig ist, welche Zukunft hat Genderstern, Unterstrich oder gar x?

taz-Redakteurin 1: „Es ist mir zu viel Verwirrung für einen zu kleinen Effekt und auch eine zu kleine Gruppe.“

Geschichte: Als Erfinder des Binnen-I gilt der Schweizer Autor Christoph Busch. In seinem Buch über Freie Radios schrieb er 1981 von „HörerInnen“ im Gegensatz zum damals üblichen „Hörer/innen“. Busch beschrieb seine Erfindung als „Geschlechtsreifung des „i“.

Spanien: Das @ steht für „o“ (männlich) und „a“ (weiblich) gleichermaßen: muchach@s, amig@s, latin@s

taz-Redakteurin 2: „Eigentlich, jetzt, wo ich drüber nachdenke, fände ich es sinnvoller, den Stern zu verwenden, aber das I hat sich mir so eingeschliffen.“

taz-Redakteur 1: „I, * und _ sind nur kleine Störer, die nur das tun: nerven. Ich wette, dass vielleicht nur einige Genderexperten sagen können, was wofür steht und was alles gegen welches dieser Symbole spricht. Sprache aber kann nicht funktionieren, wenn sie einen Beipackzettel mit Gebrauchsanweisung benötigt.“

taz-Redakteur 2: „Sternchen und Unterstrich sind rein schriftlich und rein akademisch; das kann als Zeitungssprache meines Erachtens nicht funktionieren. Im Lesen hat es für mich so einen genitalophoren Effekt, also was eher unfreiwillig Dionysisch-Komisches: Wörter mit umgeschnalltem Multigeschlechtsteil.“

Das mit dem Multigeschlechtsteil hat schon andere beschäftigt. Auf dem „Mädchenblog“ gibt es eine Diskussion darüber, was phallischer ist, das große I oder der Strich, den AnthropologInnen angeblich tatsächlich auch als Phallussymbol einordnen.

Kritik in den eigenen Reihen, Zuspruch aus der Wissenschaft

Das popfeministische Magazin Missy schreibt das große I. „Der Unterstrich stellt mich nicht zufrieden“, so Mitherausgeberin Sonja Eismann. „Er privilegiert die männliche Form – und alles, was nicht der Norm entspricht, ist abgetrennt und kommt hintendran. Und der Strich macht sich flach, während das große I rebellischer ist.“ Die Debatte in ihrer Redaktion sei aber alles andere als abgeschlossen. Die Sprache werde sich ändern, meint Eismann: „Queere Themen kommen im Mainstream an, das wird sich auch in der Sprache niederschlagen“.

Geschichte 1: Alle Nomen und Pronomen durchgehend feminin enden zu lassen, wird seit den Siebzigern diskutiert, 2013 wurde diese Schreibweise in die Grundordnung der Universität Leipzig aufgenommen.

Geschichte 2: Seit 1955 dürfen ledige Frauen „Frau“ genannt werden. Als „Frau“ durften bis dahin nur Verheiratete bezeichnet werden. Alleinstehende ­Mütter konnten beim Standesamt beantragen, als „Frau“ statt als „Fräulein“ geführt zu werden.

Die feministische Emma hat ebenfalls das Binnen-I, sie zitiert die Linguistin Luise Pusch, die nicht in einer angehängten Endung verschwinden möchte: „Als Frau lehne ich den mir zugewiesenen Platz auf dem Suffix ab.“ Auch setzt sie der fröhlichen Auflösung der Kategorien die schnöde Realität entgegen: „Den Geschlechterunterschied transzendieren zu wollen, wie es die Trans-Community anstrebt, ist für Frauen taktisch absurd, so lange wir von Männern, die von den neuesten Gendertheorien noch nichts gehört haben, nach alter Väter Sitte unterdrückt, ausgebeutet, verkauft, verstümmelt, versklavt, vergewaltigt und getötet werden, weil wir Frauen sind.“

Die schwul-lesbische Siegessäule oder das lesbische L-Mag benutzen weder das Binnen-I noch andere Platzhalter. „Wir fühlen uns dem Duden und der Sprache verpflichtet. Diese Formen funktionieren sprachlich einfach nicht,“ sagt Christina Reinthal, Chefredakteurin der Siegessäule. Das Magazin schreibt Leserinnen und Leser als Doppelform aus. Was aber ist mit den „männlicheren“ Lesben, die Butches, die mit Sternchen oder Gap repräsentiert werden sollen? Manuela Kay, Chefin des L-Mag winkt ab: „Ich habe als Butch, Lesbe und Feministin jahrelang dafür gekämpft, als Frau ernst genommen zu werden. Ich will nicht in irgendeine Lücke oder in einen Stern gequetscht werden.“ Auch das L-Mag schreibt die Doppelform.

Ausgerechnet also in den einschlägigen Publikationen finden die neuen Formen keinen Zuspruch. Befürworterinnen findet man dafür beispielsweise in der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ihre Texte wurden von verschiedenen Abteilungen auf unterschiedliche Art gegendert, was als unbefriedigend erlebt wurde. Als Kommunikationsabteilung und Gender-Koordinierung über eine feste Variante entscheiden wollten, „waren der FES diejenigen Varianten politisch näher, die jenseits eines binären Systems von einer Vielzahl der Geschlechter(konstruktionen) ausgehen, sie darlegen und akzeptieren“, so Vesna Rodic, die Leiterin der Kommuniaktionsabteilung der Ebert-Stiftung.

Man entschied sich für den Unterstrich, weil der „leichter in den Text zu integrieren“ sei. Wer sich damit nicht anfreunden wolle, könne weiterhin die Doppelform benutzen, die aus Praktikabilitätsgründen an der einen oder anderen Stelle auch mal schlicht maskulin bleiben dürfe.

Das feministische Gunda-Werner-Institut der Böll-Stiftung hat sich nach einer Zeit, in der sie das Binnen-I benutzte, für den Strich entschieden, „um die Leerstellen, etwa in Bezug auf diskriminierte Minderheiten, bzw. um das Kontinuum der Geschlechterkonstruktionen klarer herauszustellen“, schreibt die scheidende GWI-Chefin Gitti Hentschel. Die Böll-Stiftung dagegen empfiehlt nur alle orthografisch vorgesehenen Formen, also „Lehrerinnen und Lehrer“, „die Studierenden“, „herausgegeben von“ statt „Herausgeber“, „Lehrkräfte“ statt „Lehrer“ und so weiter.

Die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung, Annette Maennel, verteidigt diese Verabredung, die aus einer langen Auseinandersetzung hervorgegangen sei: „Sprache fängt eher an. Wichtiger, als überall ein Sternchen zu setzen, ist es doch, dass wir uns bei Texten, Bildern, Themen mit Geschlechterfragen auseinandersetzen. Zudem vermitteln wir komplexes Wissen an ein breiteres Publikum, das wir sprachlich dort abholen wollen, wo es derzeit ist.“

Geschichte: Das „x“ soll dazu dienen, dass kein Geschlecht mehr privilegiert, ausgeschlossen oder wie bei Stern oder Unterstrich hintendrangehängt wird. Entwickelt wurde es durch Lann Hornscheidt.

Großbritannien: Formal erinnert das „x“ an das „Mx“, was als Alternative zu Mr (Herr) und Mrs (Frau) bei Post, Behörden und Universitäten akzeptiert ist. Weitere Formen, die he (er) und she (sie) ersetzen, sind: Hu, Peh, Per, Thon, Jee, Ve, Xe, Zu oder Zhe.

Spätestens die Genderstudies haben das Thema gendergerechte Sprache in die Universitäten getragen. Sogar eine Abkürzung hat sie schon erhalten: „ggS“.

Demonstratives und weniger demonstratives Gendern

Mehrere Universitäten weisen darauf hin, dass beim Schreiben von Texten gegendert werden soll. Etwa am Lehrstuhl für Kulturgeografie in Bayreuth in der „Handreichung zum Verfassen einer schriftlichen Hausarbeit“: „Die Hausarbeiten sind in gendersensibler Sprache zu verfassen.“ Ob man dies durch Neutralisierungen wie „Studierende“ erreicht oder mit Binnen-I oder Unterstrich, lässt die Handreichung offen.

Die Kulturgeografie ist eine neuere Disziplin, zu der es auf jeden Fall gehöre, sensibel für nichtdiskriminierende Sprache zu sein, so Lehrstuhlinhaber Matthew Hannah zur taz. Deshalb gab es seines Wissens auch noch keinen Fall, in dem die Studierenden diese Regel missachtet hätten. Bekämen sie dann eine schlechtere Note? „Es wäre ein Minuspunkt, aber kein gravierender“, meint Hannah.

Sara Köser, die Linguistik und Sozialpsychologie in ihren Forschungen verbindet, kann eine Menge Studien zitieren, in denen nachgewiesen wurde, dass Menschen bei der Verwendung des Maskulinums für alle, also „Studenten“ und „Arbeiter“, tatsächlich mehr Männer assoziieren, die Frauen dabei quasi verschwinden. Wurden ein Binnen-I benutzt oder beide Geschlechter benannt, dann waren auch beide Geschlechter in den Köpfen präsent. Binnen-I oder die Nennung beider Geschlechter seien nicht als Hindernisse für die Lesbarkeit von Texten wahrgenommen worden.

Geschichte: Der Unterstrich funktioniert ähnlich wie der Genderstern. Zugeordnet wird das Konzept des „_“ einem Artikel von Steffen Kitty Herrmann von 2003. Der Begriff „Gap“ ist dem Englischen entlehnt. „Gender gap“ bezeichnet dort jedoch nur die Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern.

Köser ist eine überzeugte Vertreterin einer geschlechtergerechten Sprache: „Man möchte doch die Sachverhalte so präzise wie möglich beschreiben. Und wenn ich schreibe: ‚Nur 10 Prozent der Schüler schaffen die Hochschulreife‚, ist tatsächlich nicht klar, ob nur männliche Schüler gemeint werden oder beide Geschlechter.“ Köser zeigt sich offen für neuere Sprachformen: „Ich würde mich freuen, in der taz mehr Gendersternchen zu sehen“, meint sie. „Wer kompetent mit gendergerechter Sprache umgeht, kann demonstrativ und weniger demonstrativ gendern, wobei Unterstrich und Genderstern sicherlich zu den demonstrativen Möglichkeiten gehören.“

Der taz empfiehlt sie „Störungen an den passenden Stellen“. Das seien solche, wo gerade noch gestört wird, aber so wenig Reaktanz wie möglich produziert wird. Will sagen, wenn alle nur noch genervt sind, hat man mit seiner Störung nur Abwehr erreicht und keineswegs zum Denken angeregt.

Feministische und linguistische Einwände

Den größten Aufreger produzierten in der letzten Zeit neben Lann Hornscheidt, die mit allen Suffixen aufräumte und die neutrale Form propagierte, die Universität Leipzig. Nach einem Streit über die Hässlichkeit nichtsexistischer Sprache verwendet sie in ihrer Grundordnung nach dem Vorschlag eines Physikers nur noch die weiblichen Form.

Geschichte: „*“ bezeichnet Menschen, die weder Frau noch Mann sind oder sein wollen. Oft wird das Zeichen zwischen Wortstamm und femininer Endung gesetzt. Manchmal irgendwo im Wort, um zu verstören. Und ab und zu hinter die Worte „Frau”, „Mann”, um zu betonen, dass die Worte nur soziale Konstruk­tionen sind. In der digitalen Kommunikation steht der Stern als Platzhalter für beliebig viele Zeichen.

Doch gerade mit diesen Formen können die Spezialistinnen am meisten anfangen. Linguistin Luise Pusch etwa ist eine Gegnerin geschlechtsbezogener Suffixe, die meist eine Hierarchisierung darstellen: „Man muss das Männliche nicht zum Stammwort machen, an das die anderen Formen angehängt werden, sondern es deprivilegieren“, sagt sie der taz. „Frauen und Queers müssen die Stämme besetzen!“ Ihre Lieblingsform ist „der, die oder das Anwalt“.

Pusch hat nicht nur feministische, sondern auch linguistische Einwände gegen Sterne und Lücken. So habe das Binnen-I den Charme, dass eine grammatikalische Hierarchie aufgebrochen werde. Nicht mehr nur das Maskulinum, sondern auch das Femininum könne nun für beide Geschlechter stehen. Dass dagegen Lesben, Intersexuelle oder einfach Individuen, die nicht mit den Stereotypen von Mann und Frau belästigt werden wollen, sich nicht repräsentiert sehen, sei ein kategorisch anderes Problem. „Wörter sind immer inkohärent und diffus in ihrem Bedeutungsfeld. Es gibt immer Cluster von Bedeutungen, die sich auch verändern. Eine Bedeutung zu erweitern oder in Frage zu stellen, ist etwas anderes, als eine grammatikalische Hierarchie zu verändern. Und es erfordert andere Mittel“, so Pusch zur taz. Aber ist das nicht Haarspalterei? Kann man nicht mit dem Argument des Störens auch etwas linguistisch nicht Astreines propagieren?

Die Abkürzung als neue Form der Erweiterung

„Ich habe dafür gekämpft, als Frau ernst genommen zu ­werden. Ich will nicht in irgendeine Lücke oder in einen Stern gequetscht werden“

MANUELA KAY, „L-Mag“-Verlegerin

„Aua“, sagt noch einer. Er heißt Stefan Stefanescu und ist Professor für Design an der Hochschule Angewandte Wissenschaften in Hamburg. In der kleinen Berliner Gipsstraße in Mitte hat er ein Gemeinschaftsbüro mit fünf anderen Grafikern und Designern. Er bereitet mit viel Liebe und Akribie einen Espresso zu und bittet dann an seinen Bildschirm. „Das erste Problem“, sagt er und tippt „Student_innen“ ein. „Die Schrift hat eine Architektur: die Mittelhöhe, Ober- und Unterlängen. Alle Buchstaben stehen auf der Grundlinie. Der Strich dagegen sitzt unter der Grundlinie, er reißt ein Loch ins Satzbild“ – kein Wunder, er war ja mal zum Unterstreichen da. „Der Strich ist eigentlich kein typografisches Zeichen“, erklärt der Professor, als wäre damit schon alles gesagt über den Strich. Stefanescu wechselt durch verschiedene Schrifttypen. Aber auch in einer verschlungenen Serifen-Schrift bleibt der Unterstrich immer gleich, ohne Serifen, ohne unterschiedliche Strichstärken, er gehört einfach nicht dazu.

Dann ruft Stefanescu noch einen Probetext auf. Mit vielen Abkürzungen, Jahreszahlen, in Großbuchstaben geschriebenen Wörtern. Eine Übung für seine Seminare. Er zeigt, wie eine Typografin den Text Schritt für Schritt schöner machen würde: Alle Abkürzungen ausschreiben, Wörter in Großbuchstaben in normale Kleinschrift setzen, andere Großbuchstaben in kleinere Kapitälchen umwandeln, der Text wird mit jedem Schritt homogener. „All diese politischen Formen sind ja im Prinzip Abkürzungen“, erklärt der Professor. „Und die will man eigentlich vermeiden. Der Text soll so nahe wie möglich am gesprochenen Text liegen. Da sind Binnen-I und Ähnliches Störer.“ Störer, da haben wir es wieder. Unerwünschte Störer_Innen.

Keine Gnade für Sonderzeichen: „An der Sprache soll so wenig wie möglich vom Inhalt ablenken“, sagt der Spezialist. „Die Störer dagegen propagieren ein Nebenprogramm. Und das tun sie sehr monoton: „Bei jeder Geschlechternennung poppt da so ein Jack in the Box auf und hält ein Fähnchen hoch.“ Der Professor ist nicht zu erweichen. Die Wortveränderungen wirken laut ihm „langfristig formalistisch und letztlich betonköpfig“.

Der Störer ist ein alter linker Bekannter und ein altes linkes Problem. Man will stören. Die Störung soll aufrütteln, die Gestörten sollen sich erst wundern und dann nachdenken. Aber wenn man etwa fünf Mal auf dieselbe Weise gestört wurde, wundert man sich nicht mehr und denkt auch nicht mehr nach. Es wird einem geläufig, es nervt. Ja, ich habe begriffen, dass wir in einem System der Zweigeschlechtlichkeit eingesperrt sind. Aber gilt das nicht auch für das Binnen-I?

„Bei jeder Geschlechternennung poppt da so ein Jack in the Box auf und hält ein Fähnchen hoch“

STEFAN STEFANESCU, Professor für Design

Rainer Pfuhler von der Marktforschungsagentur Rheingold Salon, die unter anderem auch Werbewirkungen erforscht, hat noch ein Argument für das I: Es ist mittlerweile bekannt. „Das I ist vom Störer zu einem Markenzeichen der taz geworden“, meint er. Ansonsten hält aber auch er nichts von der Eroberung der Normsprache: „Ein Störer soll ja stören, aber auch auf den Inhalt des Textes hinweisen. Die Geschlechterstörerinnen aber lenken zu stark ab und weisen aus dem Inhalt hinaus auf ein anderes Thema. Deshalb wird es ganz schnell als nervend wahrgenommen“.

Gerade interessierte man sich noch für Schweinezuchtanlagen, da wird einem mitgeteilt, das es womöglich auch queere Schweinezüchterinnen gibt und unsere Stereotype über Schweinezüchter in Frage gestellt gehören. Well.

„Störungen gehen vor“, sagt man in der tiefenpsychologischen Gruppentherapie: Wenn einer dazwischenfunkt, dann wird das kurz geklärt, bevor man weitermacht. Genau das dürfte das Problem von Gendersternen und Unterstrichen werden. Sie drängeln sich mit einem neuen Thema in den Text, wo das Binnen-I schlicht zwei bereits existierende Formen abkürzt und verbindet.

Ist also das Binnen-I veraltet? Soll man mutig zu den Sternen und Löchern greifen? Schon beim Binnen-I hat die taz ihren AutorInnen Freiheit zugesichert. Da Sternchen und Lücken noch ein bisschen komplizierter sind, wird sie es auch bei diesen so halten. Prognose: Wenig queere Schweinezüchter*innen werden ihren Weg in die taz finden. Bleibt uns nur, das mit queeren Themen wieder wettzumachen.