Neuer Lübecker in Lübeck

Der fröhliche Herr Harety

800 Mitglieder, ein neuer Rabbi und bald auch eine renovierte Synagoge: Die Lübecker jüdische Gemeinde erholt sich.

Will eine fröhliche Gemeinde und macht gleich den Anfang: Lübecks Rabbi Harety. Foto: Miguel Ferraz

Am Freitagabend strömen die Gläubigen ins Untergeschoss eines Hauses in der Lübecker Altstadt. Die Männer rücken ihre Kippa zurecht, die Frauen nehmen ihre Plätze im hinteren Teil des Gebetsraums hinter einem durchsichtigen Vorhang ein. Rabbi Yakov Yosef Harety lässt den Blick schweifen und nickt zufrieden: Es sind genug Besucher für einen Gottesdienst da; zehn Männer über 13 Jahren müssen es sein. Harety ruft alle herein, die noch draußen plaudern. Dann beginnt der Gottesdienst – mit einem Rabbiner an der Spitze statt eines Vorbeters. 77 Jahre lang hatte Lübeck keinen Rabbi. Und nun rückt auch die Wiedereröffnung der Synagoge näher.

Jüdische Familien leben seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Lübeck – vereinzelt, denn Lübeck gehörte nicht zu den Orten im heutigen Schleswig-Holstein, in die Juden ungehindert zuziehen durften. Erst das 19. Jahrhundert brachte neue Freiheiten. Eine Gemeinde entstand und erwarb ein Grundstück in der Altstadt. Unter Rabbiner Salomon Carlebach wurde 1880 eine Synagoge gegründet, mit einer Fassade im pseudo-orientalischen, „maurischen“ Stil.

700 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde vor dem Ersten Weltkrieg. Wegzüge in der Wirtschaftskrise und der Holocaust vernichteten die Gemeinde fast ganz. Nur das Gebäude der Synagoge überstand die Pogromnacht 1938 einigermaßen, weil es in der Altstadt stand und die Brände, die Nazis hier wie in anderen Synagogen legten, rasch gelöscht wurden. Aber die Fassade wurde durch Backstein ersetzt und eine Sporthalle eingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich die Gemeinde neu. Aber sie war klein. 1952 waren laut „Jüdischer Allgemeine“ noch 30 Lübecker jüdisch.

Rabbi Harety hat seinen Gebetsschal umgelegt, ein breitrandiger Hut bedeckt seine Kippa. In Hebräisch spricht er die Worte der Liturgie. Wenn er sich umdreht, um der Gemeinde das nächste Lied anzusagen, tut er es auf Russisch. Von den inzwischen rund 800 Mitgliedern der Gemeinde stammen „eine aus Israel und 799 aus der ehemaligen Sowjetunion“, sagt der Rabbi. Russisch ist die Alltagssprache in der Gemeinde, obwohl viele seit Jahren in Deutschland leben: „Anfangs sagen alle, sie wollen nur deutsches Fernsehen schauen, um die Sprache besser zu lernen, aber am Ende schaltet man doch um“, sagt ein Gemeindemitglied.

Dass Rabbi Harety flüssig Deutsch und Russisch spricht, empfinden viele als Glücksfall: „Er bringt neuen Schwung“, sagt eine Frau. Sie komme seither häufiger. Harety freut das: „Ich will für Rückenwind sorgen“, sagt er. Er lacht viel und gern – das ist Teil seiner Botschaft: „Religion muss nicht immer ernst sein.“ Viele Leute hätten nie einen fröhlichen Rabbi gesehen. „Und dann komme ich“, sagt der 44-Jährige und breitet die Arme aus.

Yakov Yosef Harety ist schwer zu übersehen, ein großer Mann mit Bart und einer vollen Stimme. Der Israeli aus Jerusalem hat Theologie studiert, lebt aber seit 20 Jahren im Ausland: in Moldawien und Weißrussland, Indien und Neuseeland. Seit 2003 arbeitet Harety nun schon in Deutschland und betreut derzeit neben der Lübecker auch die Wolfsburger Gemeinde. Die Arbeit in der Fremde, auch in Deutschland, sei seine Berufung: „Mitglieder meiner Familie, auch der meiner Frau, sind im Holocaust gestorben. Ich weiß, dass Gott erwartet, dass ich hinausgehe und den Glauben überliefere.“

Deutschland, ein normales Land für eine jüdische Gemeinde? Hmm, macht Harety. Sicher seien Besuche von Botschaftern wichtig. Aber Normalität müsse sich im Alltag zeigen. Es gehe darum, sich sicher zu fühlen. „Dafür muss der Staat sorgen“, sagt Harety. Und das gelinge nicht immer: „Es gibt Anfeindungen, Probleme.“ Er nennt Fälle aus Berlin als Beispiel, aber er hoffe, dass Lübeck in dieser Hinsicht eine heile Welt werde.

Die Stadt von Thomas Mann und Günter Grass, die großbürgerliche Hansestadt mit ihren restaurierten Häusern ging „als die Stadt in die Geschichte ein, in der zum ersten Mal nach fünfzig Jahren wieder eine Synagoge gebrannt hat“, sagte Bürgermeister Michael Bouteiller 1994. Damals flogen Molotowcocktails in das jüdische Gotteshaus. Die vier später gefassten und verurteilten Täter richteten hohen Sachschaden an.

1995 gab es einen zweiten Anschlag auf die Synagoge; diesmal fand man die Täter nicht. 1996 brannte ein Haus, in dem Flüchtlinge lebten. Zehn Menschen starben und wieder hieß es: Täter unbekannt. „Bloß keine rechte Spur“, titelte die taz damals. Dass vor wenigen Wochen, im Juni 2015, Unbekannte einen Brandanschlag auf ein noch unbewohntes Haus für Flüchtlinge verübten, vermerkte die Öffentlichkeit angesichts vieler ähnlicher Taten ohne große Erregung.

Nach dem Gottesdienst an diesem Freitag geht es in einen Nebenraum zur Sabbatfeier: Der Rabbi bricht das Brot für alle, Wein und Salate stehen auf dem Tisch. Lübeck zählt zu den orthodoxen Gemeinden, obwohl es in Schleswig-Holstein auch einige Liberale gibt.

Harety, dessen Vater und Großvater bereits Rabbiner waren, hält die strengeren Regeln etwa für koscheres Essen oder Verhalten am Sabbat für richtig: „Niemand streitet mit der Polizei, ob ein Verkehrsschild dumm ist. Nur in der Religion will jeder ein Feinschmecker sein und sich vom Buffet nur das picken, was ihm schmeckt.“ Das sei Hochmut, meint der Rabbiner, der Vater dreier Töchter ist. Dass keine von ihnen nach orthodoxer Lehre die rabbinische Familientradition fortsetzen darf, stört Harety nicht: „Man muss kein Rabbi sein, um ein guter Jude zu sein.“

Mit der Renovierung der Synagoge allerdings ging es jahrelang nicht richtig voran. Viele Gemeindemitglieder wollten, dass die „maurische“ Fassade wiederhergestellt würde, aber der Denkmalschutz war dagegen. Historiker argumentieren, dass auch der Umbau in der Nazizeit zur Geschichte gehört. Und die Zuschüsse – rund eine Million Euro vom Land, 300.000 von städtischen Stiftungen – gibt es nur, wenn der schlichte Backstein bleibt.

Für Harety ist vor allem wichtig: „Dies ist kein Denkmal, sondern eine arbeitende Synagoge, in der wieder Gemeindeleben stattfinden soll.“ Man könnte nicht noch jahrelang in einem improvisierten Betsaal im Gemeindehaus arbeiten. „Staatliche Unterstützung spielt nicht die wichtigste Rolle, aber sie ist grundlegend für unsere zukünftige Arbeit und für die Zukunft von Judentum in Lübeck. Es gibt ein Unterschied zwischen einer Synagoge als Denkmal und einer lebendigen Synagoge mit Rabbiner“, betont der Rabbi.

Inzwischen haben die Arbeiten begonnen. Jüngst erlebte der Rabbiner eine freudige Überraschung. „Der Bauleiter sagte, Neujahr wäre alles fertig. Ich war sehr froh, bis ich begriffen habe: Er meint Dezember. Ich dachte natürlich, er meint unser Neujahr im September“, sagt Harety. Und dann lacht er wieder schallend.

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