Der kalifornische Produzent Flying Lotus alias Stephen Ellison führt HipHop mit seinem Album "Cosmogramma" in ein neues Klang-Zeitalter.von CHRISTIAN WERTHSCHULTE

Flying Lotus hat verstanden, dass die Digitalisierung nicht das Ende alter DJ-Skills bedeutet. Bild: roughtrade
Kalifornien, Ort der Sehnsüchte. "Going back to Cali, strictly for the weather, women, and the weed", rappte der New Yorker Rapper Notorious B.I.G. 1997. Kurz darauf wurde er in Los Angeles erschossen - trauriger Höhepunkt eines Streits zweier HipHop-Imperien an Ost- und Westküste. Danach war erst mal Funkstille in Sachen West Coast-HipHop. Detroit und die Südstaaten bildeten die neue Peripherie zum ewigen Zentrum New York. Bis vor drei Jahren "Los Angeles" erschien - das zweite Album des Kaliforniers Flying Lotus.
Endlich hatte jemand verstanden, dass die Digitalisierung nicht das Ende alter DJ-Skills bedeutete, sondern eine Chance, mit steigender Prozessorleistung noch verschachteltere Beats zu basteln. Technologie statt Technics. Flying Lotus wurde everybodys darling, egal, ob er als Alibi-Elektroniker für Indiefans herhalten musste oder zum Vorbild für britische Dubstep-Produzenten mutierte.
Da kann auf "Los Angeles" eigentlich nur das große Ganze folgen. "Cosmogramma" heißt sein neues Werk - ein "cosmic drama" sollte es werden, so sein Schöpfer Stephen Ellison. Es ist eine Weltausstellung im Dateiformat seiner Musik-Software. "Ich sample bis zum Umfallen", erzählt er. "Meine Platten bestehen aus tausenden von winzigen Fragmenten, deren Ursprung nicht mehr zu erkennen ist."
Und schon ist man mittendrin im Kabinett der Widersprüche von Flying Lotus. Er sampelt, aber auf Cratedigging, auf das fanatische Plattensammeln also und das schlaue Droppen von Musikgeschichte hat er keine Lust. Stattdessen sagt der 23-Jährige Sätze wie "Reiner HipHop ist eine Sackgasse" und "Ich fühle mich vom afroamerikanischen Publikum entfremdet". Spricht so der Messias, der HipHop aus der kommerziellen Beliebigkeit hin zu essenziell afroamerikanischer Spiritualität führt? Oder ist es die Stimme eines Nerds, der die alten Videospieldaddelautomaten liebt? Der mal ein Praktikum beim Label Stones Throw gemacht hat, wo er lernte, was HipHop mit Disco und Soul zu tun hat? Und der sagt, dass seine Musik erst dann fertig ist, wenn er sich einen Film vorstellen kann, zu dem sie der passende Soundtrack ist?
"Worte machen mir Angst, sie diktieren einem den ganzen Tune", erzählt er. "Meine Musik braucht Visuals." Bei "Los Angeles" gab es den passenden Film schon, die Musik war wie für die Replikantenjagd vor der Kulisse aus "Blade Runner" gemacht. "Cosmogramma" ist dagegen eine psychedelische Oper. So wie "Heaven and Earth Magic" von Harry Smith - eine einstündige Collage aus Scherenschnitt, in der ein Mädchen nach einer Zahnbehandlung in den Himmel auffährt, nur um am Ende von einem deutschen Orientalisten verspeist zu werden. Flying Lotus hat dazu in Toronto live einen Soundtrack improvisiert. Nicht nur bei diesem Auftritt wirkt es, als sei er mit dem Interface seines Computers verwachsen. Der Musiker als Mensch-Maschine - Ellison kontrolliert ein Ensemble aus Keyboard und Midi-Controllern, jede Handbewegung verändert den endlosen Remix aus eigenem und fremdem Material, der dennoch einen Ausweg aus der Improvisation mit Musikdateien kennt: echte Mitspieler.
Die hat er auf "Cosmogramma" gefunden. Radiohead-Sänger Thom Yorke schickte ihm ein paar schmachtende Gesangsdateien über den Atlantik, der Bassist Thundercat führt den Groove aus dem Raster des Sequencers. "Mittlerweile ist mir klar, wie wichtig Mitmusiker sind und dass man ein Instrument spielt", erzählt Ellison. "Wenn man ein Album wie ,Rubber Soul' von den Beatles oder ,A Love Supreme' hinbekommen will, kann man nicht nur Beats programmieren."
John Coltranes "A Love Supreme" - das ist nicht nur Musik-, sondern auch ein Teil von Ellisons Familiengeschichte. Seine Großtante Alice heiratete kurz nach der Veröffentlichung von "A Love Supreme" dessen Schöpfer. "Alice stand immer im Schatten von John und hat nie viel über Musik geredet", erinnert er sich. "Stattdessen ging es immer um Spiritualität und Meditation." Auch die Großmutter von Flying Lotus komponierte Songs für Diana Ross und Michael Jackson. Doch als er selbst Saxofon lernen sollte, um Jazz zu spielen, brach er den Versuch ab. Stattdessen studierte er Film. "Erst letztes Jahr habe ich die Musik meiner Tante gehört und sofort dachte ich ,Wow'. Ich hatte ja keine Ahnung, wie unglaublich gut das ist." Und so hat er auf "Cosmogramma" erstmals eine Harfe auftreten lassen, das Instrument von Alice Coltrane. Einen Dokumentarfilm über sie hat Ellison bis heute nicht zu Ende gedreht.
Es ist ein kleiner Kratzer in seinem ansonsten lückenlosen Lebenslauf. Und trotzdem ist Flying Lotus ein permanenter Overachiever, ein "Whiz Kid", das vor lauter Talent schon mal inkohärent werden kann. "Cosmogramma" überschreitet das ungeschriebene Gesetz des Genres mit jedem Takt. Bassläufe aus der Hochzeit des Post-Bop türmen sich mit gebrochenen Beats zu Klangkaskaden, die sich fast immer dann eine kurze Atempause gönnen, wenn sie kurz davor sind, ihre Hörer hoffnungslos überfordert zurückzulassen. Egal, ob man es "Wonky" nennt oder "Avant-HipHop" - letztendlich ist es Bassmusik. Und damit zugleich kompliziert. Denn Flying Lotus fühlt sich nur seinem eigenen Gehör verpflichtet. Wenn er in England ist, geht er gerne auf Dubstep-Raves, erzählt er. Obwohl er das Genre an sich gar nicht mehr so spannend findet. Aber in Los Angeles ist halt um zwei Uhr nachts Schluss mit den Partys. Dafür gibt es dort eine Live-Szene, die er mag - Bands aus dem Umfeld von "The Smell", einem selbst organisierten Club, in dem eine Noiserock-Band gleich hinter einem Elektro-Musiker spielen kann. Und wo die Community stimmt.
Wie auch auf seinem eigenen Label Brainfeeder. "These Cats" nennt er seine Acts liebevoll: den Multi-Instrumentalisten Daedalus, seinen Freund The Gaslamb Killer und Gonjasufi, der seine Tracks aus der Wüste von Nevada zu Flying Lotus geschickt hat, wo sie dann zu penibel improvisiert wirkenden Psychedelic-Orgien geformt werden. "Uns allen geht es schon lange nicht mehr um HipHop", erzählt Ellison. "Uns verbindet eine Sucht nach dem Unperfekten."
Ist "Cosmogramma" also ein Beta-Test, ein originärer Ausdruck einer Künstlerexistenz im permanenten Projektstadium? "Ich will mich nicht wiederholen", erklärt Stephen Ellison. Es klingt wie ein Satz aus dem Skript für ehrgeizige Nachwuchsmusiker. "Schau dir mal Tarantino an. ,Inglourious Basterds TK" war ein unglaublich mieser Film. Aber jeder sagte ,Its Quentin, man', und er kam damit durch." "Its Flying Lotus, man" - das hört man bis jetzt noch nicht. Im Moment existiert er unterhalb des Radars der großen Plattenfirmen und ihrer lukrativen Remixaufträge. Dorthin aufzusteigen wäre die Veredelung von Flying Lotus als Marke, so wie es Generationen von talentierten Produzenten vor ihm ergangen ist. Und selbst wenn er eines Tages in der Champions League der Super-Producer spielt: Im Kugelhagel wird Flying Lotus auch dann bestimmt kein Ende finden.
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Leserkommentare
31.08.2010 19:54 | Doktor Ah
so wahnsinnig schön es ist, über lotus in tageszeitungen zu lesen, so schade ist der ein bisschen schlecht recherchierte ar ...
10.05.2010 12:55 | Sarah
Seit langem der beste Album Titel. Unter http://www.artiberlin.de/ fand ich auch einen lustigen Titel "Licht an, Licht aus ...
06.05.2010 21:43 | dottore
Lustig. Ich habe nach derselben Interview-CD von FlyLo einen Artikel über ihn geschrieben. Good job, though.