: Charlie wird wir
NON-PROFIT Solidarische Unternehmen erwirtschaften in Frankreich 10 Prozent der Wirtschaftsleistung. Jetzt will auch das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ seine Rechtsform ändern – als erster Medienbetrieb
taz | Mit 210.000 Abonnenten und 100.000 am Kiosk verkauften Exemplaren geht es Charlie Hebdo ein paar Monate nach dem mörderische Attentat vom 7. Januar in finanzieller Hinsicht so gut wie nie. Jetzt will nach Angaben des Herausgebers und Hauptaktionärs Laurent Sourisseau die französische Satirezeitschrift ein „solidarisches Unternehmen“ werden.
Das ist logisch, denn Charlie Hebdo erscheint nach dem Angriff von islamistischen Terroristen auch dank internationaler Solidarität. Entsprechend groß ist das Interesse, wie die Überlebenden der Charlie-Redaktion mit dem Geldsegen dieser Unterstützung umgehen. Die neue Rechtsform schreibt vor, dass der Gewinn oder die Auszahlung von Dividenden nicht im Vordergrund steht.
Charlie ist nun in Frankreich das erste „solidarische“ Medienunternehmen. In diesem Jahr werden die außerordentlichen Überschüsse von 10 bis 15 Millionen Euro komplett investiert. Das beruhigt ein wenig die Mitarbeiter, die eigentlich am liebsten die Umwandlung der AG in eine Genossenschaft gewollt hätten. Die 4 Millionen Euro Spenden für die Angehörigen der zehn Attentatsopfer werden übrigens von einem aus unabhängigen Persönlichkeiten zusammengesetzten Komitee verteilt.
Dennoch bleiben mehrere Fragen zur zukünftigen Geschäftsführung und der internen Organisation offen. In Frankreich sind solidarische Unternehmen der breiteren Öffentlichkeit noch wenig bekannt, obwohl der Wirtschaftssektor 2013 mit 2,3 Millionen Personen in 217.000 Unternehmen rund 10 Prozent des BIP erwirtschaftete und mehr als 12 Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigte.
Schlagzeilen haben in den letzten Jahren Firmen mit oft sehr renommierten Marken gemacht, die nach einem Konkurs vom Personal in der Form von Arbeitergenossenschaften, in Frankreich meist kurz SCOP genannt, übernommen und als solidarische Unternehmen eingetragen worden sind. Diese Rechtsform ist aber nicht solchen aus Arbeitskämpfen hervorgegangenen Kooperativen vorbehalten. Viel bedeutender und den Konsumenten aus dem Alltag geläufiger sind die in Frankreich sehr starken, ebenfalls genossenschaftlich strukturierten „Mutuelles“ unter den Versicherungsanstalten und Banken. Zu diesem Zweig der Volkswirtschaft gehören auch zahlreiche Stiftungen, Vereinigungen und Fonds mit solidarisch-sozialen Zielsetzungen.
Der Sektor ist durch seine besondere Ethik charakterisiert. Die vorrangige Zweckbestimmung ist nicht der Gewinn, sondern der soziale Nutzen im Dienst der Unternehmensmitglieder, der lokalen Interessen, der Umwelt oder der Allgemeinheit. Entsprechend muss die Betriebsführung durch ihre Autonomie und Mitbestimmung charakterisiert sein. Der Staat belohnt und fördert die Investitionen in registrierte Unternehmen mit Steuerabzügen. Sie sind ein wachsender Wirtschaftszweig – zudem nun mit Charlie Hebdo auch ein Medienhaus gehört. Rudolf Balmer
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