Ebook Bei diesem Faust-Roman wundert einen gar nichts mehr: „Herr F“ von Nick Currie alias Momus

Hochkulturelle Referenzen eines gewitzten Melancholikers

In den verregneten Hügeln des 18. Jahrhunderts“ brachte der schottische Schäfergehilfe James Hogg ein Prosawerk zusammen, welches ihm die ungezügelte Zuneigung der deutschen Romantiker mit ihrem Faible für alles Volkstümliche einbrachte. Der in Berlin lebende Musiker Momus verbeugt sich nun von schottischer Seite vor der deutschen Literatur, wobei er in Beschreibungsopulenz und verzogenem Humor nicht zurücksteht hinter dem Ettrick Shepherd, wie die Romantiker Hoggs bezeichneten.

„Herr F (Was ewig lebt, schreit ewig)“ lautet der beim Umsonst-und-online-Verlag fiktion.cc erschienene Roman. Erzählt wird – wieder einmal – die Geschichte von Heinrich Faust, welcher der „ultraminimalistischen Klaviermusik“ des Komponisten Adrian Leverkühn verfällt. Wie dieser infiziert er sich wissentlich bei einer Hamburger Hure namens Esmeralda mit der Syphilis, um ein Genie wie Leverkühn zu werden.

Heinrich Faust verfällt diesmal der Klaviermusik von Adrian Leverkühn

Nach dieser Modulation von Thomas Manns „Doktor Faustus“ rutscht der Autor Momus zügig in Goethens „Faust I“: „Mephistoteles erscheint unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Weise. Für mich ist er ein Filmproduzent, der am Kopfende einer langen Tafel eines Gartenrestaurants im Schwulenviertel von Tel Aviv sitzt.“ Flugs hat Faust seine Seele verkauft und erhält im Gegenzug die Garantie, mit seinem „Buch vom Moos“ einen beispiellosen Welterfolg zu landen. Dabei hat Faust durchaus konzeptuelle Ambitionen, indem er eingedenk des todsicheren Erfolgs die „dämonische Carte blanche“ ausspielt und das langweiligste und unlesbarste Buch aller Zeiten schreibt. Der Erfolg ist natürlich dennoch unglaublich, was Faust dazu zwingt, sich mit Gretchen Misukoshi aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen in sein Zumthor-Haus auf dem Matterhorn. Um dort nicht von den wenigen Touristen erkannt zu werden, verkleidet er sich als Schäfer wie James Hogg.

Manch einen mag bereits an dieser Stelle schwindeln. Wer aber einmal die Songs gehört hat, die Nick Currie unter dem Pseudonym Momus auf nunmehr 28 Alben unter die Leute gebracht hat, wundert sich über nichts mehr. Schon auf seinem Album „Poison Boyfriend“ brachte der gewitzte Melancholiker Kafka, Klee und Freud in einer fantastischen Melange zusammen und hält sich auch sonst nicht mit hochkulturellen Referenzen und abstrusen Ideen zurück. Doch aller Spötterei zum Trotz wabert immer auch etwas Dunkles durch seinen Lo-Fi-Pop. Wohl auch deswegen hat Momus für „Herr F“ diesen dunklen, deutschen Stoff adaptiert.

Betriebe der Autor lediglich einen hippen Aufguss des bekannten Mythos, wäre bereits für ausreichend Unterhaltung gesorgt. Allerdings gibt der schottische Barde dem Faust zusätzlich einen ganz neuen Dreh, indem sein Herr F. noch eine zweite Persönlichkeit namens Agnes hat, „die auf Grundlage der Künstlerin Louise Bourgeois entwickelt wurde“, was die Ich-Erzählperspektive amüsant verkompliziert.

Außerdem zieht Momus der Geschichte einen zweiten Boden ein. Denn Fausts verhasster Schwager Valentin erhält den Auftrag, diesen im Entstehen begriffenen Nachfolgeroman zum „Buch vom Moos“ zu lektorieren, wodurch auf der Textebene alles bisher Erzählte auf Ungereimtheiten abgeklopft wird. Man kann dankbar sein für diesen Anti-Faust, der sich verspielt über diese volldeutschen Tragödie legt. Moritz Scheper

Momus: „Herr F“. Aus dem Englischen von Andreas L. Hofbauer. 442 Seiten, kostenloses Ebook unter www.Fiktion.cc